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In Verlierer verliebt man sich nicht

Thomas Jonigks gesammelte Theaterstücke: „Theater eins“

© Die Berliner Literaturkritik, 29.08.08

 

GRAZ (BLK) – 2008 ist die Sammlung von Theaterstücken des Autor Thomas Jonigk „Theater eins“ beim Literaturverlag Droschl erschienen.

Klappentext: Dieser erste Band der gesammelten Theaterstücke Thomas Jonigks enthält die Stücke Von blutroten Sonnen, die am Himmelszelt sinken, Du sollst mir Enkel schenken, Rottweiler, Täter und das Libretto Heliogabal, geschrieben in den 90er Jahren, uraufgeführt zwischen 1994 und 2003. Mit ihnen und ihrem Autor etablierte sich neben Werner Schwab und Elfriede Jelinek eine dritte, durch ihren unverwechselbaren Sprachstil erkennbare Stimme auf den deutschsprachigen Bühnen. Jonigks Thema in den ersten Stücken ist die Familie als Tatort: sei es der sexuelle und emotionale Missbrauch an den Kindern (in Täter), sei es der Anpassungsdruck auf den schwulen Sohn (Du sollst mir Enkel schenken), sei es das Weiterleben faschistischer Rollenbilder (Rottweiler) – und das alles in einer Sprache von grotesker Komik, bei der einem allerdings öfter das Lachen im Hals steckenbleibt.

Thomas Jonigk, 1966 in Eckernförde geboren, studierte Mediävistik, Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft. Gemeinsam mit dem Regisseur Stefan Bachmann gründete er die freie Berliner Theatergruppe ›Theater Affekt‹, war als Dramaturg in Theatern und Opernhäusern u.a. in Berlin, Bonn, Zürich, Wien und Lyon tätig und arbeitete als Regisseur an der Volksbühne Berlin und am Schauspielhaus Wien. Seit 1994 werden seine Theaterstücke mit Erfolg aufgeführt. 1995 wurde er von „Theater heute“ zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gewählt, 1997 erhielt er den Drama Logue Critics Award for Outstanding Achievement in Theatre in den USA, 2001 war Jonigk Stipendiat der Villa Aurora in Los Angeles. (vol)

 

Leseprobe:

© Literaturverlag Droschl ©

MUTTER (ihn unterbrechend zu Norma)

Ein Mann achtet nicht, wen er flachlegt! Der Feldzug seines Fleisches hatte ein anderes Endziel im Visier! Sie haben sich mit Waffengewalt willig unterwerfen lassen. Damit haben Sie ihn aufgewertet, aber in Verlierer verliebt man sich nicht!

 

NORMA

Er hat mich geliebt! Er hat mir soviel von sich erzählt!

 

MUTTER (vom Tisch steigend zu Norma tretend)

Damit er Ihnen nicht zuhören musste! Bilden Sie sich nicht ein, Sie hätten einem gebildeten Mann außer Ihrer Breitbeinigkeit etwas zu bieten.

 

NORMA (weinend)

Er hat mich geliebt!

 

MUTTER

Und warum hat er Sie verlassen? Was man liebt, legt man nicht ab.

 

SOHN

Mutter!

 

KANDIDATIN (Norma in den Arm nehmend)

Ich bin sicher, er hat dich lieb gehabt. Warum hast du bloß davon angefangen.

 

NORMA

Du kannst das doch überhaupt nicht nachfühlen in deiner beleibten Lebensform, in der du immer allein bleiben wirst.

 

KANDIDATIN

Ich will aber nicht allein sein.

 

NORMA

Du bist doch überhaupt keine Frau. Ich bin hier die einzige Frau im Haus.

 

MUTTER (zu Norma)

Es gibt zwei Frauen im Haus! Was bin denn ich, wenn nicht das. Sie sind wie immer nur die Zweitfrau neben der Herrin des Hauses!

 

KANDIDATIN

Es gibt drei Frauen!

 

SOHN (zur Kandidatin)

Mach dir nichts draus. Ich hab an dich gedacht.

 

NORMA (zur Mutter)

Fortpflanzung und Finanzen: Deshalb waren Sie für ihn vorhanden. In mir hat er die Frau gefunden, die Ihnen fehlt!

 

MUTTER

Aber ich habe es versucht!

 

NORMA

Mühe allein genügt eben nicht.

© Literaturverlag Droschl ©

Literaturangaben:
JONIGK, THOMAS: Theater eins. Mit einem Nachwort von Ute Nyssen. Literaturverlag Droschl, Graz 2008. 288 S., 24 €.

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