Von Christine Körner
Erich Kästners „Fabian. Geschichte eines Moralisten“ ist noch heute ein sehr lesenswerter Roman. Anders als in seinen bekannten Kinderbüchern zeigt sich Kästner darin als Satiriker, der sich mit viel Humor auf damals anstößige Art und Weise mit Politik, Gesellschaft und Moralvorstellungen auseinandersetzt.
Der Protagonist Jakob Fabian studierte Germanistik, lebt in Berlin und verdient sich seinen Lebensunterhalt durch Zigarettenwerbung. Er empfindet diese Arbeit als unbefriedigend, kann und will sich auch nicht so richtig dafür oder für eine andere Arbeit engagieren und lebt deswegen sein Leben so dahin. Auf der Suche nach Ablenkung, aus Neugierde, auf Anraten oder aufgrund einer Einladung von Freunden und Bekannten besucht er im Laufe des Romans verschiedenste moralisch fragwürdige Nachtlokale, Clubs und Bordelle. Dort trifft er unter anderen auf sexsüchtige oder einsame Ehefrauen, auf sadistische ältere Liebhaber, auf Menschen, die der freien Liebe frönen und andere, vor allem für die damalige bürgerliche Moralvorstellung, inakzeptable zwischenmenschliche Beziehungsformen.
Fabian berichtet von seinen verschiedenen Erfahrungen meist ironisierend und als relativ unbeteiligter Beobachter. Eines Abends nimmt ihn sein Freund Labude mit in ein Künstleratelier, wo er eine junge Frau namens Cornelia Battenberg kennen lernt. Cornelia ist Juristen und möchte gerne Karriere als Filmschauspielerin machen. Sie schildert ihm ihre schlechten Erfahrungen mit den Männern, die generell schwierige Position von Frauen in dieser Zeit und warum sie deswegen keine Beziehung mehr haben möchte. „Wenn wir einen Mann liebhaben, liefern wir uns ihm aus. Wir trennen uns von allem was vorher war, und kommen zu ihm. ‚Da bin ich’, sagen wir freundlich lächelnd. ‚Ja’, sagt er, ‚da bist du’, und kratzt sich hinterm Ohr. Allmächtiger, denkt er, nun habe ich sie auf dem Hals. Leichten Herzens schenken wir ihm, was wir haben. Und er flucht. Die Geschenke sind ihm lästig. Erst flucht er leise, später flucht er laut. Und wir sind allein wie nie zuvor. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, und von zwei Männern wurde ich stehengelassen. Stehengelassen wie ein Schirm, den man absichtlich irgendwo vergisst.“
Dennoch entwickelt sich zwischen den beiden eine Liebesbeziehung. Als Fabian nun wegen ihr beginnt, seine pessimistische Lebenseinstellung aufzugeben und sich in seinem Beruf zu engagieren, wird er gekündigt. Kurz drauf beschließt auch noch Cornelia sich auf ein Verhältnis mit einem Filmdirektor einzulassen, um ihre Karriere voranzubringen.
Neben dem individuellen, unmoralischen Verhalten einzelner Menschen thematisiert Kästner auch die Probleme in der Gesellschaft und die politische Situation in Deutschland. Fabian steht immer wieder zwischen zwei nicht wählbaren Alternativen, verharrt deswegen orientierungslos aus und flüchtet sich schließlich in die Moral, an der allein er scheitern muss. So bleibt er auch stets untätig, wenn ihm die käufliche Liebe, Gewalt oder Untreue begegnet, auch wenn er dies an sich zu verurteilen scheint. Diese Starre und Ohmacht drückt vor allem aus heutiger Sicht ein Lebensgefühl aus, dass das aufkommende nationalsozialistische Reich fest im Griff hatte. Aber „Fabian“ bietet mehr als nur ein sehr unterhaltsames Eintauchen in das anstößige und wilde Berlin vergangener Zeiten, denn manch politische und gesellschaftliche Kritik, die Kästner darin schon 1931 übte, hat bis heute nichts an ihrer Gültigkeit verloren.
Erich Kästner wurde am 23. Februar 1899 in Dresden geboren und diente im Ersten Weltkrieg als Soldat. Später studierte er Germanistik, Geschichte und Philosophie. Er arbeitete als Journalist bei der „Neuen Leipziger Zeitung“, musste damit jedoch wegen der Veröffentlichung eines erotischen Gedichts aufhören. Kästner erlangte vor allem mit seinen Kinderbüchern Ruhm, darunter vor allem seine Werke „Pünktchen und Anton“ (1931), „Das fliegende Klassenzimmer“ (1933) und „Das doppelte Lottchen“ (1949). Seine Bücher wurden in insgesamt in 24 Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt. Als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland die Macht übernahmen, wurden einige seiner Publikationen verboten und öffentlich verbrannt. Kästner wurde 1956 von der Stadt München mit dem städtischen Literaturpreis geehrt und erhielt im Jahr darauf den Georg-Büchner-Preis. Er starb am 29. Juli 1974 in München.
Literaturangabe:
KÄSTNER, ERICH: Fabian. Geschichte eines Moralisten. Atrium Verlag, Zürich 2010. 272 S., 19,90 €.
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