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Enzensberger zum Geburtstag

Hans Magnus Enzensbergers „Scharmützel und Scholien“

© Die Berliner Literaturkritik, 20.10.09

Von Andreas Heimann

Hans Magnus Enzensberger gehört zu den produktivsten Intellektuellen des Landes. Das Werkverzeichnis des Schriftstellers, Essayisten und „Kursbuch“-Gründers ist Seiten füllend. Dass in diesem Jahr nach seinem Lyrikband „Rebus“ nun bei Suhrkamp noch zwei weitere Bücher des Autors erscheinen, hat seinen besonderen Grund: Enzensberger wird am 11. November 80 Jahre alt. Das ist ein guter Anlass zurückzuschauen. Suhrkamp hat entsprechend eine Reihe älterer Texte des Schriftstellers in zwei interessanten Bänden versammelt.

„Scharmützel und Scholien“ heißt der eine, ein Mammutwerk von mehr als 900 Seiten, darunter viele bisher unveröffentlichte Essays und Rezensionen. Sie beweisen zum einen, wie breit Enzensbergers Interesse an Literatur ist und wie intensiv er sich mit anderen Autoren beschäftigt hat: Über Clemens Brentano hat er ebenso geschrieben wie über Heinrich Böll, Pablo Neruda oder Erich Fried. Zum anderen zeigen die Texte, wie wenig Enzensberger Zeitgeist-Autor war und ist: Gerade viele seiner literaturtheoretischen Überlegungen wirken kein bisschen vorgestrig, auch nach Jahrzehnten nicht.

Im Gegenteil, Arbeiten wie „Die Nebenwirkungen kennt nur der Apotheker“, in der Enzensberger der Frage nachgeht, wie es um das Verhältnis von Literatur und außerliterarische Wirklichkeit bestellt ist, könnten auch heute sofort weiterdiskutiert werden. Dem gleichen Thema widmete sich Enzensberger in seinen Poetikvorlesungen im Wintersemester 1964/65 an der Universität Frankfurt. Der Vorlesungstext findet sich am Anfang des umfangreichen Bandes unter dem mit „Ein wenig Theorie“ überschriebenen Abschnitt. Auch das ist typisch: Theoriefeindlichkeit war nie seine Sache. Die Poetikvorlesungen bestätigen das nachdrücklich.

Enzensberger reflektiert darin über die Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft und nimmt für sich in Anspruch, sich auf keine bestimmte festlegen zu lassen - weder auf die des Moralisten, noch auf die des Outsiders. Die Freiheit des Künstlers besteht für ihn gerade darin, keine solche Rolle spielen zu wollen - auch nicht die des politisch engagierten Gesellschaftskritikers. Das waren damals klare Positionen, in einer Zeit, in der von Schriftstellern oft genug erwartet wurde, im politischen Diskurs mitzumischen.

Enzensberger, Mitglied der Gruppe 47, kannte viele Autoren, die das so sahen. Und das „Kursbuch“, das er 1965 gründete und zehn Jahre lang herausgab, war schließlich gerade nach 1968 ein Forum für gesellschaftspolitische Diskussionen. Einiges davon scheint auch in der zweiten Neuerscheinung durch: dem Briefwechsel mit Uwe Johnson. Auch in diesem Fall macht das Lesen eher Spaß als Mühe. Privates mischt sich auf unaufdringliche Weise mit Anmerkungen zur Literatur und den politischen Auseinandersetzungen der Zeit.

Der Briefwechsel der beiden unterschiedlichen Charaktere begann im Dezember 1959, als Johnson aus der DDR nach Berlin-Friedenau gezogen war. Enzensberger bot ihm schon bald die Zusammenarbeit an einer noch zu gründenden Literaturzeitschrift an. Johnson ging ebenso schnell darauf ein. Und aus dem förmlichen „Lieber Herr Johnson“ und „Lieber Herr Enzensberger“ wurde nach kurzer Zeit „Lieber Uwe“ und „Lieber Mang“. Eine gewisse Vertrautheit deutete sich da an, trotz der Distanz schon in räumlicher Hinsicht: Enzensberger zog 1961 nach Tjøme an den Oslofjord.

Die Briefe drehten sich immer wieder um die Schwierigkeiten des gemeinsamen Zeitschriftenprojektes, für das Enzensberger auch mit anderen Autoren wie Martin Walser oder Ingeborg Bachmann korrespondierte. Aber die beiden Autoren tauschten sich auch als Kollegen aus: Enzensberger empfahl Johnson die Lektüre von Alexander Kluge oder berichtete von seiner Arbeit als Literaturübersetzer. Johnson erzählte von eigenen Buchprojekten oder von seiner Skepsis gegenüber Günter Grass. Dessen „Eifern für eine westdeutsche Partei“ missfiel ihm immer mehr.

Die Distanz zwischen den beiden Briefeschreibern nahm seit Mitte der 60er Jahre zu. Enzensberger schilderte dem inzwischen in New York lebenden Johnson von den Demonstrationen auf dem Kudamm gegen den Berliner Senat: „große teile der innenstadt sahen aus, als wäre der belagerungszustand verhängt worden“, schrieb er im April 1967. Johnson hatte für die Protestbewegung kein Verständnis und verlangte von Enzensberger eine Klarstellung seiner politischen Haltung dazu: „Es scheint uns durch die Nase gedroehnt, wenn du deine Zugehörigkeit zu einer Kommune abstreitest.“

Die Auseinandersetzung der beiden Schriftsteller eskalierte an Banalitäten, an der Frage, ob Enzensberger Frau Freunde in Johnsons Berliner Wohnung übernachten ließ zum Beispiel oder an Diskussionen über strittige Mietschulden. Der Tonfall war bisweilen ruppig. Die letzten Briefe wechselten die beiden 1975. Zu sagen hatten sie sich da schon lange nichts mehr. Schön war das nicht, lesenswert ist es noch immer.

Literaturangabe:

ENZENSBERGER, HANS MAGNUS: Scharmützel und Scholien - Über Literatur. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2009. 911 S., 25 €.

Weblink:

Suhrkamp

 

 


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