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Glänzende Unterhaltung in „No Shopping“

Judith Levines Buch „No Shopping“

© Die Berliner Literaturkritik, 10.01.08

 

BERLIN (BLK) – Ein Meisterwerk der Selbstbeobachtung habe Judith Levine mit ihrem Tagebuch „No Shopping“ verfasst, schreibt der Gustav Kiepenheuer Verlag.

In einem Selbstversuch habe sich die Autorin auferlegt, ein Jahr lang auf den Kauf unnötiger Dinge zu verzichten. In den veröffentlichten Niederschriften ihres höchst amüsanten Tagebuchs stelle sich rasch die Frage, was nötig und was unnötig sei, meint der Verlag. Voller Schlagfertigkeit, Selbstironie und einmaliger Komik beschreibe Levine die Folgen und Schwierigkeiten der „Shopping-Verweigerung“ und biete eine pointierte Darstellung über den menschlichen Hang, sich etwas vormachen zu wollen. Bemerkenswert und erfrischend, meint auch der „WDR“.

Judith Levine ist 1952 geboren. Heute arbeitet sie als Journalistin und Autorin in Brooklyn und Hardwick. 2002 wurde sie mit dem „Los Angeles Book Price“ ausgezeichnet. (rei/wip)

 

Leseprobe:

© Gustav Kiepenheuer Verlag©

Dezember: Panik Die Idee kommt mir, wie so viele aus purer Verzweiflung gefaßte Vorsätze, kurz vor den Weihnachtsfeiertagen. Der Kredit meiner Visa-Karte ist längst ausgereizt, ich muß auf die Kundenkarte der Citibank zurückgreifen und zapfe mein Konto dennoch so hemmungslos an wie ein irakischer Guerillakämpfer eine Rohölpipeline. Obwohl ich überzeugt bin, nur das Nötigste besorgt zu haben – Baumschmuck für Howard und Nanette, französische Seife für Norma –, habe ich es geschafft, binnen zwei Wochen 1001 Dollar über New York und das World Wide Web zu verteilen. Zwar bin ich überhaupt nicht in Weihnachtsstimmung, doch das Programm wird abgespult wie gewohnt.

Und was für ein Programm das ist! Trotz trüber Wirtschaftsberichte und steigender Arbeitslosenzahlen hat die Kauflust der Konsumenten in den letzten Jahren kaum nachgelassen. Mit fröhlichem Lachen vertraut die Durchschnittsverbraucherin Barbara D’Addario am Samstag vor Weihnachten einem Reporter des Fernsehsenders CBS ihre Ausgaben in einem Einkaufszentrum an: „Heute sind es schon fünfundsiebzig Dollar, und ich bin erst zwanzig Minuten hier.“ Und worin liegt der Grund für solch fröhliche Freigebigkeit? „Ich glaube daran, daß die Wirtschaftslage sich bessert!“ sagt D’Addario. „Wir sind sehr glücklich.“

Ja, wir sind sehr glücklich – und wenn wir glücklich sind, tun wir genau das, was wir auch tun, wenn wir traurig sind oder verärgert oder gelangweilt oder wenn wir gar nichts Bestimmtes sind: Wir gehen einkaufen. Luxusuhren in der Preislage zwischen 1000 und 200 000 Dollar finden reißenden Absatz. Und selbst in den niederen Gefilden des Einzelhandels trägt das gemeine Volk trotz gemäßigter Kaufkraft zu schockierenden Nachrichten über sein Konsumverhalten bei: In einem Wal-Mart in Orange City, Florida, wird beim Ansturm auf einen Stapel DVD-Player zu neunundzwanzig Dollar das Stück eine Frau von der Menge niedergetrampelt.

Ich bahne mir den Weg durch das Drehkreuz zur U-Bahn Richtung Brooklyn und schiebe mehrere durchweichte, überladene Taschen beiseite, um für meine eigenen durchweichten, überladenen Tüten Platz zu schaffen.

Und dann habe ich plötzlich eine Erleuchtung: Was, wenn ich über die wahre Bedeutung des Konsums – und seine ökonomischen, politischen, sozialen und persönlichen Auswirkungen – nicht nur einen Tag lang nachdächte, sondern einen ganzen Monat? Ach was, zu einfach. Ich habe genügend Dinge zu Hause, um es drei Monate lang ohne Einkaufen auszuhalten. Also gut: drei Monate. Aber nein, die meisten Wünsche könnten ohne größere Probleme auch über diesen Zeitraum hinaus unerfüllt bleiben – erst nach sechs Monaten dürfte es allmählich anfangen zu kneifen. Was, wenn ich ein ganzes Jahr lang nicht mehr einkaufen ginge? Was, wenn ich mich (zusammen mit meinem Lebensgefährten Paul) einer extremen Prüfung des Nichtkonsumierens aussetzen würde: einem „Kauf-nichts-Jahr“?

