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Im Zug um die Welt

Reisereportagen von Kristian Ditlev Jensen

© Die Berliner Literaturkritik, 12.12.08

 

Es gibt sie in besonders lang, besonders bunt, besonders komfortabel und besonders schnell. Manche haben einen Koch an Bord, der exquisite mehrgängige Menüs zaubern kann, und manche einen Koch, dessen Künste gerade einmal den Ansprüchen eines Billigflug-Menüs entsprechen. Nur eines, das haben sie alle gemeinsam: Sie fahren von A nach B, die Züge dieser Welt. Und sie transportieren die unterschiedlichsten Menschen.

Kristian Ditlev Jensen hat seine Reiseberichte über das Zug fahren jetzt in einem Buch zusammengefasst. „Von japanischen Brotbüchsen, indischen Göttern, komischen Alpendialekten, süßen Südstaaten, afrikanischen Kriechtieren und der Köstlichkeit des langsamen Reisens“ fasst in 22 Kapiteln skurrile und alltägliche Erlebnisse eines Weltreisenden per Bahn zusammen.

Der Autor trifft auf Menschen, die ihm ihre Lebensgeschichte erzählen. Er trifft auf den Durchschnittsbürger ebenso wie auf den Exzentriker. Jensen hat ein Händchen dafür, die eine entscheidende Begegnung aus Hunderten herauszugreifen und sie mit leichter und ironischer Schreibe nachzuzeichnen. Es sind Charaktere, die beispielhaft für die Eigenarten ihres Landes stehen. Jensens Geschichten erzählen nicht nur vom Bahn fahren, sondern von weit mehr: Von Bräuchen, von Flora und Fauna, von der Landesgeschichte, der Religion und dem Essen. Es ist diese Mischung, die das Buch lesenswert machen könnte. Allerdings ist sie auch das Einzige.

Jensen hat seine Bahnfahrten als Reisejournalist unternommen und im Auftrag eines dänischen Magazins aufgeschrieben. Ob Japan, Schweiz, Peru oder Indien, er hat eine Menge Länder mit dem Zug bereist: die höchsten, die längsten, die schönsten, die einsamsten Eisenbahnstrecken dieser Erde. Was nach einem durchaus spannenden und vielversprechenden Projekt klingt, wird aber bald zu einer langatmigen, lustlosen Aufzählung seiner Erlebnisse, ergänzt durch oberlehrerhafte und altkluge Exkurse.

Da ist zunächst Jensens Naivität. Denn entweder ist er für seine 37 Jahre tatsächlich ziemlich naiv oder er stellt sich naiv. Staunend stellt er fest, dass die Menschen in der Schweiz Schwyzerdütsch sprechen. Das hört sich in Jensens Ohren so lustig an, dass er sich darüber ein ganzes Kapitel lang immer wieder beulken kann. Und in Australien, wer hätte es gedacht, fährt der Zug durch endlose Weiten, und Jensen stellt ernüchtert fest, dass nur selten ein Känguru vorbeihüpft. Hatte er wirklich erwartet, er würde durch Horden tausender Tiere fahren, die stoisch dem ratternden Ungetüm Zug zusehen?

Weil Jensen offenbar irgendwann festgestellt hat, dass sich ein ganzes Buch mit seinen Plattitüden über das Bahn fahren nicht füllen lässt, hat er es mit einer ganzen Menge Binsenweisheiten und Nebensächlichkeiten aufgefüllt. Da sind beispielsweise die Flugreisen zwischen den Bahnreisen. Nicht zu vergessen auch das Essen in Zug und Flugzeug. Eigentlich hätte der Autor auch ein Buch über Zugmenüs schreiben können, so ausgiebig wie er die Gaumenfreuden und -unfreuden beschreibt. Das ist anfangs ein durchaus interessantes Detail, langweilt allerdings spätestens nach der dritten Schilderung des Essens auf Jensens Teller.

Zum Essen und Fliegen gesellen sich Erkenntnisse über das Alleinreisen. Das nämlich hat Jensen zu einem besseren Menschen gemacht. Das ist schön für ihn, allein seine pseudo-philosophischen Reflexionen über das eigene Ich langweilen und sind – pardon – altkluges Geschwätz. Auf die Spitze aber treibt es Jensen schließlich mit seinen oberlehrerhaften Weisheiten, die den Eindruck vermitteln, dass er seine Leser für ziemlich weltfremd und dumm halten muss. Der Autor selbst hingegen ist freilich ein weiser Mann, der den Daheimgebliebenen ein paar kluge Ratschläge auf den weiteren Lebensweg mitgibt.

Das liest sich so (das „man“ im Text ist der Autor selbst): „Die Armut in der Dritten Welt kann einem nicht egal sein, wenn man in Afrika und Indien gewesen ist. Die Bevölkerungsprobleme dieser Welt können einen nicht unberührt lassen, wenn man auf einem gewaltigen Platz in China gestanden und den Druck all der anderen gespürt hat – ganz physisch. Die Umweltverschmutzung kann einem nicht egal sein, wenn man Bombay vom Flugzeug aus beim Landeanflug durch dichten, dichten Smog gesehen hat. Andere Menschen in anderen Ländern können einem nicht egal sein, wenn man mit ihnen Tee getrunken hat. Die Welt kann einem nicht egal sein, wenn man sie gesehen hat... Man ist klüger geworden. Vielleicht auch weiser.“ – Amen.

Vielleicht hat Jensen ja übersehen, dass Teetrinken in der Geschichte der Menschheit weder die Völkerverständigung bemerkenswert gefördert, noch Kriege beendet hat. Und dass Umweltaktivisten, Friedensforscher und Entwicklungshelfer sich für die Welt einsetzen, obwohl die meisten unter ihnen noch keine Weltreise gemacht haben dürften.

„Die Welt kann einem nicht egal sein“, sagt Jensen, der kluge, weiser gewordene Jensen. Aber das Buch eines Weltreisenden, der mit dem missionarischen Ton des Überheblichen und Arroganten über diese Welt schwätzt, das kann einem ziemlich egal sein.

Von Ariane Stürmer

Literaturangaben:
JENSEN, KRISTIAN DITLEV: Von japanischen Brotbüchsen, indischen Göttern, komischen Alpendialekten, süßen Südstaaten, afrikanischen Kriechtieren und der Köstlichkeit des langsamen Reisens. Übersetzt aus dem Dänischen von Sigrid Engeler. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2008. 224 S., 19,95 €.

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