HAMBURG (BLK) – Im November 2007 erschien „Heimatkunde Frankfurt“ von Michael Herl im Hoffmann und Campe Verlag.
Klappentext: Leben wie Gott in Frankfurt. Am Anfang war die Gelbwurst: Was wir schon immer über die Hauptstadt des Verbrechens und Heimat des Handkäs wissen wollten – Michael Herl war dabei. Eine unnachahmlich komische und eigenwillige Lektion in Heimatkunde über Frankfurt, die widersprüchlichste Stadt Deutschlands. Frankfurt ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Gut, der Dom steht da, wo er hingehört, die Zeil ist immer noch die Zeil und der Römerberg die gute Stube dieser Stadt. Aber Hertie heißt jetzt Karstadt, Ammerschläger gibt’s gleich gar nicht mehr, und vom guten alten Kaufhaus Schneider sollte man lieber gänzlich schweigen. Lokalmatador Michael Herl kennt Frankfurt wie kein anderer, und so gibt es in der großstädtischsten Großstadt Deutschlands vom Rotlichtbezirk bis zu den Bankentürmen des Großkapitals Abgründiges und Wunderliches, Skurriles und Schönes zu entdecken: von Adorno bis Apfelwein, von Peanuts bis Paulskirche, und sogar Offenbach kommt vor. Der Frankfurter weiß sehr wohl, wo Offenbach liegt. Woanders eben. Darauf einen Sauergespritzten.
Michael Herl, 1959 in Pirmasens geboren, ist längst in Frankfurt zu Hause, und auf seine Wahl-Heimatstadt lässt er nichts kommen. Der gelernte Journalist schrieb für die Süddeutsche Zeitung, Geo, Stern, Zeit, Merian und die Frankfurter Rundschau und arbeitete als Dokumentarfilmer. Mit der „Late Lounge“ feierte Herl gemeinsam mit Roberto Cappelluti im HR-Fernsehen überregionale Erfolge und wurde für den Grimme-Preis nominiert. Heute ist Michael Herl Autor und Künstlerischer Leiter des Stalburg Theaters in Frankfurt.
Leseprobe:
© Hoffmann und Campe Verlag ©
1. Warum Frankfurt so interessant ist
Frankfurt ist die interessanteste aller deutschen Städte. Diese provokante These sei hier gleich zu Anfang aufgestellt. Nun gilt es, sie über viele, viele Buchseiten mit Fakten zu untermauern. Unbestritten dürfte ja sein, dass Frankfurt schon seit Jahrhunderten eine Brutstätte des Innovativen ist. Was wurde hier nicht alles begründet, entdeckt und erfunden. Man denke nur an die Goldene Bulle, die Nationalversammlung in der Paulskirche , die Rindswurst , das Adler-Dreigangrad, die Öko-Bank oder die Grüne Soße. Hier wurde zum ersten Mal in der Geschichte der Republik ein Demonstrant von einem Wasserwerfer überfahren, hier wurde die Musik zum Handkäs gemacht, hier wird die weltweit bedeutendste Buchmesse abgehalten, hier sprach ein Bänker von „Peanuts“ und meinte Millionen, hier wurde einst der „Fußball 2000“ erfunden und das törichtste aller Attentate verübt, der Bombenanschlag auf das Kaufhaus M. Schneider. In Frankfurt stehen die höchsten Häuser, hierher kommen die Fixer aus der gesamten Republik, um sich einen Schuss zu setzen, hier geschahen die dreistesten Betrügereien durch einen gewissen Jürgen Schneider, hier gibt es die frischesten Fische in ganz Europa, und nur von hier kann einer kommen wie Diether Dehm, der es schaffte, als millionenschwerer Schlagertexter zum stellvertretenden Vorsitzenden der PDS gewählt zu werden.
Woher, wenn nicht aus Frankfurt, könnte einer kommen, der es vom hausbesetzenden Taxifahrer zum Außenminister und Vizekanzler gebracht hat? Wo anders könnte so etwas wie der Tigerpalast entstehen, ein Varietétheater eines Altlinken für Neureiche? Wo ein Nachtsheim und ein Knebel ein Badesalz machen und ein Häuflein gescheiterter Existenzen aus Rödelheim eine Kultmusik? Wo anders könnte ein ehemaliger Politkabarettist aus der Spontiszene ein First-class-Restaurant führen und Schlemmerreisen für schwerreiche Topmanager veranstalten? Wo anders wäre es möglich, dass Börsianer der Spitzenklasse täglich vor den Fernsehkameras des „Mittagsmagazins“ den Verlauf der Tageskurse kommentieren, ohne ein einziges Wort Hochdeutsch zu können? Und trotz solch rührend Dörflichem kann sich Frankfurt mit Recht rühmen, eine Stadt von weltweiter Bedeutung zu sein – und sei es nur, dass ein Amerikaner anerkennend „Home of the Hot dog“ sagt, wenn er erfährt, wo man herkommt. Und es dann nicht glauben will, dass in dieser berühmten Stadt nur etwas mehr als sechshunderttausend Menschen leben.
