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Hunger auf Sex und Kultur

Susan Sontags Tagebuch

© Die Berliner Literaturkritik, 07.04.10

Von Thomas Borchert

Homosexualität, die Jagd nach intellektueller Schärfe und ein verlassener Sohn: Die US-Intellektuelle Susan Sontag hat gnadenlos sich selbst gegenüber Tagebuch geführt, und ihr Sohn veröffentlicht das jetzt auszugsweise. Die Lektüre macht nicht froh.

Mit 15 notiert Susan Sontag in ihrem Tagebuch, dass sie „lesbische Neigungen“ hat und Thomas Manns „Zauberberg“ ein Buch „fürs ganze Leben ist“. Anderthalb Jahrzehnte später hat die große US-Schriftstellerin und Intellektuelle diesem Tagebuch Intimstes über meist unglückliche Beziehungen zu Frauen anvertraut, ihr atemberaubendes Programm bei der Aneignung aller nur denkbaren Formen von Kultur festgehalten und beeindruckend scharfe Gedanken formuliert. Zur Hoffnungslosigkeit der Ehe zum Beispiel.

Sontag starb 2004 mit 71 Jahren an Leukämie, jetzt hat ihr Sohn David Rieff Tagebücher von 1947 bis 1963 in Teilen veröffentlicht. Zwei weitere Bände sollen folgen. Man möchte nach der Lektüre des ersten bezweifeln, dass er im Sinn der Mutter und weltberühmten Autorin handelt. „Schreiben ist etwas Schönes. Man erzeugt etwas, das später anderen Freude machen wird“, heißt es in einer Eintragung der New Yorkerin 1961, kurz vor ihrem Durchbruch als Schriftstellerin. Freude macht die Lektüre dieser Tagebücher bestimmt nicht. Zum einen wegen Susan Sontags Bild von sich selbst, zum anderen weil der Sohn als Herausgeber den Leser böse im Stich gelassen hat.

Die Homosexualität Sontags, die sie selbst nie öffentlich thematisieren wollte, steht im Mittelpunkt der Eintragungen. Sie ist fast immer die Verlassene, erlebt erotische Ekstase, fühlt sich so gut wie nie angenommen und hat auch hier immer ihr ehrgeiziges Streben nach intellektuellem Weiterkommen im Auge: „Der Orgasmus erzeugt Konzentration. Es gelüstet mich zu schreiben.“

Das liest sich überwiegend interessant, vor allem eben wegen der Spannung zwischen Sontags Hunger nach Sex und Nähe und dem machtvollen Streben nach „intellektueller Ekstase“. Das war wohl ihr eigentliches Lebensziel. Eine zerrissene, sich selbst gegenüber gnadenlos urteilende und nicht sonderlich sympathische junge Frau präsentiert dieses Tagebuch.

Man fragt sich bei der Lektüre zunehmend irritierter, welche Rolle dabei der heute 57-jährige Sohn als Herausgeber gespielt haben könnte. Der Leser, der nicht vorher anderswo die Lebensdaten der Hauptperson studiert hat, muss sich hier verirren. Bei Rieffs durchaus häufigen Anmerkungen werden Personen wie Lebensdaten willkürlich und oft eben gar nicht erklärt. Plötzlich ist Sontag nach dem frühen Aha-Erlebnis als Homosexuelle mit einem ihrer Professoren liiert: „Gestern abend, oder war es schon heute früh?, mit Philip Rieff verlobt.“

Ebenso plötzlich und unerklärt verlässt sie ihn und auch den gemeinsamen, fünfjährigen Sohn David, um in Europa neuen intellektuellen Einsichten und begehrenswerten Frauen nachzujagen. Das Verlassen des Sohnes bleibt im Tagebuch fast komplett ausgespart. Ob sich David Rieff als Tagebuch-Herausgeber hier selbst ein halbes Jahrhundert später herausgekürzt oder als kleiner Sohn einfach keine große Rolle gespielt hat – der Leser erfährt es nicht.

 

Literaturangabe:

SONTAG, SUSAN: Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963. Carl Hanser Verlag, München 2010. 384 S., 24,90 €.

 

 

Weblink: Hanser Verlag

 

 

 


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