Werbung

Werbung

Frischer Nervenkitzel

Vier neue Kriminalromane in der Sammelrezension

© Die Berliner Literaturkritik, 23.03.10

Nur knapp mit dem Leben davongekommen

Ihr Studio brennt lichterloh. Sie selbst kommt samt ihrer Katze nur knapp mit dem Leben davon. Immerhin hatte sie Glück im Unglück. Gute Freunde kümmern sich um sie. Die Autorin Sudabeh Mohafez, geboren 1963 in Teheran, beschreibt in ihrem neuen Roman mit dem kurzen Titel „brennt“ menschliche Selbstzweifel, wie sie grausamer kaum sein können. Die wie durch ein Wunder dem Feuer entkommene Musikerin irrt monatelang verstört und in Selbstgespräche vertieft durch Berlin. Unaufhörlich quält sie die Frage, wer denn der Isländer Hjartan ist, von dem die Stimmen in ihrem Kopf permanent sprechen. Ihr Geliebter ist tot. Das schlimmste aber, sie gibt sich selbst die Schuld daran. Ihr wird klar, sie hätte ihn nie lieben dürfen, denn letztendlich war ihr Musik wichtiger als alles andere. Ein Buch, das seinen Leser in Bann schlägt. Mohafez lebt seit 1979 in Stuttgart und hat jahrelang ein Frauenhaus geleitet.

„Skinned“: Kein perfektes Leben in einem fremden Körper

Lia Kahn, die nicht immer sympathische Frau im Mittelpunkt des neuen Jugendromans „Skinned“ von Robin Wasserman, ist eigentlich bereits tot. Zumindest nach dem gegenwärtigen Stand medizinischer Technik. Aber die Geschichte spielt in der Zukunft und mit der Zeit. So gibt Wasserman seiner Lia die Chance, Wochen nach ihrem Unfall in einem künstlichen Körper zu erwachen. Aber ist sie tatsächlich noch die Lia, die man kannte, oder macht ihr das der Körper ebenso vor, wie er ihr Gefühle und Empfindungen simuliert? Die einst bildhübsche und beliebte Lia ist eine Maschine mit heruntergeladenem Gedächtnis geworden, ein Skinner oder Gehäuteter, der keine Schmerzen mehr empfinden wird, aber auch keine körperlichen Freuden. In Zeiten von Schönheitsoperationen und Organspenden scheint Lias Schicksal auf den ersten Blick nicht so abwegig und utopisch. Wasserman versucht aufzuräumen mit der Wunschvorstellung nach einem besseren Leben in einem perfekteren Körper. Das ist keine neue Literaturidee, aber ein verheißungsvoller Start einer angekündigten Trilogie

Spannendes Katz-und-Maus-Spiel rund um Estonia-Tragödie

Vor dem Hintergrund des dramatischen Untergangs der Ostseefähre „Estonia“ spielt der neue Krimi von Illkka Remes. Er verbindet die Katastrophe des Fährschiffs, das 1994 auf seinem Weg von Tallinn nach Stockholm in der eiskalten See gesunken ist, mit dem Mord an einer Schülerin, einem mysteriösen Bankschließfach und der Verzweiflung eines jungen Formel-1-Rennfahrers, der sich auf die Suche nach dem Mörder des Mädchens macht und dabei erpresst wird. Allerlei Spannung verspricht solch eine Mixtur, und sie nährt sich von den nach wie vor zahlreichen Spekulationen um den Untergang des Schiffes. Immer wieder gab es Vermutungen, dass weiteres, wichtiges Beweismaterial zur größten Ostsee-Schiffskatastrophe nach 1945 zurückgehalten wurde. Erneut kann Remes in diesem Euro-Thriller mit Hintergrundinformationen glänzen, wenngleich diese substanziell nichts Neues verraten. Die Spannung allerdings vermag er im „Tödlichen Sog“ nicht bis zur letzten Seite aufrechtzuerhalten. Dafür flüchtet er sich im abschließenden Drittel in ein nicht immer ganz sinnvolles Katz-und-Maus-Spiel

Wenn Bomben leise ticken

Tim Burger sitzt wegen einer Amokfahrt mit tödlichen Folgen im Gefängnis. Ein dubioser Auftrag führt den Münchner Privatermittler Anton Schwarz zu seiner getrennt von ihm lebenden Frau, die er immer noch liebt. Tim Burger war einer ihrer ehemaligen Schüler. Rechtsanwalt Loewi glaubt, dass Tim Burger Werkzeug eines rechtsradikalen Netzwerks ist und die Amokfahrt einen antisemitischen Hintergrund hatte. Er beauftragt Schwarz mit den Ermittlungen im braunen Sumpf. Schnell verdichten sich Hinweise darauf, dass Burgers Entlassung kurz bevorsteht. Er könnte wieder zuschlagen. In den Jahren seiner Haft hat er sich in eine tickende Zeitbombe verwandelt. Der Autor Peter Probst, Jahrgang 1957, lässt in seinem Krimi „Blinde Flecken“ den Privatermittler Anton Schwarz tief in die braune Szene Münchens eintauchen. Probst schreibt seit 1982 Drehbücher für Fernsehspiele, unter anderem auch für den „Tatort“. (dpa/har)

Literaturangaben:

MOHAFEZ, SUDABEH: brennt. DuMont, Köln 2010. 204 S., 18,95 €.

WASSERMAN, ROBIN: Skinned. Loewe , Bindlach 2010. 375 S., 16,90 €.

REMES, ILLKKA: Estonia. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2010. 464 S., 14,90 €.

PROBST, PETER: Blinde Flecken. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2010. 256 S., 8,95 €.

Weblinks:

DuMont Verlag

Deutscher Taschenbuch Verlag

Deutscher Taschenbuch Verlag


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: