Von Susanna Gilbert-Sättele
Ein Paar verliebt sich „Zur falschen Zeit“. Der gleichnamige Roman von Alain Claude Sulzer schildert die dramatische Liebe zwischen zwei jungen Männern, die an sich und ihren Gefühlen scheitern. Aus der Perspektive des 17-jährigen Sohnes eines der beiden lässt der Hermann-Hesse-Preisträger die dramatische innere Spannung der Geschichte wie eine Welle ansteigen, von deren Kraft die Leser widerstandslos mitgerissen werden.
Dem immer noch viel zu wenig bekannten Schweizer Autor gelingt ein bravouröser Balanceakt zwischen Dezenz und Authentizität. Auch dieser Roman des 57-jährigen Baslers gleicht - wie einmal ein Kritiker geschrieben hat - einem „sonnigen Herbsttag, der aber auch schon Abschied und Kälte spürbar macht“. Hinter jeder Zeile dieser fast schon klassischen Tragödie steht die Frage, wie man sich in einer vergleichbaren Situation selbst verhalten hätte.
Der junge Emil hat seinen Vater nie gesehen. Er starb kurz nach der Geburt des Sohnes. Die Mutter spricht nicht über ihn. Siebzehn Jahre schon steht das Foto des Vaters unbeachtet in Emils Zimmer auf dem Regal. Bis zu dem Tag, als es der Jugendliche zur Hand nimmt und umdreht. Auf der Rückseite des Bildes entdeckt er die Adresse des Fotografen: André Gros, Atelier de Photographie, 53 Rue Blanche, Paris. Emil weiß, dass dies sein Patenonkel ist, den er ebenfalls nie gesehen hat. Einmal neugierig geworden, reist er, ohne seine Mutter zu informieren, in die französische Hauptstadt.
Einfühlsam schildert Sulzer die ersten Tage in einer Großstadt, die Emil befremdet, in der sich der Vater aber einst zu Hause gefühlt haben muss. Schließlich findet Emil André - und begreift, dass sich sein Vater schon früh zu Männern hingezogen fühlte. Für ihn bricht eine Welt zusammen. Dennoch will er die ganze Wahrheit wissen, die er in einem alten Zeitungsartikel entdeckt: Sein Vater hat Selbstmord begangen.
Sulzer verbindet die Spurensuche des Sohnes mit Episoden aus dem Leben des Vaters. Ebenso melancholisch wie verständnisvoll wird vom Leid zweier junger Männer berichtet, deren Leben und deren Wunsch nach der großen Liebe von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. An der Schwelle zum Erwachsenwerden lernt Emil, sich mit dem Vater zu versöhnen.
Literaturangaben:
SULZER, ALAINE CLAUDE: Zur falschen Zeit. Galiani Verlag, Berlin 2010. 240 S., 18,95 €.
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