Werbung

Werbung

Werbung

„Frenetische Stille. Gedichte“

Ron Winkler über den Zivilisationsmüll in der Seelenlandschaft

© Die Berliner Literaturkritik, 21.06.10

Von Tobias Roth

„das Geräusch / eines achten Ozeans / am neunten Schöpfungstag. ähnlich / dem Geräusch, das von der Poesie verübt wird.“ Dieser Satz aus dem eröffnenden, langen Gedicht „Fächer: Von den Jahren der Reise an einem einzigen Tag“ soll hier nicht auf ein „poetologisches Programm“ festgenagelt werden, aber in ihm scheint etwas durch, das Ron Winklers neuen Gedichtband „Frenetische Stille“ charakterisiert. Es ist eine höchst definite Schwebe, die mit dem Material der „Schöpfung“ an deren Erweiterung arbeitet. Die Gedichte werfen keinen unverstellten Blick auf die Gegenwart (das wäre die Verdopplungsarbeit eines öden Realismus), sondern werden gegenwärtig, indem sie sich am Material ihrer Umwelt, der Sprache bedienen. Anglizismen und Latinismen der Technik- und Wissenschaftssprache, Umgangssprachliches und Begriffe des jungen Jahrtausends mischen sich mit blitzenden Resten traditionell lyrischen Sprechens. Immer wieder organisieren manische Wiederholungsfiguren den Textkörper, in einer Umgebung schwer aufeinander geschobener Bilder; Ketten der Verflüchtigung und Sogwirkungen der Lautung, neben den Verführungen der Schriftlichkeit. So entsteht nach und nach eine „Magrittewirklichkeit“, ein weiteres weites Wort Winklers.

Gewiss, manche, viele Bilder und Bildketten wirken gesucht, in ihrer Neuheit blickdicht, kühl. Oft richtet sich der Text auf den Zivilisationsmüll in der Seelenlandschaft, wo es die meiste Zeit latent bewölkt zu sein scheint. Aber im Ganzen schält sich dadurch ein zeitgenössisches, urbanes Lesegefühl parallel zum Lebensgefühl heraus, entfernt von gemessener Schönheit, in neuartigen Schraubzwingen. Es entsteht der Eindruck eines Zugleich und Nicht, von Simultanität und Leere, „Frenetischer Stille“. Da ist viel lyrische Diffusion (vielleicht ja und vielleicht nein und wahrscheinlich beides), aber in einer Machart, dass die ausbleibende Befriedigung nach den Kosten (Kollateralschäden) der Befriedigung fragt. Das heißt: keine unmittelbar angenehme, aber gute Lektüre.

Literaturangabe:

WINKLER; RON: Frenetische Stille. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2010. 92 Seiten, 18 €.

Weblink:

Berlin Verlag


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: