Geschichten von heute aus 1001 Nacht

Der neue Roman „Der Bonbonpalast“ der türkischen Autorin Elif Shafak

© Die Berliner Literaturkritik, 12.03.09

 

Ein ziemlich heruntergekommenes Apartmenthaus im Herzen der türkischen Metropole, einstmals auf Gräbern errichtet, die Bewohner dieses Hauses mit ihren Anschauungen, Widersprüchen und Verhaltensweisen, das multikulturelle Istanbul gespiegelt in diesem Mietshaus mit zehn Wohnungen und ebenso vielen unterschiedlichen Welten – das ist das Thema des neuen Romans „Der Bonbonpalast“ der türkischen Autorin Elif Shafak. Sie hat ihre Kindheit und Jugend in Spanien verbracht, übte jahrelang eine Lehrtätigkeit in den USA aus und lebt heute wieder in Istanbul, jener Stadt, die Jahrhunderte Lebensraum für Hunderte von Nationen und Religionen war, in der eine einzigartige kulturelle Synthese entstanden ist, die aber heute von vielen nicht erkannt und deshalb gedankenlos ignoriert wird. „Eine Liebeserklärung an Istanbul“, wie der Verlag für dieses Buch wirbt, ist es  keinesfalls. Sehr kritisch ironisch setzt sich die Verfasserin mit den Lebensgewohnheiten der Bewohner des Hauses auseinander, und da das Haus pars pro toto für das Istanbul von heute steht, hat es auch bei den Fundamentalisten im Lande nicht nur Zuspruch erfahren. Der täglich zunehmende Gestank, der die Bewohner umgibt, rührt ja nicht nur von den Müllbergen her, die sich vor dem Bonbonpalast auftürmen, sondern scheint aus dem Haus selbst zu kommen und zwingt letztendlich die mit sich selbst beschäftigten Bewohner, die ihre Türen vor den anderen geschlossen halten, zu gemeinsamem Handeln.

„In dieser Stadt wohnen die Toten neben den Lebenden“, sagt der Medizinstudent Sidar, der mit seinem Bernhardinerhund Gaba im Keller des Hauses wohnt und damit den Toten am nächsten ist. Denn unter den Fundamenten des Hauses liegen zwei alte Friedhöfe – ein muslimischer und ein armenisch-orthodoxer – und die Gräber zweier Heiligen, und die spielen im Leben der Hausbewohner eine nicht unwesentliche Rolle. Sie lenken deren Geschicke, so glauben die Bewohner, Aberglaube und religiöser Eifer gehören im modernen Istanbul ebenso dazu wie Fortschrittsdenken und Zukunftszuversicht. Wenn Sidar einen Joint raucht, dann erwacht die Decke, eine Collage von Bildern und Texten, zum Leben. Aber der Traum wird abrupt unterbrochen durch die bittere Wirklichkeit. Er macht sich Gedanken über den Tod, obwohl er ihn höchst lächerlich findet. Das Jahr 2002 sei ein guter Zeitpunkt, um sich für immer von dem fixen Todesgedanken zu befreien. Denn die Zahl 2002 „bewegte sich wie ein Kreis von der Fülle der Zwei zur Leere der Null und wieder zurück“. Die Erdbebenstadt Istanbul, die so aufdringlich nach Tod roch wie das Lissabon des 18. Jahrhunderts wäre dafür der richtige Ort.

Fieberhaft wird in der Wohnung 9 geputzt. Die Hygiene-Tijene ist eine von den Radikalen und Traditionalisten zugleich. Sie empfindet Ekel vor dem Ehemann und ausgerechnet im vollkommenen Weiß des Badezimmers muss sie eine nicht weniger eklige Kakerlake entdecken. Der Kindermund Su plaudert indessen die intimsten Familiengeheimnisse im ganzen Haus aus. Kaum etwas scheint die Bewohner miteinander zu verbinden. Der streng religiöse Hausverwalter Hadschi Handschi wacht ebenso streng über das Verhalten der Bewohner und erzählt seinen Enkelkindern Geschichten über Dschinns und Derwische. Was lernt die fünfeinhalbjährige Enkeltochter daraus? Sie „rollte das Wort ‚Salamander’ zwischen ihren Fingern zusammen und steckte es in ein separates Fach mit Druckknopf in ihrer schicken ‚Sprachtasche’ für ihre täglich neu gelernten Wörter“. Unterschiedlich wird des Großvaters Geschichte von der Sultankonkubine von den Kindern aufgenommen: Den Sechsjährigen beschäftigt die Aussicht auf Sex, die Fünfeinhalbjährige das Wort Konkubine (also rein in die Sprachtasche) und der Siebeneinhalbjährige straft alle mit Verachtung – ihm kann man solchen Unsinn nicht mehr erzählen.

Die russische Emigrantin und Insektenforscherin Nadja Onissimovna sieht jeden Nachmittag „Oleander der Leidenschaft“, eine miese Seifenoper, und kocht Asure, Symbol für die Befreiung aus einer aussichtslosen Lage. Als sie ihrem Mann ihre selbstgekochte Asure ins Büro bringt, erwischt sie ihn in flagranti. Die Dame, mit der Metin Cetin, ein notorischer Lügner, sie betrügt, ist seine Synchronsprecherin, die ihre Stimme der Hauptdarstellerin der Telenovela „Oleander der Leidenschaft“ geliehen hat. Das ziemlich merkwürdige, aber ehrbare Tantchen Madam ist Hüterin fremder Vergangenheiten: Sie sammelt das Strandgut des Meeres ein. Auch die Möbel ihrer Vorbesitzer hat sie nicht weggeworfen, sie passt als Treuhänderin auf das Eigentum anderer auf. Die Dinge kennen keinen Besitzer, sie haben ihre Geschichten, und manchmal ergreifen die Geschichten Besitz von den Menschen. Für Su, die in einer Wohnung aufgewachsen ist, in der die Farbe Weiß das Regiment führt, ist Tantchens Wohnung ein außerirdischer Zaubergarten: der reinste Müllpalast. Für Tantchen gleicht Istanbul einer hochschwangeren Frau, die mehr zugenommen hatte, als sie tragen konnte. Wie ein Mensch reinigt die Stadt ihren erschöpften Körper, strömt üble Gerüche aus und sondert ekligen Ausfluss, Fäkalien, Erbrochenes und Schleim ab. Weil Istanbul so viel Müll absonderte, konnte die Stadt überleben. Ein endloser Kreislauf, der aus Leben Müll und aus Müll wieder Leben schafft.

Eine junge Schönheit, Blaue Mätresse genannt, übt ihren höchst zweifelhaften Beruf aus. Sie war „halb Ehefrau, halb Prostituierte, halb blau und halb Mätresse“. Sie wollte der eintönigen Vollkommenheit des Guten entkommen und wird doch von ihren Galanen immer wieder damit konfrontiert. Kistenweise bekommt sie von den Männern Informationen über die Ehefrauen geliefert, denen sie nie begegnet ist. Schließlich die ungleichen Zwillinge Celal und Cemal mit ihrem Friseursalon im Erdgeschoß, wo alle zusammenkommen, die „Klatschmaschine“ rotiert, Gerüchte die Runde machen, die dann als Wahrheiten weitergegeben werden. Die Ichs der beiden stehen in dem Spiegel, den sie einander vorhalten, auf dem Kopf.

In Wohnung 7 lebt das männliche „Ich“ der Erzählerin. Er ist aus der Ehe mit Aysin ausgezogen, hat aber seine Sachen im Bonbonpalast noch nicht ausgepackt. Er zieht Bilanz über sein Leben. Während der Vater abends beim Trinken seine Würde verlor, bleibt er abends nüchtern und betrinkt sich am Tage. Seine Freundin Ethel arbeitet ihm einen Plan aus, wie er andern gegenüber seine Alkoholsucht verbergen kann.

