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Im Schrebergarten der Liebe

Hans Ulrich Treichel über Paul, der sich nicht entscheiden kann

© Die Berliner Literaturkritik, 12.03.10

Von Frauke Lengermann

Das Sujet von Hans-Ulrich Treichels neustem Roman „Grunewaldsee“ ist weder neu noch besonders originell. Ungezählt sind die Artikel der Printmedien jedweder Couleur, die sich mit dem Unwillen oder der Unfähigkeit des modernen Mannes zur Reife herumschlagen. Als ein möglicher Grund gilt der durch starke Kriegsverluste bedingte Mangel an männlichen Vorbildern im 20. Jahrhundert – dem heutigen „Dreißiger“ wird als direkte Folge der Drang nach ewigem Kind-Sein und ewiger Unentschlossenheit attestiert. Der weit verbreitete Jugendwahn unserer Zeit tut sein Übriges: Warum also zugunsten der einen Frau, des einen Jobs etc. alle anderen Türen zuschlagen, weiß man doch nie, was hinter der nächsten lockt? Der alternde Körper wird derweil mit Anti-Aging-Cremes, Gingko-Präparaten, Bodyshaping-Kursen und Botox in Form gehalten – dann kann das „echte Leben“ auch ein bisschen später kommen.

Wenig überraschend, dass auch die zeitgenössische Literatur sich dem Thema verschiedentlich angenommen hat – der US-amerikanische Autor Benjamin Kunkel ließ der Hauptfigur in seinem 2006 erschienenen Roman „Indecision“ gar eine Anti-Unentschlossenheits-Droge verabreichen, um seinem Helden endlich auf die Sprünge zu helfen.

Und dennoch – der Reiz, der in Treichels Text von eben diesem Sujet ausgeht, liegt zum einen in der Konsequenz der Durchführung, mit der sein Anti-Held Paul in der Warteschleife des Lebens herumwabert und in dem gekonnt lakonisch-heiteren Ton, mit der die Tristesse von Pauls Leben im „Wartestand“ gezeichnet wird.

Das ist so gut gemacht und Paul ist so überzeugend in der phantasiebegabten Ausgestaltung seiner im Grunde recht ereignislosen Existenz, dass dem Leser erst nach einer gewissen Zeit aufgeht, wohin das alles führt – nämlich zur Vermeidung jedweder zukunftsweisenden Entscheidung, die unweigerlich zum Erwachsen-Werden dazu gehört.

Um weiter in der Warteschleife des Lebens kreisen zu können, ist dem ehemaligen Lehramtsstudenten und potentiellen Referendar Paul kein Argument zu abgedreht. Arbeitsplätze können nicht angetreten werden wegen der „Präsenzpflicht am Arbeitsplatz“, die sich in Pauls Phantasie rasch zu einem generellen Toilettengang-Verbot aufbläht. Ein weiteres, unüberwindbares Problem, diesmal in Sachen Referendariat: frühes Aufstehen. Ein Thema, das Paul in seine Kindheit zurück führt, wo die Wurzeln seines Unbehagens zu finden sind: „Denn das einzige, was ihm am Lehrerberuf ganz und gar nicht behagte, war das frühe Aufstehen (...) er fürchtete sich regelrecht davor. Schon seit Schulzeiten. Schon seit der ersten Klasse war es ihm schwer gefallen, früh aufzustehen. Schon als Erstkläßler taumelte er gleichsam zur Schule.“ Und so folgert Paul, dass der Wartestand für ihn die beste Lösung ist: „Ausschlafen können und doch keine Angst vor der Zukunft haben müssen. Ausschlafen können und doch kein Universitätsprofessor sein.“

Um diesen zweifelhaften Zustand beibehalten zu können, nimmt Paul einiges in Kauf. Er fristet sein Dasein in einer dunklen Hinterhofwohnung in Kreuzberg in West-Berlin, es stinkt nach Schmalzgebäck aus der Abluftanlage des Bäckers im Vorderhaus, und allzu oft muss er am Landwehrkanal joggen gehen, um der regelmäßigen Lärmbelästigung durch türkische Musik zu entgehen. Seine Stärke ist es, aus der Not eine Tugend zu machen: Paul nimmt zwar unwürdigerweise immer noch Geld von seiner Mutter an, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, aber zumindest ist es nur sehr wenig. Und wenig Geld ist in Kreuzberg (zumindest zur Vor-Wendezeit und in einem abgerockten Haus) kein Problem:„ ... es beruhigte ihn, wie arm man in Kreuzberg werden konnte, ohne sozial ausgegrenzt zu werden. Wer hätte einen auch ausgrenzen sollen? Die meisten waren arm.“ Es ist eben alles eine Frage der Relationen. Und wenn Paul doch mal der unbequeme Gedanke quält, dass er in seinem Heimat-Bundesland Niedersachsen im Nu eine Referendariatsstelle hätte, dann stilisiert er sich gekonnt als „der Kreuzberger, der Gettobewohner, der Straßenkämpfer, der Freund der Türken und Hausbesetzer, der Mann der Metropole“, die Rückkehr in die Provinz wäre ein Verrat an der Sache.

Denn „Grunewaldsee“ ist – wenn man von dem Ausflug ins feurige Andalusien absieht – ein ausgesprochenes Berlin-Buch. Treichel malt ein Porträt von Kreuzberg in der Vor-Wende- und Wende-Zeit, das eine Menge Kreuzberger („Studenten-“) Lebensgefühl transportiert und nicht der Komik entbehrt. So findet Paul etwa, dass sich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen Kreuzbergs – Proleten, Kleinbürger, Studenten und anatolische Türken – wunderbar ergänzen; nur ein wenig mehr türkisches Traditionsbewusstsein würde er sich wünschen: eine Schafherde auf dem Kottbusser Platz, Ziegen im Hinterhof und ein paar Bergadler hoch im Kreuzberger Himmel: „Das wäre ein Kreuzberg ganz nach seinem Geschmack gewesen.“ Jeder ehemalige und gegenwärtige FU-Student wird sich an den Beschreibungen Dahlems und der Freien Universität laben können und typische Berliner Ausflugsziele, wie der Grunewaldsee und die Pfaueninsel spielen eine nicht geringe Rolle. Gleichsam en passant lernt der interessierte Leser einiges über Schinkel-Architektur und preußische Landschaftsgärtnerei.

Und schlussendlich ist „Grunewaldsee“ auch ein Buch über die Liebe – auch diese, wie sollte es anders sein – befindet sich im Schwebezustand. Die Jahre überdauernde Sehnsucht nach der verheirateten María, mit der Paul eine kurze Affäre verbindet, zehrt von dem abschiedsduseligen Ausspruch Marías „Permanecemos juntos“ – „Wir bleiben zusammen“ – den sie ihm beim letzten Treffen unvorsichtigerweise mit auf den Weg gibt. Die ideale Vorlage für Paul – und Grund genug für jahrelanges Hoffen und Bangen auf eine glückliche Wiedervereinigung und eine gemeinsame Zukunft. Auch hier melden sich hin und wieder Zweifel, wenn sich Pauls Realitätssinn durchsetzt und ihm die Wartezeit zu lang wird: hellsichtig sind seine Reflexionen über eine mögliche Liebesbeziehung, die nicht in Superlativen daherkommen muss und die er als „Schrebergarten der Liebe“ bezeichnet – bescheiden, aber dafür real. „Apfelkuchen-Glück“ – so nennt es die Dichterin Sylvia Plath in ihren Tagebüchern. Ein schönes Bild. Und es ist ein schönes Buch, das Hans-Ulrich Treichel da geschrieben hat, nicht weltbewegend, nicht spektakulär – aber mit einem ganz eigenen, lakonischen Charme. Vielleicht manchmal ein bisschen zu sehr wie ein Glas von einem überdurchschnittlichen, aber nicht wirklich aufregenden Wein.

 

Literaturangabe:

TREICHEL, HANS-ULRICH: Grunewaldsee. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2010. 237 S., 19,80 €.

 

Weblink: Suhrkamp Verlag

 

 


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