Frankfurt ist winzig. Aber es besteht aus mehreren Welten, die jedoch ganz eng beieinander liegen. Man kann hier im Tagungsraum des „Sheraton“ am Flughafen die Fusion zweier Weltkonzerne beschließen und sich zwanzig Minuten später in einem Bornheimer Apfelweinlokal vom Kellner anraunzen lassen, weil man das Wort „Eppelwoi“ nicht richtig ausspricht oder den Handkäs mit der Gabel essen will. Andererseits kommt es gelegentlich zu solch geschichtsträchtigen Begebenheiten wie vor einigen Jahren, als der mittlerweile verstorbene Apfelweinwirt Fritz Reuter senior in seiner Gaststätte „Zur Stalburg“ eine Gruppe amerikanischer Geschäftsleute auf die näher rückende Sperrstunde in seinem Garten hinwies. „Gentlemen, de Bembel is finished“, parlierte er galantweltmännisch, und alle wussten, was gemeint war. Superlative über Superlative, nur möglich in der einzigen wahren Großstadt Deutschlands.
Und mittendrin in dieser herrlichen Ansammlung von Häusern, Handkäsen und Halbseidenen lebe seit einem Vierteljahrhundert ich. Es wird ja immer behauptet, ich sei Frankfurter. Das ist falsch. Mich hat es hierher verschlagen, und zwar im Jahre 1982, wo mir damals punktgenau das gleiche passierte wie vielen anderen auch. Ich kenne vielleicht 230 solcher Menschen – und kein einziger von ihnen kam freiwillig hierher. Gründe für einen Umzug nach Frankfurt gibt es exakt zwei: einen charmanten und einen pragmatischen. Mich führte glücklicherweise Grund Nummer eins in die Stadt, und der hieß Barbara. Barbara studierte hier. Mir war alles egal, denn wir waren verliebt, also zog ich nach Frankfurt. Ehrlich gesagt wäre ich auch nach Tirana gezogen, nach Schorndorf, nach Worms, in die Serengeti oder nach Offenbach (letzteres fiele mir heute nie im Leben ein, doch damals wäre ich sogar nach Offenbach gezogen). Kurzum: Die Stadt oder die Steppe, in der ich fortan leben sollte, war mir vollkommen wurscht; wichtig war allein Barbara. Ich hatte dafür sogar das Angebot meines damaligen Arbeitgebers abgelehnt, als Korrespondent nach Moskau zu gehen, und es statt dessen vorgezogen, fortan von Frankfurt aus für das Saarland, Rheinland-Pfalz und Hessen zuständig zu sein. Auch schön.
Also packte ich mein Bündel, fuhr von Hamburg, wo ich damals wohnte, nach Frankfurt, bezog mit Barbara eine Zweizimmerwohnung mit Ölofenheizung in der Freiligrathstraße Nummer 43 im Stadtteil Bornheim. Die Angabe der Hausnummer erscheint mir wichtig, denn Kennern sagt dies, dass sich drei Häuser weiter eine Brennstoffhandlung befand, wo man das Heizöl kannenweise kaufen konnte. Darauf legten wir Wert, denn Vorratshaltung fanden wir aus politischen Gründen spießig. Wir waren beileibe nicht die einzigen, die so dachten, was ein Licht auf das gesellschaftliche Klima Frankfurts in der damaligen Zeit wirft. Klar, wir hätten auch gar nicht die Kohle gehabt, im Juli für tausend Mark Heizöl billig einzukaufen, doch dies stand ja auch nie zur Debatte. Geld für Öl gab man aus, wenn man fror. Punkt. Diese in Frankfurt damals weit verbreitete Vorratshaltungsverweigerung ist meiner Meinung nach auch der Grund für eine weitere Frankfurter Eigenheit: die Wasserhäuschen. Diese quer über die Stadt verbreiteten, winzigen Verkaufsstellen waren jahrzehntelang abends nach halb sieben die einzige Möglichkeit, etwas Trink- oder Essbares zu kaufen. Ein Frankfurter Wasserhäuschen – von Eingeborenen auch Büdchen genannt – hat nämlich nicht nur Mineralwasser im Angebot, sondern eigentlich alles, was der Bürger so braucht.
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Literaturangaben:
HERL, MICHAEL: Heimatkunde Frankfurt. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2007. 144 S., 14,95 €.
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