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Im Schatten Richard Wagners

Franz Liszt – eine der schillerndsten Künstler seiner Zeit

© Die Berliner Literaturkritik, 26.07.11

MÜNCHEN (BLK) – Im März 2011 ist im Siedler Verlag die Biographie von Oliver Hilmes „Liszt. Biographie eines Superstars“ erschienen. In diesem Jahr feiert die Musikwelt den 200. Geburtstag des großen Komponisten.

Klappentext: Liszt war ein Mann, der sich in immer neuen Rollen selbst erfand: Als Wunderkind, Klaviervirtuose, Komponist, Freigeist, Frauenschwarm und katholischer Abbé mit zeitweiligem Wohnsitz im Vatikan. Er war ein begnadeter Schauspieler und legendärer Verführer, manchmal auch ein bombastischer Schaumschläger und charmanter Aufschneider. Alles dies findet man in seiner Musik, die oft lässig auftrumpfend und ebenso oft zärtlich-fragil ist. Oliver Hilmes nimmt Liszt die zahlreichen Masken ab und zeichnet so ein neues Bild dieses romantischen Virtuosen und Wegbereiters der Moderne. Er beantwortet die Frage, wer dieser Franz Liszt – fernab aller Selbststilisierung – wirklich war, und entschlüsselt die Bedeutung seiner kühnen Musik sowie die Faszination, die noch heute von ihr ausgeht.

Oliver Hilmes, 1971 geboren, studierte Geschichte, Politik und Psychologie in Marburg, Paris und Potsdam. Er promovierte mit einer Arbeit über die politische Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts und arbeitete in der Intendanz der Berliner Philharmoniker. Seine Bücher über widersprüchliche und faszinierende Frauen „Witwe im Wahn. Das Leben der Alma Mahler-Werfel““ (2004) und „Herrin des Hügels. Das Leben der Cosima Wagner“ (2007) wurden zu Bestsellern. Zuletzt erschien von ihm „Cosimas Kinder. Triumph und Tragödie der Wagner-Dynastie“ (2009).

Leseprobe:

©Siedler Verlag©

prolog

Liest man das Wort Superstar, denkt man vielleicht an die Beatles, die Stones oder an moderne Popstars wie Michael Jackson oder Madonna. Den Liebhabern klassischer Musik kommen andere Namen in den Sinn: Ob Maria Callas, Vladimir Horowitz, Herbert von Karajan, Lang Lang, Anna Netrebko oder Luciano Pavarotti – sie alle sind bis heute Superstars.

   Ein Superstar wird von seinen Fans für seine Fähigkeiten geliebt und als Person mitunter abgöttisch verehrt. Als Vladimir Horowitz beispielsweise im Mai 1965 nach zwölfjähriger Bühnenabstinenz sein Comeback ankündigte, standen die Menschen an den Kassen der New Yorker Carnegie Hall Tag und Nacht Schlange, um eines der erlösenden Tickets zu ergattern. Unmittelbar vor dem Konzert kam es zu Tumulten, die Straßen rund um das Gebäude mussten gesperrt werden, und das Erscheinen des 61-jährigen Pianisten löste eine quasireligiöse Ekstase aus. Der Erfolg war gigantisch – kein Wunder, dass Horowitz in seinem Leben Millionen verdiente. Nur einer war in dieser Hinsicht noch erfolgreicher: Der stets geschäftstüchtige Maestro Herbert von Karajan soll bei seinem Tod im Juli 1989 ein Vermögen von – vorsichtig geschätzt – 450 Millionen Euro hinterlassen haben. Witwe Eliette nahm nach der Berechnung eines Wirtschaftsmagazins im Jahr 2005 auf der Liste der 100 reichsten Österreicher immerhin Platz 24 ein.

  Die Illustrierten und Klatschzeitschriften sind seit jeher die Verbündeten der Superstars. Es ist ein Geben und Nehmen: Die Journale kultivieren das Image der Superstars, die sich wiederum mit Interviews und exklusivem Bildmaterial erkenntlich zeigen. Maria Callas avancierte dank der Regenbogenpresse zur Stilikone der 1960er-Jahre, während sich Herbert von Karajan mit Vorliebe  am Steuer von Sportwagen und Privatflugzeugen als ruheloser und testosterongetriebener Jetsetter in Szene setzte. Neu ist diese Melange aus Musik, Medien und Moneten indes nicht. Im Jahr 2011stehen der 200. Geburtstag und 125. Todestag eines Mannes auf der  Agenda, der diese Mechanismen zwar nicht erfunden, aber wohl als Erster mit einer unerhörten Virtuosität bedient hat: Franz Liszt.

 

Franz Liszt war ein Superstar, ein Genie, eine europäische Berühmtheit, kurzum: eine absolute Ausnahmeerscheinung. Bereits als Wunderkind faszinierte er in Wien, Paris und London sein Publikum. In späteren Jahren bereiste er ganz Europa und trieb seine Karriere in schwindelerregende Höhen. Die damalige „Yellow Press“ – im 19. Jahrhundert sprach man von „bunten Blättern“ – berichtete ausführlich über seine Konzerte und noch ausführlicher über seine zahlreichen Kapriolen, die das Liszt-Fieber zusätzlich anheizten. Die Begeisterung, die er mit seinen Auftritten auslöste, steigerte sich mitunter ins Delirium, und Franz Liszt war auch eine Projektionsfläche für erotische Fantasien und geheime Sehnsüchte.

   Innerhalb von nur gut acht Jahren gab er etwa 1000 Konzerte – eine unglaubliche Zahl. Liszt »erfand« den Beruf des international agierenden Konzertpianisten und spielte als Erster das gesamte damals bekannte Klavierrepertoire von Bach bis zu seinem Zeitgenossen Chopin – und zwar auswendig. Auch als Komponist und Instrumentator war Franz Liszt ein Revolutionär: Er schrieb bahnbrechende Werke, die der Tonkunst neue Ausdrucksmöglichkeiten eröffneten. Für den Musikkritiker Klaus Umbach ist Franz Liszt unter den Stammvätern der klassischen Musik ein Mammutbaum, „und die meisten, die heute als seinesgleichen auftreten und auch noch ernstgenommen werden wollen, sind nichts als Bonsais, die sich künstlerisch zum Großformat verrenken, unterstützt und abgesegnet von einer Kulturindustrie in Hochkonjunktur, die sich für keinen Schwachsinn zu schade ist“.1

 

Franz Liszt war aber auch ein Mann, der sich in immer neuen Rollen gewissermaßen selbst erfand: 1847 hängte er den Beruf des reisenden Virtuosen an den Nagel und ließ sich in der Kleinstadt Weimar nieder. Aus dem gefeierten Jahrhundertpianisten wurde ein Dirigent, Publizist, Vereinsfunktionär, Pädagoge und Intendant. War dieser Rollenwechsel noch nachvollziehbar, schüttelten die Menschen einige Jahre später verständnislos den Kopf: Franz Liszt erhielt im April 1865 die sogenannten Niederen Weihen und wurde katholischer Abbé mit zeitweiligem Wohnsitz im Vatikan. Von den schönen Frauen mochte er deshalb aber nicht lassen. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er schließlich als bedeutendster Klavierlehrer seiner Zeit pendelnd zwischen Rom, Weimar und Budapest.

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   Wie passt das alles zusammen? Stellte es für ihn keinen Widerspruch dar, dass er sich einerseits als frommer Katholik gerierte und andererseits einen amourös-skandalösen Lebenswandel führte, der kaum mit der Sexualmoral der römischen Kirche vereinbar war?

   Es fällt schwer, sich im Wortsinne ein Bild von Franz Liszt zu machen. Zahlreiche Fotografien, die auch in dieser Biographie wiedergegeben werden, präsentieren ihn in den verschiedenen Abschnitten seines Lebens. Die Bilder aus der Virtuosenzeit wurden zu Ikonen: Sie zeigen einen jungen Mann mit beeindruckendem Charakterkopf, dessen lange Haare streng nach hinten frisiert sind, der modisch gekleidet ist und dessen rätselhafter Gesichtsausdruck verführerisch wirkt. Der junge Liszt erscheint als die Inkarnation des romantischen Virtuosen. Auf Fotos der späteren Jahre sehen wir einen älteren Herrn, dessen schneeweiße Künstlermähne in einem seltsamen Kontrast zur Soutane steht. Alle diese Bilder haben etwas gemeinsam: Sie wirken nicht nur inszeniert, was sie zweifellos waren, man gewinnt vielmehr den Eindruck, dass sich hier ein Mensch im Wortsinne ver-kleidet hat. Franz Liszt – ein Mann der vielen Masken?

