ZÜRICH (BLK) – Martin Zähringer bespricht in der „Neuen Zürcher Zeitung“ Karen Russells Erzählband „Schlafanstalt für Traumgestörte“. Leitthema der zehn phantastischen Erzählungen ist die Welt der Waisen.
Die Protagonisten sind stets achtlos sich selbst überlassene Kinder. Beispielsweise suchen zwei Inseljungen rastlos ihre im Meer vermisste kleine Schwester, die sie an einem Nachmittag des vergnügten Riesenkrabbenschlittenfahrens durch Leichtsinn verloren hatten. Oder Werwolfstöchter werden zwecks Menschwerdung ins Internat der heiligen St. Lucia geschickt, um dort gemäß einer alten jesuitischen Kolonialerziehungslehre umgepolt zu werden. Oder die von der prüden Pioniersgesellschaft stigmatisierte Menschentochter eines Minotaurus, der sich in der Siedlergeschichte auf dem Treck nach Westen aufopfernd vor den schweren Planwagen spannt. Erzählt werden diese phantastischen Geschichten aus der Sicht der merkwürdigsten Protagonisten.
Karen Russell habe sich die magische Weite und emotionale Tiefenschärfe kindlicher Wahrnehmung bewahrt, schreibt der Rezensent. Ihre insgesamt klare und fast schon nüchterne Prosa wirke als stilistischer Kontrapunkt zum Phantastischen ebenso wie der psychologische Realismus der Figurengestaltung. Bei aller Verschiedenheit von Schauplätzen, Figuren und Zeiten habe Russell auch eine in Kurzgeschichtensammlungen selten gelingende Kohärenz erzielt, lobt der Rezensent. Ihr Debüt sei ein überzeugendes Statement aus der neuen Schule des kreativen Schreibens in Amerika. (bah/dan)
Literaturangaben:
RUSSELL, KAREN: Schlafanstalt für Traumgestörte. Übersetzt aus dem Englischen von Malte Krutzsch. Kein & Aber Verlag, Zürich 2008. 299 S., 18,90 €.
Rezension im Original
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