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Halbzeit – ein Katalog zum 50. Geburtstag von Giuseppe Madonia

Erblühende Alltagsstrukturen kennzeichnen sein Werk

Von: KLAUS HAMMER - © Die Berliner Literaturkritik, 25.06.08

 

„Mezzo Tempo“ (Halbzeit) heißt der von einem Freundeskreis des Malers herausgegebene Katalog zu einer in Berlin-Charlottenburg (Remise 16, Wintersteinstraße 16) gezeigten Ausstellung. Seit 25 Jahren lebt der in Palermo geborene Giuseppe Madonia in Berlin und er hat die Mitte seines Lebens – das 50. Lebensjahr – erreicht. Zu den etwa 70 Gemälden und Papierarbeiten, die in diesem Jahrzehnt entstanden sind, gesellen sich in der Ausstellung vier überlebensgroße Köpfe in Terrakotta – sie symbolisieren die Elemente Feuer, Luft, Wasser und Erde, die Grundelemente des Lebens. Fließende, offene Formen, denen die Spuren des Brennprozesses eingeprägt sind. Warm und kalt, trocken und feucht, in Rot-, Grau-, Schwarz-, Blau- und Brauntönen geben sie die unterschiedlichen Wandlungsphasen der Natur wieder. Gelassen stehen sie gegen die Betriebsamkeit unserer Zeit. Ihr Gleichgewicht wird betont, indem es ständig gestört wird. Erst seit einigen Jahren brennt der 1958 geborene und seit 1984 in Berlin lebende Giuseppe Madonia selbst. Er modelliert nicht, sondern baut seine Köpfe in Gefäßformen auf, um sie dann den Verletzungen des Feuers auszusetzen. Eine bröckelnd-pulsierende Hülle, durch die Geist, Atem und Feuer fahren.

Eigentlich aber ist er Maler. Wenn man im Katalog blättert, erblickt man Stadtlandschaften, Häuserfassaden, die sich im Wasser spiegeln, Urbanes, konfrontiert mit technischen Bauten, Malerisches und Konstruktives mit einer metaphysischen Aura. Manches mutet fast wie eine Symbiose von Palermo und Berlin an: Berliner Stadtlandschaften mediterran. Der Künstler belässt die Stadtbilder und Bauwerke nicht so, wie er sie vorgefunden hat, sondern setzt sie neu zusammen, ordnet sie nach Übereinstimmungen von Form und Farbe. Die von ihm benutzten Pastellfarben erzeugen einen weichen Farbschmelz. Auf eine Schicht des farbigen und trockenen Materials legt er eine andere Schicht mit einer anderen Farbe, die er danach zerkratzt und teilweise wieder herausreißt, um die Farbwirkung der ersten freizulegen. So entstehen wunderbare Transparenzen, kubisch zerklüftete und phosphoreszierende Lichträume. Diese Schichten sind wie eine „zweite Haut“. Zerstörung und „Heilung“ gehen ritualhaft ineinander über. Das Verhältnis von Form zu Form und Form zu Raum, auch von Nah und Fern entwickelt sich in jedem Bild anders.

Die Bewohner seiner Natur- und Architekturlandschaften sind weder Mensch noch Plastik, sondern Zwischendinge, Köpfe von „Manichini“, Geometrisches und Organisches, aus Einzeldingen und Emblemen, Gegenständen und Mementi zusammengebaut, Symbole des fragmentarischen modernen Ich-Bewusstseins. Das Bild ist nicht mehr eine in sich geschlossene Einheit an der Wand, sondern fügt sich zusammen aus einer Vielzahl von selbständigen Einheiten, „Bildern im Bild“, die variabel angeordnet im ganzen Bildraum zu ständig neuen Eindrücken und Assoziationen führen. Eine Schönheit des Seltsamen, die aus unerwarteten Zusammenstellungen von Worten, Klängen, Bildern und Dingen entstanden ist.

Sowohl verschlissene, zerquälte als auch delikate Farbflächen setzt Madonia gegen markante geometrische Strukturen, Natur- gegen Technik-Zeichen, Dynamisches gegen Statisches, Atmosphärisches gegen Konstruktives, Bewusstes gegen Unbewusstes. Sein sublimer Farb- und Formensinn bringt die armseligen Dinge und Alltagsstrukturen zum Erblühen, zum Sprechen. Widersprüche und Spannungen sollen zum Gleichgewicht gebracht werden. Doch eine simultane Bildstruktur wie die Madonias funktioniert nicht in auflösbaren Gegensätzen. Sie ist dynamisch. Ihre Elemente wirken gleichmäßig in der Fläche, treten einheitlich hervor wie eine Melodie, die den Betrachter unmittelbar und von überall anspricht, den Blick suchend wandern lässt, ohne ihn zu fixieren, das Bild in einen Raum der Gleichzeitigkeit öffnet. Madonias Arbeiten sind gefühlstiefe Behauptungen des menschlichen Lebens. Er bezeichnet sich selbst gern als modernen Romantiker, in seinen Arbeiten vereint sich das Mediterrane mit dem Nordischen. Das Ockerbraun, das Rostrot, das leuchtende Blau, das glänzende Schwarz und das stumpfe Weiß: Er mischt die Farben ganz nach seiner momentanen seelischen Verfassung, stellt sie nach bestimmten Regeln zusammen. Warum er das tut, wann er die eine und nicht die andere Farbe benutzt? „Ich komme noch dahinter“, sagt er.

Vor 10 Jahren hat er auch damit begonnen, Environments aus Bauelementen anzufertigen. Er überklebte Verpackungsobjekte aus Styropor, die sich durch besondere Leichtigkeit auszeichnen, mit Papier, bemalte sie mit Tönen und Erdfarben und stellte sie auf den Boden oder brachte sie an Wände und Decken an. In ihrer variablen Anordnung führen sie zu ständig neuen Eindrücken und Assoziationen: Antike Architekturfragmente, Kindheitserinnerungen, tiefenpsychologische Konstellationen, Traumlabyrinthe. Es sind Rauminstallationen als subtile räumliche Beziehungsgebilde von Malerei und Plastik. Indem Kunst und Leben für Madonia eine Einheit bilden, „lebt“ der Künstler in seinem Werk, und Ausstellungen sind für ihn im Grunde in die Öffentlichkeit gebrachte Ateliersituationen, sie sollen Einblicke in das Entwicklungslaboratorium seiner Bildsprache geben. Dieser traditionsbewusste und doch immer wieder neue Ausdrucksformen erkundende Künstler verdient in der Tat unsere besondere Aufmerksamkeit.

Literaturangaben:
FREUNDESKREIS GIUSEPPE MADONIA (Hrsg.): Giuseppe Madonia – Mezzo Tempo. Katalog zum 50. Geburtstag des Künstlers. Konzeption: Dr. Bärbel Mann, Hans Strauß, Redaktion: Ines Zinsch. Berlin, Hermann Schlesener 2008. 64 S., 15 €.

Klaus Hammer, Literatur- und Kunstwissenschaftler, schreibt als freier Buchkritiker für dieses Literaturmagazin. Er ist als Gastprofessor in Polen tätig


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