   Liszts Vieldeutigkeit steht im Gegensatz zu Richard Wagner, dessen Außenwirkung sich durch eine gewisse Eindeutigkeit auszeichnet: „Ich bin anders organisiert, habe reizbare Nerven, Schönheit, Glanz und Licht muß ich haben! Die Welt ist mir schuldig, was ich brauche! Ich kann nicht leben auf einer elenden Organistenstelle, wie Ihr Meister Bach! – Ist es denn eine unerhörte Forderung, wenn ich meine, das bißchen Luxus, das ich leiden mag, komme mir zu? Ich, der ich der Welt und Tausenden Genuß bereite!“2

   Ein derartiges Manifest des Egoismus und der Selbstverliebtheit wäre Franz Liszt nie über die Lippen gekommen – er hätte diesen Forderungskatalog eher im Konjunktiv formuliert. Nicht ohne Grund bevorzugte er zeitlebens das Französische: In den galanten Verästelungen der Sprache der Diplomatie konnte er sein wahres Ich unauffällig verstecken. Aber wann war er gewissermaßen echt, wann zeigte er den Menschen nur eine Maske?

   Faszinierend vielfältig ist auch Franz Liszts Musik. Neben meisterhaften Klavieretüden, betörenden Shownummern, subtilen Reisebildern und hochvirtuosen Bearbeitungen steht sein atemberaubendes Spätwerk: ultramoderne Miniaturen, die den Weg ins 20. Jahrhundert weisen. Liszt schuf aber auch bedeutende Orchestermusik – darunter abendfüllende sinfonische Werke –, Orgelmusik, Lieder, Oratorien, Messen und sogar eine Oper. Die Klangsprache ist oft heroisch und ebenso dandyhaft auftrumpfend wie herablassend, in anderen Stücken erscheint sie poetisch-naiv, erotisch und zärtlich-fragil, und in seinen letzten Jahren fand er zu einer aufregenden Kargheit.

   Franz Liszts Klavierartistik trennt bei den Pianisten die Spreu vom Weizen – sie ist Pflicht und Kür in einem. Daher belegen seine Klavierwerke seit jeher feste Plätze auf den Programmzetteln: Ob Ferruccio Busoni, Vladimir Horowitz, Alfred Brendel, Daniel Barenboim, Martha Argerich oder Arcadi Volodos – nahezu alle bedeutenden Pianisten der Vergangenheit und Gegenwart griffen irgendwann im Laufe ihrer Karriere zur Sonate in h-Moll, zu den Paganini-Etüden oder zum Mephistowalzer.

   Um die Präsenz der anderen Werkgattungen ist es indes nicht so gut bestellt. So sind etwa Liszts Orchesterwerke im heutigen Musikbetrieb deutlich unterrepräsentiert. Das mag mit modischen Vorlieben der jüngeren Dirigentengeneration zu tun haben – es gibt jedoch einen weiteren Grund, der weit in die Vergangenheit führt. Als im August 1870 Liszts Tochter Cosima und Liszts Freund Richard Wagner heirateten, nahm für Franz Liszt eine unglückliche Entwicklung ihren Lauf. Die ehrgeizigen Wagners instrumentalisierten ihren weltberühmten Verwandten bei der Etablierung des Bayreuther Festspielunternehmens nach allen Regeln der Kunst, und auch nach Wagners Tod 1883 machte Liszt den »Pudel«, wie er sich selbstspöttisch ausdrückte – nun für Tochter Cosima, die das Ruder übernommen hatte und zur allmächtigen »Herrin des Hügels« avancierte. Langsam, aber sicher sahen die Wagnerianer in Liszt nur noch den Steigbügelhalter Richards des Großen. Dass der zwei Jahre ältere Schwiegervater selbst ein genialer Komponist war, geriet in gern gesehene Vergessenheit.

