MÜNCHEN (BLK) – Der Gedichtband „In die Büsche schlagen“ von Eberhard Häfner ist im September 2008 in der Lyrikedition 2000 erschienen.
Klappentext: Eberhard Häfners Sprache ist wie ein Strom, der in alle Richtungen fließt, Blüten der Vergangenheit an die Oberfläche treibt, Sinnebenen überquert und dann alles in einem eigenen fruchtbaren Sprachland ergießt. Hier gibt es keinen Mangel und keinen Überfluss – nur den Fluss der Bedeutungsebenen, die sich erst beim mehrmaligen Lesen erschließen. Die Gedichte Häfners sind ganz in der Tradition von Singen und Sagen, von Mythen und Zaubersprüchen angelegt. „In die Büsche schlagen“ ist ein lustvoller Aufruf, die Dinge in ein anderes Licht zu tauchen und sie bei ihren poetischen Namen zu nennen.
Eberhard Häfner, geboren 1941 in Steinbach-Hallenberg, lebt seit 1985 als freischaffender Dichter in Berlin. Neben Prosawerken und Gedichtbänden wie „Syndrom D“ (1989) oder „Die Verelfung der Zwölf“ (1992), veröffentlichte er eine Reihe von Künstlerbüchern, u.a. „Spatzen und sperrige Dinge“ (2006). Während seines langjährigen Schaffens erhielt er Preise und Förderungen, u. a. das 3sat-Stipendium in Klagenfurt (1989) und zuletzt das „Arbeitsstipendium durch die Senatserwaltung für kulturelle Angelegenheiten“ (2007). (mir/bah)
Leseprobe:
© Lyrikedition 2000 ©
Je est un autre
All die Barmherzigkeiten segnet Gott,
und die Welt segnet die Dichter.
Arthur Rimbaud
Profile, die mich berühren
markante Rillen zerbrochner Scheiben
und ich höre die Paternostererbsen kreischen
an den Pechsträhnen der Peitsche
Kugeln in Nächten aus Blei
erinnert mich das Vergessen
wie das Geschlecht sich öffnet und schließt
das Fleisch eine Frucht ohne Stiel
ein profitables Fossil im elysischen Grab
nur Bittermandelgeschmack
in der Absteige „Zum Tabernakel“
auf der Hostie ein Lamm ohne Schnörkel
sah ich durchs Schlüssellochfenster
im narkotischen Qualm die Profile aufsteigen
harzige Tränen des Nabatäerbaums
Einer, den ich meine zu kennen
im Orionnebel auf der Weihrauchstraße
Worte in Tüll
Ins Bett und vergessen
den verschleierten Gezeitenkloß
wenn die Hüllen fallen
ein vollmundiger Messingkuss
während sein lippenloses Omen verblasst
den federgewichtigen Spatzen
nacktes Gestein
erst dann schlafe ich ein
blasse Zirruswolken auf der Tapete
sie predigen
dem Fenster Gardinen
Verzögerter Vorgang von Wahrnehmung
Bewegung, der ich mich füge und gehe
mal in Gedanken, mal in des Körpers Schranken
nicht allein auf die Erfahrung der Sinne gestellt
so vor mich hin, ganz ohne Experiment
Bewegung, der ich mich füge und sehe
ausschweifende, entblößend gelöste Teile
Schindluder treibend über die Windkante gebeugt
die streitsüchtig verzweigten Bäume
Bewegung, der ich mich füge und höre
hart anschlagen die mandelzarten Stimmgabeln
baccanal anbeten des Mondes sahnigen Hof
Wildgänse obertönig rufen
Bewegung, der ich mich füge und fürchte
Zeit, die mir bleibt, sich verkürzt durch Eindeutigkeit
in meinem Hefeteig Bakterien krepieren
und ich bekomme den Laib nicht gebacken
Anflug Kuba
Kalt und angeschnallt
zwei Splitter vorbei am Gewitter
das tropikanische Schrapnell
fliegt glockenhell und Zeit ist Rum
riecht nach Menschenfleisch
in der zweiten Reihe das Missing link
verlorenes Glied neben brauner Spucktüte
zur Bauchlandung reif
hinreißende Ewigkeit
dem wackeren Sitzfleisch ein Trickfilm
und Einsteins Relativitätstheorie
für den Raum sind wir Luft
Rohrzucker klumpt in vergorener Masse
an der klebrigen Untertasse
und Gravitation als Übergangsform
fliegt Guantanamo an
Plinius der Ältere schreibt:
Die Kohlmeise säugt ihre Küken
Auf einer diatonischen Leiter
Luft in Fußgängers Ohr aufbereitet
räkelt ein Wirrwarr von Zweigen
die steifen Stimmgabeln gespreizt
als würde eines Vogels kehliger Schnabel
begehrlich um Liebe klagen
in Fußgängers Ohr der Tinnitus
kindliches Schluchzen aus einer Miesmuschel
weil eine mit schwarzen Streifen auf gelber Weste
zitzekind, zitzekind schreit
das buschige Dickicht aus voller Kehle
ihr Sommerkleid säugt
Im feuchten Winkel
für Verena
Ich traf jenseits der Gleise hinter windbrüchigem Holz
vergessenes Obst an den Ästen
auf Scherben und entsorgten Matratzen ein Mädchen
den Rost von den Gleisen mit Fingern kratzen
und in Sequenzen weißwangiger Spatzen
ein Wiegenlied summen
nur für ihr Kind, das flüssig am Augenlid hing
jenseits der Gleise lag Holz in den Wehen
sah einen Baum den Bernstein gebären und tropfen
auf Wermut und sein Geschwister Kind
des Beifuß flüchtiges Öl aus krautigem Stiel
und die gepressten Sequenzen zwischen den Händen
der straffe Halm im Muschelhorn
gellend die Atemluft nahm
©Lyrikedition 2000©
Literaturangaben:
HÄFNER, EBERHARD: In die Büsche schlagen. Gedichte. Lyrikedition 2000, München 2008. 88 S., 9,50 €.
Verlag