Wie die Geschichten, die Scheherezade in tausendundein Nächten erzählt, haben die episodischen Lebens- und Charakterbilder bei Shafak unterschiedlichen Charakter: Liebes-, Schelmen- und Tratschgeschichten, Märchen und Legenden, Fabeln und Parabeln, Humoresken und Anekdoten. Das so heterogene Erzählmaterial wird zu einem Gesamtwerk verbunden, indem die Geschichten in eine Rahmenerzählung eingefügt werden. Der Idee der Rahmenerzählung gemäß sind die Strukturierungsmuster des Romangebildes – die einzelnen Geschichten und die Abfolge der Zeiten nie deckungsgleich. Der Wechsel der Tage und Nächte findet stets mitten in einer Geschichte statt. Obwohl jeder dieser Ausschnitte aus dem Alltagsleben eine Art Handlungspointe hat – Tod, Alkohol, Liebe, Opferrolle, Aufruhr im Haus usw. – fehlt eine durchgehende Handlung, die wie in traditionellen Erzählungen zu einem Ziel führt. Der Tod beendet nur einen Zustand, die Liebe oder was man darunter versteht ist nur eine flüchtige Episode, die fatalen Ereignisse bleiben hinter den Türen verschlossen. Und das Leben geht danach unverändert weiter. Aber die Details der Banalität werden im Zusammenhang symbolischer Ausdruck von Leben überhaupt, von Schicksal, Bedrängnis und Sehnsucht. Die assoziative Verflechtung der Motive deutet vielschichtige Sinnebenen an, manchmal in einer geradezu raffinierten Montagetechnik. Das Leben soll in seiner ganzen Wahrheit erfasst werden, auch in seiner Irrationalität und Vieldeutigkeit. Und am Schluss fügt sich alles wie ein Puzzle zusammen. Tantchen wird tot aufgefunden, als die Müllmänner ihre Wohnung aufbrechen. Der namenlose Ich-Erzähler wird dem Gestank der Wohnung Nr. 10 nie entkommen, egal wohin er geht. Die Wahrheit ist ein waagerechter Strich. Die Lüge eine senkrechte Linie – ein Apartmenthaus, das auf Gräbern errichtet wurde.

In einer einleitenden Rahmenerzählung fasst die Erzählerin die Poetik ihres Romans so zusammen: Wenn die Wahrheit ein waagerechter Strich ist, die Lüge eine Senkrechte, dann sieht das Ersponnene wie ein Kreis aus, hier gibt es keine Waagerechte und Senkrechte, weder einen Anfang noch ein Ende, keine Schwelle , keinen Ausgangspunkt und kein Ziel. Und sie bezieht sich dabei auf ein Mülldeckelspiel, das früher die Kinder in Istanbul gespielt haben. So steckt auch die Erzählerin den Zeitrahmen („Gestern – Heute – Morgen – Ewigkeit“), den Schauplatz der Handlung („Woher ich komme – Wo ich bin –Wohin ich gehe –Nirgends“) ab und schreibt „die möglichen Ausgänge dazwischen“. Wenn sie den Blechdeckel der Mülltonne viermal hintereinander dreht, dann kann sie den ersten richtigen Satz bilden: „Im Frühjahr 2002 starb in Istanbul einer von uns, bevor der Kreis sich geschlossen hatte“. So beginnt der Roman und verspricht eine spannungsvolle Lektüre. Denn um der „zermürbenden Eintönigkeit“ zu entkommen,  dem Einerlei des öden, grauen Alltags ein Schnippchen zu schlagen, fügt die Erzählerin die waagerechte Linie der Wahrheit an die senkrechte Linie der Lüge. Da aber Linien in der Regel monoton sind, sollte man „Kreise in Kreise in Kreise malen“, und dann hieße das, „mit Subjekten, Pronomen, Verben und Zufällen spielend“: „Im Frühjahr 2002, in Istanbul, wurde der Tod von einem von uns von ihm selbst / mir / uns allen / keinem von uns herbeigeführt“. Dem Kammerjäger Haksizlik Öztürk, der alle Wohnungen im Bonbonpalast wegen der Kakerlakenplage gespritzt hatte, blieb bei einer Nachbehandlung eine Tür verschlossen, weil hier inzwischen der Tod – Tantchens Tod – Einkehr gehalten hat. Doch für die Erzählerin ist es noch zu früh, davon zu berichten. „Denn es gab ein Davor und natürlich ein Vor dem Davor“. So verbindet Elif Shafak die Gegenwartshandlung mit der Vergangenheit und wirft Blicke in die Zukunft.