Wir leisten einen Eid. Ab dem 1. Januar werden Paul und ich nur noch das Nötigste für unsere Versorgung, Gesundheit und Arbeit bezahlen – für Lebensmittel, Insulin für unsere Katze, die an Diabetes leidet, Toilettenpapier, Internetzugang etc. Mein Ziel besteht nicht darin, Geld zu sparen, obwohl ich entzückt wäre, wenn das passierte. Ich werde nicht das einfache Leben predigen oder Ratschläge geben, wie man ein solches führt. Ich bilde mir nicht ein, daß mein Verzicht auf diese CD oder jenes Kleid die Konsumkultur ins Wanken bringen wird – ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich sie ins Wanken bringen will.

Erste Symptome meines Materialismus zeigen sich zwei Wochen vor dem Tag X: Panikattacken, Angstzustände, Depression. Was ist mit dem DVD-Player, den wir uns zulegen wollten? Wir beschließen, ihn schnell noch zu kaufen. Was ist mit unseren Zeitschriften-Abonnements? Wir verlängern sie lieber im voraus, damit sie nicht auslaufen. Meine Nichte feiert im Mai ihren College-Abschluß. Wäre es gemogelt, ihr jetzt schon ein Geschenk zu kaufen?

Ich sorge mich, ich trauere. Mein Appetit auf Konsumgüter zehrt an mir. Ich komme an einem koreanischen Lebensmittelladen vorbei, vor dem reihenweise Eimer mit Schnittblumen stehen. Beim Anblick der Mini-Sonnenblumen geht mir das Herz auf. Sie sind wunderschön, perfekt geformt und passen hervorragend in die Wohnung! Ich will sie haben! Als ich für Paul zu Weihnachten eine neue elektrische Kaffeemühle kaufe (seine jetzige mahlt die Kaffeebohnen nur geringfügig besser, als ich es mit der Hand könnte), reagiere ich beim Anblick der 100000 ausgestellten Haushaltsgeräte verwirrt – nein schlimmer noch, vollkommen verstört. Meine eigene Küche mit all ihren Utensilien erscheint mir auf einmal entsetzlich schäbig. Unsere Stoffservietten sind fleckig, soll ich schnell noch ein Dutzend neue kaufen? Und der alte Teekessel mit den Rostflecken darin … Hier ist einer von Calphalon im Angebot, für nur 49,99 Dollar! Und macht dieses Ding nicht den Eindruck, unsagbar patent und furchtbar nützlich zu sein? Was mag es bloß sein? Es ist ein … ein … Schraubverschlußöffner.

In der Woche nach dem 22. Dezember gehen Paul und ich in vier Kinofilme, »die man gesehen haben muß«.

Am 29. Dezember bezahle ich (nach bereits zwei erfolgreichen Shopping-Nachmittagen!) 175 Dollar für ein Paar »Stadt«-Schneestiefel, die ich anziehen kann, wenn ich nicht gerade die anderen, die »Land«-Schneestiefel, trage.

Als ich am 30. Dezember einen Teelöffel Grand Marnier zum Kochen brauche, kehrt Paul vom Einkaufen mit der größten Likörflasche zurück, die ich je gesehen habe.

Am 31. Dezember fahren wir nach Vermont. Um 21 Uhr stellen wir Kerzen auf den Küchentisch und verabschieden das alte Jahr mit unseren traditionellen Silvester-Spaghetti. Auf das „einkaufsfreie Jahr“ stoßen wir mit unserer vorletzten Flasche Veuve Cliquot an. Um 22 Uhr entdecke ich zufällig den Katalog einer Versandfirma, in dem ich eine Seite mit einem kleinen Babyelefanten aus Beton markiert habe. Vor etwa einem Jahr suchten wir etwas Dekoratives für den Steinsockel in unserem Staudengarten. Der Elefant schien genau das zu sein, was uns fehlte, daher die Markierung, doch Paul kam nie dazu, ihn zu bestellen. „Tja dann“, seufze ich, „können wir unserem Elefanten wohl auf Wiedersehen sagen.“ „Wir haben immer noch zwei Stunden Zeit!“ ruft Paul und überrascht mich mit seinem Enthusiasmus. Er sprintet zu seinem Computer und klickt sich zur richtigen Internetseite durch. „Sie haben ihn noch!“ jubelt er und zückt seine Kreditkarte. Ein vertrautes Kribbeln durchzieht meinen Körper – die freudige Erregung über das perfekte Geschenk, das unglaubliche Schnäppchen, die Mütze oder das T-Shirt, das so ganz und gar meins ist. Paul schickt die Bestellung ab, auf dem Bildschirm erscheint die Bestätigung. Der Elefant wird übermorgen bei uns eintreffen. Und danach … wird 363 Tage lang kein UPS-Mann mehr auf unserer Schwelle erscheinen. Selbst wenn wir in den nächsten siebenundneunzig Minuten ununterbrochen Dinge bestellen würden, wäre irgendwann auch damit Schluß.

Das Kribbeln wird zu einem Frösteln.

© Gustav Kiepenheuer Verlag ©

Literaturangaben:
LEVINE, JUDITH: No Shopping. Ein Selbstversuch. Aus dem Amerikanischen von Annette Hahn. Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin 2007. 301 S., 19,95 €.

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