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Ingeborg Bachmanns „Kriegstagebuch“

Wer kein brennendes Interesse an Ingeborg Bachmann hat, wird dem Bändchen kaum etwas abgewinnen können

© Die Berliner Literaturkritik, 04.05.10

Von Thomas Borchert

„Kriegstagebuch“ ist ein seltsamer Titel für diese Aufzeichnungen der 19-jährigen Ingeborg Bachmann und die Briefe eines in sie verliebten britischen Besatzungssoldaten. Bachmanns eigene Eintragungen als Teenager und die Briefe des aus Österreich als jüdisches Kind geflohenen Jack Hamesh entstanden nach Kriegsende. Aber der schmale Band musste einen Namen haben, einen möglichst bombastischen offenbar, der in die Irre führt.

Hier geht es weniger um die Kriegserlebnisse der 1973 gestorbenen österreichischen Schriftstellerin, dafür umso mehr um ihre persönlichen Hoffnungen für die Zukunft an der Schwelle zum Frieden. In den Briefen des knapp zehn Jahre älteren Besatzungssoldaten stellt sich ein durch Holocaust, die Ermordung der Eltern und Flucht entwurzelter, seines Platzes in der Gesellschaft und simpler Gemeinschaft für immer beraubter Mensch vor.

Wer kein brennendes Interesse an der Person Ingeborg Bachmann hat oder Kenner ihres Werkes ist, der Gedichte etwa oder ihres bekanntesten Romans „Malina“, wird dem Bändchen literarisch kaum etwas abgewinnen können. Da beginnt ein hellwaches junges Mädchen mit dem Satz „Mein geliebtes Tagebuch, jetzt bin ich gerettet.“ Ganze sechs handgeschriebene Seiten umfassen die Einträge, die zudem kein Tagebuch sind, sondern offenbar eine nachträglich von ihr gefertigte Zusammenfassung. Zur Hälfte schildert Bachmann darin aus dem heimischen Kärnten die letzte Phase des Krieges und zur Hälfte ihre Begegnung mit dem britischen Besatzungssoldaten.

Jack Hamesh küsst ihr, einmalig!, die Hand, sie will sie nie wieder waschen. „Das ist der schönste Sommer meines Lebens, und wenn ich hundert Jahre alt werde“, schreibt sie, wie Teenager das eben in Tagebüchern schreiben. Begeisterung über das Zusammensein mit dem Soldaten empfindet sie vor allem wegen so nie erlebter Gespräche über Literatur. Dass Ingeborg Bachmann Missmut ihrer Eltern und anderer spürt („Sie geht mit dem Juden“), macht sie nur entschlossener: „Ich werde mit ihm zehnmal auf und ab durch Vellach und durch Hermagor gehen, und wenn alles Kopf steht, jetzt erst recht.“

Die Briefe Bachmanns an den 1946 nach Palästina ausgewanderten Hamesh sind nicht erhalten. Was der an seine Sommer-Gefährtin schreibt, macht das eigentlich Berührende dieses Buches aus. Hamesh gibt wieder und immer wieder seiner Sehnsucht nach Geborgenheit in einer Familie Ausdruck und meint sie ausgerechnet bei Ingeborgs Mutter und Vater zu finden, der schon 1932 Parteimitglied bei den Nationalsozialisten war: „Sage ihnen, dass ich mich in ihrem Heim und ihrer Mitte immer wohl und glücklich gefühlt habe (...), welches Leid ich auch in Österreich einmal erlebt hatte.“

Hamesh schildert Bachmann sein Leben in Palästina mit kritischem Blick und analytischer Schärfe, ohne Hoffnung auf persönliches Glück. Höchstens auf Zufriedenheit: „Ich könnte ja ebenso gut in irgendeinem Massengrab in Polen oder Deutschland oder gar in meiner alten Heimat Österreich verfaulen.“ Er ist ein klarer, der Freundin sympathisch zugewandter und herzzerreißend ehrlicher Briefschreiber.

Hamesh kämpft um die Aufrechterhaltung der Beziehung zu Bachmann, während die erlebnishungrige, literarisch ehrgeizige Ingeborg wohl zu neuen Ufern strebt. Es tut ihm weh, dass sie nichts von einem Wunsch auf ein Wiedersehen schreibt: „Lass neue Brücken erstehen, und schreibe mir bitte nicht mehr, dass das Freisein glücklich macht.“

Aus Bachmann wurde eine berühmte Schriftstellerin mit berühmten Partnern: Martin Heidegger, Paul Celan, Max Frisch, Heinz Werner Henze. Sie starb 1973 in Rom, als eine Zigarette ihr Bett in Brand setzte. Jack Hamesh ist für den Herausgeber des „Kriegstagebuchs“, Hans Höller, auch bei intensiven Recherchen in Israel nicht aufzufinden gewesen, sein Schicksal unbekannt.

Man wünscht ihm nach der Lektüre seiner Briefe von Herzen, dass er doch noch Wege zu so etwas wie Glück gefunden hat. Unverständlich, dass Jack Hamesh keinen Platz als Mitautor vorne auf dem Buchdeckel bekommen hat.

Literaturangaben:

BACHMANN, INGEBORG: Kriegstagebuch. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Höller. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 107 S., 15,80 €.

Weblink:

Suhrkamp Verlag


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