STUTTGART (BLK) – Der J.B. Metzler Verlag hat Joseph A. Kruses Buch „Heine-Jahrbuch 2009“ im November 2009 veröffentlicht.
Klappentext: Aktuelle Forschungen zu Heine. Die Beiträge analysieren Heines Kontrastästhetik, seine geschichtskritische Konstruktion der Schrift und sein Verhältnis zur aufklärerischen Utopie. Weitere Themen sind Schuberts „Heimkehr“-Vertonungen und der Žižka-Stoff im Vormärz. Mit den Ansprachen zur Verleihung des Heine-Preises 2008.
Joseph A. Kruse ist Direktor des Heinrich-Heine-Instituts Düsseldorf und Honorarprofessor an der Universität Düsseldorf. (olb/ros)
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Die jüngste Heineforschung konnte sich zwar äußerst breit entwickeln und thematisch extrem ausdifferenzieren, nicht aber ein größeres Defizit tilgen. Diesen zwiespältigen Eindruck ergibt ein schneller Blick auf aktuelle Bibliographien. Für den kurzen Zeitraum von 1996 bis 2008 verzeichnet das Heine-Jahrbuch ungefähr 2.800 neue Titel aller Art, allein bis zur Jahrhundertwende sage und schreibe mehr als tausend Beiträge. Steht thematisch Heines Einstellung zum Judentum, speziell seine problematische jüdisch-deutsche Doppelidentität im Mittelpunkt, florieren ebenfalls Biographien und biographisch angelegte Arbeiten (selbst zu kleinsten Lebensabschnitten), flankiert von kompakten Gesamtdarstellungen. Dank einer Reihe von Arbeiten zu Heines Europavorstellung, Religions- und Geschichtstheorie oder zu seinem Frauenbild sind neue Schwerpunkte der Forschung entstanden – um nur diese wenigen zu nennen. Das ›alte‹ Thema Musik erhielt 2006 durch das Doppelgedenkjahr Heine-Schumann starken Auftrieb. Nicht zuletzt sind rezeptionsgeschichtliche Studien regelrecht ins Kraut geschossen und scheinen per se unabschließbar. So wichtig und lesenswert die Mehrzahl der Forschungsbeiträge erscheint, sollte man dennoch nicht übersehen, dass diese Explosion weitgehend auf Kosten gründlicher Analysen von Werkstrukturen und Schreibart erfolgt ist. So befassen sich z. B. unter den sechzig Fachbeiträgen des internationalen Heine Kongresses 1997 kaum mehr als sechs mit eingehenden Text- oder Sprachanalysen. Deshalb scheint der Zeitpunkt gekommen anzumahnen, den virtuosen Sprachkünstler Heine nicht nur ausnahmsweise, sondern gezielt in den Mittelpunkt zu stellen. Kontraste und Antithesen kennzeichnen Heines neue Schreibart ebenso unbestreitbar wie Gegensätze und Dissonanzen. Ihre Funktion: real existierende Wider2 Gerhard Höhn · Heines Kontrastästhetik sprüche störend bewusst zu machen. Der Dichter hat den Kontrastbegriff zwar ausgiebig benutzt, ihn aber in seinen kunsttheoretischen Äußerungen nicht eigens expliziert. Deshalb hat man bis auf wenige Ausnahmen bisher übersehen2, dass sein Werk eine ausgereifte, diskursiv abgesicherte Kontrastkonzeption enthält. Ja, an einer Stelle hat Heine sogar Kontrastphänomene so zur Grundlage einer neuen Kunsttheorie erklärt, dass man unbesorgt von Kontrastästhetik sprechen kann. Wenn Heine verabsäumt hat, den innovativen Kern seiner Schreibart herauszustellen, dann haben seine vormärzlichen Zeitgenossen diesen Grundzug genau erkannt – aber dessen Modernität völlig verkannt. Gustav Schwab z. B., der den Dichter des „Buchs der Lieder“ als „ausgezeichneten Dichtergeist“ anerkennt, reibt sich 1828 besonders an dessen „Manier“, „zur Vollendung des poetischen Contrasts [zwischen Alltag