Shafak erzählt nicht linear, baut nicht auf eine schlanke Fabel auf, arbeitet aber auch nicht mit simultanen Handlungssträngen. Neben dem Herausfinden der „historischen Lage“ und der Dimension Geschichte, also neben der Vertiefung in den geschichtlichen Raum hinein, steht auch das Streben, das, was das Gegenwärtige ausmacht, in einer möglichen Komplexität zu fassen, und zwar im Sinne der tausendfachen Details der Alltagswirklichkeit. So kommt die Autorin zu einer epischen Gestaltung, die auf dem Episodischen beruht, sie spannt ein ganzes „Netz von Assoziationen“, um die Fülle des Alltags wirklich erlebbar werden zu lassen. Der Blick auf die Wirklichkeit ist die eines Zeitungslesers, die Zeitung stellt die einzelnen Ereignisse und Begebenheiten im Haus, in den Wohnungen neben-, über- und untereinander, sie liefert dem Leser lauter Stücke einer Wirklichkeitsspiegelung, die dieser selbst montieren, in Einheit bringen muss, um sich ein „rundes Bild“ von dem Geschehen, das ihn umgibt, zu machen. Das Prosaschreiben wird durch die „Einfunktionierung“ solcher journalistischen Mittel bereichert. Bei Shafak wird zudem das Erzählen als Darstellung der Reflexion, des Nachdenkens selbst, zum Vorgang, der zu uns reicht, der uns beteiligen will. Optimismus, Verzweiflung, Komik, Ironie und Satire bauen nicht nur auf Überwundenes, sondern viel eher auf unsere Fähigkeit zu überwinden, zu bewältigen.

Das Hineinleuchten in die einzelnen Wohnungen zwingt Shafak, Verfahren der Verkürzung, Überblendung, der zeitlichen Raffung, synoptische Verfahren zu ersinnen. Ihre Intellektualität erlaubt der Verfasserin freie Bewegung im Raum ihrer Erfahrung. Das gestattet ihr ein Hin- und Hergleiten zwischen den verschiedenen Ebenen: nicht nur von der einen Wohnung zur anderen und dann wieder zurück, sondern auch von der Innensicht der Figuren zu ihrer Außensicht durch die Autorin, von der Perspektive der Ich-Figur zu Shafaks Sicht auf die Ich-Figur und wieder zurück zu deren Monologen und immer tiefer lotenden Reflexionen. Shafaks Erzählungen sind Bruchstücke einer kollektiven Autobiographie. Aus kleinen, persönlichen Begebenheiten tritt Großes und Bedeutendes hervor. Der Erzähler taucht am Rande als „Ich“ auf oder spielt selbst kräftig mit. Der Plauderton bringt in Erinnerung, dass über eine bestimmte Person erzählt.

Literaturangaben:
SHAFAK, ELIF: Der Bonbonpalast. Roman. Übersetzt aus dem Türkischen von Eric Czotscher. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2008. 470 S., 19,95 €.

Verlag

Mehr von „BLK“-Autor Klaus Hammer


Bookmark and Share

Copyright © 2002-2009 Die Berliner Literaturkritik. Alle Rechte vorbehalten. Realisierung: <script-o-flex/>