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Häfners poetische Zaubersprüche

Der Gedichtband „In die Büsche schlagen“ von Eberhard Häfner

© Die Berliner Literaturkritik, 08.10.08

 

MÜNCHEN (BLK) – Der Gedichtband „In die Büsche schlagen“ von Eberhard Häfner ist im September 2008 in der Lyrikedition 2000 erschienen.

Klappentext: Eberhard Häfners Sprache ist wie ein Strom, der in alle Richtungen fließt, Blüten der Vergangenheit an die Oberfläche treibt, Sinnebenen überquert und dann alles in einem eigenen fruchtbaren Sprachland ergießt. Hier gibt es keinen Mangel und keinen Überfluss – nur den Fluss der Bedeutungsebenen, die sich erst beim mehrmaligen Lesen erschließen. Die Gedichte Häfners sind ganz in der Tradition von Singen und Sagen, von Mythen und Zaubersprüchen angelegt. „In die Büsche schlagen“ ist ein lustvoller Aufruf, die Dinge in ein anderes Licht zu tauchen und sie bei ihren poetischen Namen zu nennen.

Eberhard Häfner, geboren 1941 in Steinbach-Hallenberg, lebt seit 1985 als freischaffender Dichter in Berlin. Neben Prosawerken und Gedichtbänden wie „Syndrom D“ (1989) oder „Die Verelfung der Zwölf“ (1992), veröffentlichte er eine Reihe von Künstlerbüchern, u.a. „Spatzen und sperrige Dinge“ (2006). Während seines langjährigen Schaffens erhielt er Preise und Förderungen, u. a. das 3sat-Stipendium in Klagenfurt (1989) und zuletzt das „Arbeitsstipendium durch die Senatserwaltung für kulturelle Angelegenheiten“ (2007). (mir/bah)

Leseprobe:

© Lyrikedition 2000 ©

Je est un autre

All die Barmherzigkeiten segnet Gott,

und die Welt segnet die Dichter.

Arthur Rimbaud

 

Profile, die mich berühren

markante Rillen zerbrochner Scheiben

und ich höre die Paternostererbsen kreischen

an den Pechsträhnen der Peitsche

Kugeln in Nächten aus Blei

 

erinnert mich das Vergessen

wie das Geschlecht sich öffnet und schließt

das Fleisch eine Frucht ohne Stiel

ein profitables Fossil im elysischen Grab

nur Bittermandelgeschmack

 

in der Absteige „Zum Tabernakel“

auf der Hostie ein Lamm ohne Schnörkel

sah ich durchs Schlüssellochfenster

im narkotischen Qualm die Profile aufsteigen

harzige Tränen des Nabatäerbaums

 

Einer, den ich meine zu kennen

im Orionnebel auf der Weihrauchstraße

 

Worte in Tüll

Ins Bett und vergessen

den verschleierten Gezeitenkloß

wenn die Hüllen fallen

ein vollmundiger Messingkuss

während sein lippenloses Omen verblasst

den federgewichtigen Spatzen

nacktes Gestein

 

erst dann schlafe ich ein

blasse Zirruswolken auf der Tapete

sie predigen

dem Fenster Gardinen

 

Verzögerter Vorgang von Wahrnehmung

Bewegung, der ich mich füge und gehe

mal in Gedanken, mal in des Körpers Schranken

nicht allein auf die Erfahrung der Sinne gestellt

so vor mich hin, ganz ohne Experiment

 

Bewegung, der ich mich füge und sehe

ausschweifende, entblößend gelöste Teile

Schindluder treibend über die Windkante gebeugt

die streitsüchtig verzweigten Bäume

 

Bewegung, der ich mich füge und höre

hart anschlagen die mandelzarten Stimmgabeln

baccanal anbeten des Mondes sahnigen Hof

Wildgänse obertönig rufen

 

Bewegung, der ich mich füge und fürchte

Zeit, die mir bleibt, sich verkürzt durch Eindeutigkeit

in meinem Hefeteig Bakterien krepieren

und ich bekomme den Laib nicht gebacken

 

Anflug Kuba

Kalt und angeschnallt

zwei Splitter vorbei am Gewitter

das tropikanische Schrapnell

fliegt glockenhell und Zeit ist Rum

 

riecht nach Menschenfleisch

in der zweiten Reihe das Missing link

verlorenes Glied neben brauner Spucktüte

zur Bauchlandung reif

 

hinreißende Ewigkeit

dem wackeren Sitzfleisch ein Trickfilm

und Einsteins Relativitätstheorie

für den Raum sind wir Luft

 

Rohrzucker klumpt in vergorener Masse

an der klebrigen Untertasse

und Gravitation als Übergangsform

fliegt Guantanamo an

 

Plinius der Ältere schreibt:

Die Kohlmeise säugt ihre Küken

 

Auf einer diatonischen Leiter

Luft in Fußgängers Ohr aufbereitet

räkelt ein Wirrwarr von Zweigen

die steifen Stimmgabeln gespreizt

als würde eines Vogels kehliger Schnabel

begehrlich um Liebe klagen

 

in Fußgängers Ohr der Tinnitus

kindliches Schluchzen aus einer Miesmuschel

weil eine mit schwarzen Streifen auf gelber Weste

zitzekind, zitzekind schreit

das buschige Dickicht aus voller Kehle

ihr Sommerkleid säugt

 

Im feuchten Winkel

für Verena

Ich traf jenseits der Gleise hinter windbrüchigem Holz

vergessenes Obst an den Ästen

auf Scherben und entsorgten Matratzen ein Mädchen

den Rost von den Gleisen mit Fingern kratzen

und in Sequenzen weißwangiger Spatzen

ein Wiegenlied summen

nur für ihr Kind, das flüssig am Augenlid hing

 

jenseits der Gleise lag Holz in den Wehen

sah einen Baum den Bernstein gebären und tropfen

auf Wermut und sein Geschwister Kind

des Beifuß flüchtiges Öl aus krautigem Stiel

und die gepressten Sequenzen zwischen den Händen

der straffe Halm im Muschelhorn

gellend die Atemluft nahm

©Lyrikedition 2000©

Literaturangaben:
HÄFNER, EBERHARD: In die Büsche schlagen. Gedichte. Lyrikedition 2000, München 2008. 88 S., 9,50 €.

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