Werbung

Werbung

Werbung

Essay von Wassili Grossman

Ein atemberaubender und klarsichtiger Essay

© Die Berliner Literaturkritik, 06.09.10

Wassili Grossman (Foto ©: Vassily Grossman Estate)
Literaturangabe:
Wassili Grossman: Alles fließt.
Ullstein Buchverlage, Berlin 2010, 254 S., 24,95 €.

Von Friedemann Kohler

Die Sowjetunion nach dem Tod des Diktators Josef Stalin 1953: Ein Häftling kommt aus dem Lager frei. Müde ist er, doch innerlich ungebrochen. Die Menschen in der vermeintlichen Freiheit reagieren mit Abwehr; wie ein lebender Vorwurf erinnert er sie an ihre eigene Furcht, ihre Lügen, ihr Versagen.

Doch diese psychologisch genaue Erzählung war für den russischen Schriftsteller Wassili Grossman (1905-1964) nur äußerer Rahmen seines letzten Buches „Alles fließt“. Durch Umarbeitungen bis kurz vor seinem Tod verlor das Werk die formale Einheit. Dafür wuchs es heran zu einem atemberaubend furchtlosen und klarsichtigen Essay über die russische Geschichte und einem Hohelied auf die Freiheit. Auf Deutsch erschien das Buch 1972 und dann wieder 1994. Nun legt es der Ullstein-Verlag in einer Neuübersetzung von Annelore Nitschke vor und ergänzt damit seine Grossman-Ausgabe.

Im Moskau des vermeintlichen Tauwetters Anfang der 1960er Jahre schrieb der bedrängte Grossman seine Betrachtungen mit dem Mut dessen, den Zensur oder Verhaftung nicht mehr schrecken. Der einst gefeierte Frontberichterstatter durfte nichts mehr veröffentlichen.

Sein Hauptwerk, das Stalingrad-Epos „Leben und Schicksal“, hatte der Geheimdienst KGB beschlagnahmt. Erst Jahre nach Grossmans Tod konnte ein verbliebenes Manuskript in den Westen geschmuggelt und veröffentlicht werden.

„Alles fließt“ belegt, dass in der sowjetischen Gesellschaft trotz Nachrichtenzensur alle Untaten des Regimes bekannt waren. Man konnte Bescheid wissen über die Gefängnisse und Lager, Stalins Terror von 1937, den millionenfachen Hungertod in der Ukraine 1932/33.

Mehrfach wechselt Grossman die Perspektive. Die letzte Liebe des Ex-Häftlings beichtet ihm eines Nachts ihre Schuld in der ukrainischen Hungerkatastrophe, als Stalin den Bauernfamilien auch noch die letzten Lebensmittelreste fortnehmen ließ. Dann lässt Grossman eine kurze, erschütternde Erzählung über eine Opferfamilie folgen. Einen anderen Einschub widmet er der Frau eines vermeintlichen „Volksfeindes“, die im Lager zugrunde geht. Auch eine Typologie des Denunzianten entwirft Grossman.

Auf dem Höhepunkt des Buches stellt der Ex-Kommunist eine Frage, auf die auch 25 Jahre später noch in der Perestroika (Umgestaltung) eine Antwort gesucht wurde: Wer war schuld am Irrweg der Sowjetunion - der Gewaltherrscher Stalin oder schon der Gründervater Lenin?

Grossmans Antwort greift weiter zurück: Die russische Geschichte seien 1000 Jahre Sklaverei gewesen, die Leibeigenschaft wirke nach. „Die Leibeigenenseele steckt auch in Lenins Revolution“, schreibt er. „Wo bleibt denn Russlands Hoffnung, wenn nicht einmal seine großen Propheten zwischen Freiheit und Sklaverei unterscheiden konnten?“ Dagegen stellt der Humanist Grossman seine eigene Überzeugung: „Leben heißt für den Menschen: Frei sein.“

Auch dieses Manuskript Grossmans überlebte nur im Versteck, in seiner Heimat erschien „Alles fließt“ erst 1989 - wenige Jahre vor Auflösung der Sowjetunion. Die dunkle Deutung der russischen Geschichte, die Kritik an Lenin wirkten damals noch als Provokation. Es gab eine Kontroverse mit antisemitischen Untertönen, weil Grossman jüdischer Herkunft war. Doch mittlerweile lobt auch ein russisches Schriftstellerlexikon das Buch als „würdigen Abschluss“ für Grossmans Werk.

Literaturangaben:

GROSSMAN, WASSILI: Alles fließt. Ullstein Buchverlage, Berlin 2010, 254 S., 24,95 €.

Weblink:

Ullstein Verlage


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: