Gefühle einer Generation

Der Erzählband „Die Liebe in London und anderswo“ von Flavio Soriga

© Die Berliner Literaturkritik, 17.11.10

Von Angelo Algieri

„Ich bin der Kapitän meiner Schmerzen“, so heißt der Lieblingssong der Figur Elias aus der Erzählung „Lass die Hunde los“. Sie ist in Flavio Sorigas Erzählband „Die Liebe in London und anderswo“ beim Luchterhand Literaturverlag erschienen. In den acht Erzählungen des Bandes geht es in der Tat im Wesentlichen um Liebes-, Sehnsuchts- und Verlustschmerzen, aber auch um körperliche Verletzungen. So abgeklärt und cool wie der über 20-jährige Elias mit seinen Schmerzen umzugehen scheint, bleibt es nicht. Die Verletzungen, die ihm sein Vater vor Jahren zugefügt hat, weil er mit seinem Cousin schlief und Tanz studieren wollte, drängen sich immer mehr in den Vordergrund: Elias verliert die Kontrolle über seine Schmerzen, sie brechen in ihm auf. Der so verschwiegene Elias teilt sich seiner weiblichen Liebesbekanntschaft über seinen Kummer mit. Das Ende bleibt offen; die Geschichte hört in dem Moment auf, als das Flugzeug des Vaters in London, wo Elias seit dem Zwischenfall seit Jahren lebt, landet.

Der auf Sardinien geborene und nun in Rom (früher in London) lebende 35-jährige Autor und Journalist Flavio Soriga beschreibt in diesem Erzählband präzise die zwiespältigen Gefühle seiner Generation. Die Figuren seiner Erzählungen sitzen meist zwischen zwei Stühlen: Sie fühlen sich gefangen zwischen Tradition und Fortschritt, zwischen Familienpflicht und Selbstverwirklichung, zwischen Alleinsein und fester Beziehung, zwischen Liebe und freizügigem Sex, selbst zwischen Hetero-, Bi- und Homosexualität. Dabei zeigt Soriga keinen Ausweg aus dieser Gefangenschaft auf. Er beschreibt diesen Zwiespalt, vergegenwärtigt ihn. Soriga kommentiert auch nicht, welche der zahlreichen Alternativen besser ist, er bezieht keine Stellung – aber er schaut genau hin. Wie in der Erzählung „Islington“, in der sich die Protagonisten Elena und Tom, die sich jahrelang aus den Augen verloren hatten und früher ein Liebespaar waren, ihre Lebensumstände erzählen. Tom, der von heterosexuell zu „total gay“ mutiert ist, bedauert, dass er keine Kinder zeugen wird, und somit etwas Persönliches an die nächste Generation weitergeben kann. Während Elena von ihrem Mann, den sie eigentlich nicht liebt, schwanger ist, und die freizügigen Zeiten von einst vermisst. Beide stellen fest, dass sie das Leben des anderen leben und sich nach der wahren Liebe sehnen. Aber ein Ausbruch aus ihrer jeweiligen Situation, ist bedrückenderweise nicht zu erwarten. Die Geschichte lässt den Leser mit diesem ungelösten Zwiespalt zurück.

Neben vier längeren Erzählungen gibt es drei Kurzerzählungen, die zwischen drei und fünf Seiten lang sind. Sie unterscheiden sich von den längeren darin, dass sie entweder eine kurze realistische Situation skizzieren, wie in „Herbst“, oder eine magische Geschichte beschreiben, wie in „Kerzen“. Vieles bleibt offen und lässt dem Leser viel Interpretationsspielraum – vielleicht zu viel. Mitunter versteht man gar nicht mehr, auf was der Autor hinaus will.

Dennoch: Mit diesem Erzählband ist es dem Autor Soriga gelungen, den Blick auf die diffuse und widersprüchliche Gefühlslage einer ganzen Generation zu schärfen. Einer Generation, die nach neuen Lebensformen sucht und vor der älteren Generation flieht, ohne ihr gänzlich zu entkommen. Dieser verstrickten Generation fehlt es an Mut, auszubrechen und ihrem Leben Orientierung zu geben. Verdientermaßen wurde Soriga für sein vierten Buch 2009 mit dem Premio Piero Chiara – einem wichtigen italienischen Literaturpreis – geehrt. Es werden wohl noch weitere folgen.

 

Literaturangaben:

Flavio Soriga: Die Liebe in London und anderswo. Erzählungen. Aus dem Italienischen von Viktoria von Schirach. Luchterhand Literaturverlag München, 2010. 176 S., 8 €.

 


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