   „Liszt existierte in meiner Jugend nicht“ erinnerte sich seine Ururenkelin Nike Wagner. „Schlimmer noch, er existierte nur als leicht bespöttelte Figur, die keinen interessierte – ›der Abbé‹ hieß es immer ironisch, wenn von Liszt einmal die Rede war.“ Und weiter: „Ich sehe meinen Vater Wieland noch tief schlafen in einer Aufführung der ›Heiligen Elisabeth‹, die er aus repräsentativen Gründen hatte besuchen müssen. Und sollte es jemals Klavierabende mit Werken von Franz Liszt im Markgräflichen Opernhaus oder der Stadthalle gegeben haben – die Familie glänzte durch Abwesenheit und Ignoranz.“ Die Motive für die Ablehnung Liszts seitens des Wagner-Clans waren ganz diesseitiger Natur. Es ging um Hierarchien, Eitelkeiten und nicht zuletzt auch um Geld. Zu viel Konkurrenz im eigenen Haus verdirbt das Geschäft, mag Cosima gedacht haben. Nike Wagner: „Trotz der engmaschigen Verhältnisse musste die musikalische Rangordnung abgesichert, der ›erste Platz‹ in der Musikgeschichte gewahrt werden.“3

   Dabei hatte Richard Wagner seinem Freund und Schwiegervater unendlich viel zu verdanken. Liszt förderte ihn, wo immer er konnte, darüber hinaus rettete er ihn mehrfach vor dem finanziellen Kollaps. Doch das war nicht alles, in einem stillen Moment musste Wagner zugeben, „dass ich seit meiner Bekanntschaft mit Liszt’s Compositionen ein ganz andrer Kerl als Harmoniker geworden bin, als ich vordem war“.4 Und gegenüber Cosima bezichtigte sich Wagner sogar des geistigen Diebstahls: „daß er vieles meinem Vater gestohlen; seine Symphonischen Dichtungen nennt er: un repaire des voleurs [ein Diebesnest], worüber wir herzlich lachen müssen“.5

   Vielen Wagnerianern ist bis heute nicht wohl bei der Vorstellung, dass sich ihr Halbgott im Werk des so bespöttelten Abbé reichhaltig bedient haben könnte. Als der Dirigent Simon Rattle vor einigen Jahren in Amsterdam an einer Podiumsdiskussion zum Thema Wagner teilnahm, provozierte er eine gewisse Unruhe, als er den Bayreuther als »ganz große Elster« bezeichnete. Rattle: „Wenn man die Walküre kennt, dann ist es ein Schock, Liszts Faust-Sinfonie kennen zu lernen und zu hören, wie viel Wagner daraus gestohlen hat.“6 Das mochte nicht jeder im Saal hören. Eine Jahrhundertfigur wie Franz Liszt bedarf keiner Ehrenrettung. Ihn aber in ein rechtes Licht zu rücken gehört zu den Aufgaben eines Biographen.

 

Als Franz Liszt vor 200 Jahren geboren wurde, begann einer der ganz großen Lebensromane des 19. Jahrhunderts. Liszts Weg führt die Leser durch ganz Europa: Man begegnet Kaisern, Königen und anderen gekrönten Häuptern, besucht den Papst im Vatikan, trifft bedeutende Musiker, Künstler und Schriftsteller, ehrgeizige Kardinäle, skrupellose Spione und zwielichtige Hochstapler und beobachtet mit einem gewissen Amüsement, wie Liszt sich in erotischen Fallstricken verhedderte. Viele Details dieser knapp 75 Lebensjahre sind ebenso grandios wie skandalös, andere sind betörend wie verstörend, und wiederum andere – etwa die Vorgänge rund um die „Affaire Wittgenstein“ – sind spannend wie ein Krimi.

Wer war also dieser Superstar Franz Liszt, der die Musik revolutionierte und die Frauen verführte? Die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben.

Oliver Hilmes

©Siedler Verlag©

Literaturangabe:

HILMES, OLIVER: Liszt. Biographie eines Superstars. Siedler Verlag, München 2011. 432 S., 24,99 €.

Weblink:

Siedler


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