und Poesie] den rechten Extract aus allem Quarke seiner Zufälligkeiten und willkürlichen Abgeschmacktheiten“ zu geben.3 Dagegen hebt fünf Jahre später der Philosoph Christian Hermann Weiße, der die „Romantische Schule“ völlig negativ beurteilt, Heines Stil ausdrücklich wegen seiner „glänzenden Antithesen“ hervor.4 Besonders symptomatisch hat Theodor Mundt reagiert. In seiner 1840 erschienenen Kritik „Heine, Börne und das sogenannte junge Deutschland“ erinnert sich Mundt, wie ihn 1826 der erste Band der „Reisebilder“ mit seinem Nebeneinander von jugendlicher Frische und überaltertem Zeitgeist bezaubert hat und betont nachdrücklich, die frühe Prosa sei gerade „in dieser Mischung der Contraste so ergötzlich und bedeutsam“.5 Diese Einschätzung verändert sich dann unter dem negativen Eindruck, den die Philosophiegeschichte und das Börne-Buch hinterlassen haben. Mundt macht für die Schwächen dieser Werke die „zweideutige Manier“ des Dichters verantwortlich, d. h. die „falsche Theorie seines Stils“, die er sich „hinsichts der Wirkung durch Gegensätze und Contraste gebildet hat“. Heine gilt zwar weiter als „Meister in der musikalischen Behandlung der Perioden“, aber zugleich auch als ein Opfer seiner selbst, das „blendende Scheinmanoeuvres“ aufführt, „um nur Contraste herauszubringen, die einen piquanten Klang geben“. Oder – besonders deutlich –, um Zeitgenossen mit der ausgefeilten „Contrastensucht“ seines eigentümlichen Stils abzufertigen.6 Wenn sich Mundt zu dieser Phrase versteigt, dann darf man nicht vergessen, wie bewusst er sich war, mit »Kontrast« ein Stichwort der Moderne genannt zu haben. Bereits 1835 hat er überraschend Ludwig Tieck das Verdienst zuerkannt, mit seiner originalen Schreibweise die klassische Schule überwunden zu haben; aufgrund seines tiefen Shakespeare-Verständnisses sei es Tieck gelungen, folgende, neue Darstellungskunst zu entwickeln: „Es ist die Kunst, in Gegensätzen und Contrasten darzustellen, woraus zugleich Ironie und Humor ihr Flügelpaar entfalteten“. Auf die Nähe dieser poetologischen Auffassung zu Heines Kontrastkonzeption ist zurückzukommen. Hier sei nur vermerkt: Genau zu diesem Zeitpunkt hat die „Romantische Schule“ mittels „GegenGerhard Höhn · Heines Kontrastästhetik sätzen und Contrasten“ Tieck selber und seine Mitstreiter zum alten Eisen geworfen, während etwas später ein Essay erneut Shakespeares Rolle als Modell moderne Kontrastästhetik bestätigen sollte. – Was aber der Vormärz verweigert hat, konnte der Nachmärz wieder gutmachen. Der Literaturhistoriker Johannes Scherr hat 1851 insbesondere Heines Verdienste um die moderne, deutsche Prosa mit dem Ausdruck „glänzendes Antithesenspiel“ treffend gewürdigt. Kurz, Heine ist für Scherr durch die Verarbeitung von „Contrasten und Widersprüchen“ zum „größten Lyriker der Gegenwart“ aufgestiegen. Der vorliegende Beitrag geht von Heines Verständnis des Kontrastbegriffs und dessen auf Allgemeingültigkeit abzielenden Grundlagen aus (Erster Teil). Analysen zur Makro- und Mikroebene der Werke sollen verdeutlichen, wie sich das kontrastästhetische Programm in Heines Schreibweise verwirklicht hat (Zweiter Teil).
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Literaturangabe:
KRUSE, JOSEPH A.: Heine-Jahrbuch 2009. J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2009. 337 S., 24,95 €.
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