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Identitätssuche und Sprachlosigkeit

Jean Matterns Debütroman „Im Király-Bad“

© Die Berliner Literaturkritik, 14.07.10

Von Behrang Samsami

„Wörterbücher füllten meine Tage aus, doch dabei verloren die Wörter ihren Sinn. Ich habe keine Muttersprache mehr, ich hatte nie eine. Die Sprache, die mir eine hätte sein können, wurde von meinen Eltern geflüstert, wenn sie sich allein glaubten. Ich hörte ihre Sprache durch die Wand zwischen unseren Zimmern, aber ich durfte sie nicht sprechen. Die Grammatik ihrer Kindheit passte nicht in meine Kindheit. Die sollte gewöhnlich sein, eine Allerweltskindheit. Sie unterschlugen ihr Exil, um mir eine gewöhnliche französische Kindheit in einer gewöhnlichen Kleinstadt in der Provinz zu bieten.“

Schon früh versucht der Ich-Erzähler, der etwa dreißigjährige Gabriel, von Beruf Übersetzer, der schweigsamen Atmosphäre seines Elternhauses in der Champagne zu entfliehen. Er liest viel, etwa Stefan Zweig und Joseph Roth, Franz Werfel und Thomas Mann, und nutzt als Schüler die Gelegenheit eines England-Aufenthaltes, um sich ein Refugium zu schaffen, das sich später jedoch als eine Illusion erweist: „Als ich begann, Englisch zu lernen, erlebte ich das wie eine neue Freiheit, ohne die Tragweite dieses Gefühls zu ermessen, das zum Genuss wurde: (…) Englisch zu sprechen erlaubte mir lange Zeit, mir einzureden, dass sich die Erlebnisse meiner Vergangenheit gegen eine Übersetzung sperrten. Dass sie aus meinem Gedächtnis verschwinden würden, wenn ich mich nur an Worte hielte, die mein Vater niemals hätte aussprechen können, an die Worte einer Fremdsprache.“

Eines seiner traumatischsten Erlebnisse ist der Unfalltod seiner älteren Schwester Marianne, nach dem sich die Eltern noch mehr in Schweigen hüllen und noch weniger bereit sind, Gabriels Fragen nach ihrer Vergangenheit und zugleich nach seiner Herkunft zu beantworten. Die Hoffnungen des Jungen, zumindest von seinem ebenfalls nach dem Krieg nach Frankreich emigrierten Onkel József mehr über Hintergründe seiner ursprünglich aus Ungarn und Österreich stammenden Familie zu erfahren, erfüllen sich nur wenig. Gabriel fällt nach Mariannes und Józsefs Tod auf sich zurück und weiß sich in der Folgezeit nicht besser zu helfen, als sich einzureden, aus einer „geschichtslosen Familie“ zu kommen, „frei, eine Vergangenheit für mich zu erfinden, frei, mir eine Zukunft auszumalen.“

Mit dieser Vorstellung führt Gabriel eine Zeit lang ein einigermaßen glückliches Leben, er lebt und arbeitet in London und ist mit der Engländerin Laura zusammen, die er auf einer britischen Universität kennen gelernt hat. Dabei erscheint sie als sein genaues Gegenteil, nämlich initiativ und lebenslustig, frei und unkompliziert: „Nach meinem Eindruck verschafften ihr diese Unbeschwertheit, diese Sorglosigkeit einen direkten Zugang zum Gefühl des Glücks, und häufig dachte ich, dass sie sich in mich verliebt hatte, um mir etwas davon abzugeben. Ohne darüber nachzudenken, wollte Laura mich zum Glück bekehren.“

Doch ihre Ankündigung, sie sei schwanger, stürzt Gabriel in eine schwere Lebenskrise. Die Frage, wie es nun weitergehen, in welcher Sprache er künftig mit ihrem gemeinsamen Kind sprechen solle, lässt ihn nicht mehr los und zwingt ihn in der Folge, sich erneut mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen. Eine Tagung von Thomas-Mann-Übersetzern in Budapest ermöglicht es ihm, den Spuren seiner Familie, von denen ein Teil im Holocaust umgekommen ist, in Ungarn nachzugehen. Auch sucht er, der nie gläubig gewesen ist, plötzlich Halt und Geborgenheit in der jüdischen Religion, die seine Vorfahren während der Habsburgerzeit durch die Konversion zum Christentum verlassen hatten. Er betet und fastet und sucht nach einer Lösung: „Steht es mir noch zu, mein Leben gegen ein anderes einzutauschen? Ein neues Tor zu öffnen und einen anderen Weg zu finden?“

Mit einem offenen Ende endet schließlich Jean Matterns Erstlingswerk. Der 1965 geborene Autor, der als Verlagslektor in Paris lebt, hat mit dem 2008 erschienenen „Les bains de Király“ (Sabine Wespieser Éditeur, Paris) ein literarisch vielschichtiges Buch verfasst, das einerseits zahlreiche Verweise auf biblische Figuren wie Hiob und Jeremias gibt, andererseits das starke Interesse des Autors für die deutschsprachige Literatur aus der Zeit der Klassischen Moderne deutlich macht. Sein Roman stellt eine sehr persönliche und einfühlsame, dabei zugleich aber auch schonungslose Auseinandersetzung des Ich-Erzählers mit sich selbst, seiner zerrissenen Familie und seiner jüdischen Herkunft im Gesamten dar.

Matterns „Im Király-Bad“ zeigt aber auch auf beispielhafte Art und Weise, wie die zweite Generation, das heißt die Generation der Kinder von Holocaust-Überlebenden, die traumatischen Erlebnisse wie Krieg und Vertreibung, Heimatverlust und Emigration erfahren, darüber aber stets geschwiegen haben, erst dann mit sich „ins Reine kommt“ bzw. einen Halt für ihr Leben in der neuen Heimat findet, wenn es ihr gelingt, die eigene (Familien-)Geschichte dennoch, auch gegen allen elterlichen Widerstand, aufzuarbeiten, folgerichtig die eigene Biografie besser zu verstehen und schließlich sich selbst und sein Schicksal im besten Falle anzunehmen.

Matterns Protagonist Gabriel sieht keine Zukunft für sich, Laura und das gemeinsame Kind, weil ihm erst durch die Ankündigung ihrer Schwangerschaft so richtig bewusst wird, dass er bisher immer nur versucht hat, seine Identitätskrise zu verdrängen – zuletzt durch seine tägliche Arbeit: „Übersetzen, um Zeit zu gewinnen, um die Wirklichkeit von sich wegzuhalten.“ Der Ich-Erzähler erkennt, dass er sich für ein zukünftiges Leben zu dritt erst einmal über seine eigene Herkunft und Sprache klar werden muss: „Wir haben eine Seite begonnen, für die mir die Grammatik vollkommen fehlt.“ Ob er diese neue, fremde und gleichzeitig auch eigene Sprache finden und lernen wird, lässt der Autor von „Im Király-Bad“ offen – vielleicht auch und vor allem, um den Leser zu animieren, sich selbst Gedanken zu machen und auf die Suche nach möglichen Lösungswegen zu gehen.

Literaturangabe:

MATTERN, JEAN: Im Király-Bad. Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Insel Verlag, Berlin 2010. 124 S., 16,80 €.

Weblink:

Insel Verlag


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