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„Beweiskette“ von Garry Disher

Der neue Krimi des australischen Romanciers

Von: AXEL BUSSMER - © Die Berliner Literaturkritik, 24.07.09

Bekannt wurde der Australier Garry Disher in Deutschland mit seinen harten Wyatt-Gangsterromanen. Natürlich sind sie deutlich von Richard Starks Parker-Geschichten inspiriert. Mit der Hal-Challis-Serie übertrug er dann, wieder sehr gelungen, den Polizeiroman à la Ed McBain nach Australien. 

Doch nach den ersten Inspector-Challis-Romanen „Drachenmann“, „Flugrausch“ und „Schnappschuss“ ist „Beweiskette“ ein großer Schritt weg von den normalen Genreerwartungen. Denn der Inspector nimmt vier Wochen Urlaub und fährt zu seinem im Sterben liegenden Vater. Währenddessen verschwindet in seinem Revier die zehnjährige Katie Blasko. Challis’ Kollegin Ellen Destry muss die Ermittlungen leiten. Diese gestalten sich allerdings schwierig. Von der verschwundenen Katie fehlt jede Spur. Ein Entführer meldet sich nicht. Die Eltern wenden sich, ohne vorher mit der Polizei gesprochen zu haben, an die Öffentlichkeit. Die Ermittler vermuten, dass Katie bereits tot ist. Und dann gibt es da noch das Gerücht von einem auf der Halbinsel operierendem Pädophilenring. Das ist genug Stoff für einen dicken Kriminalroman.

Dagegen dient der Erzählstrang mit Inspector Hal Challis vor allem dazu, diesen nicht ganz aus dem Buch verschwinden zu lassen. Er sucht seinen vor fünf Jahren verschwundenen Schwager Gavin Hurst, trifft eine Jugendfreundin und erinnert sich an seine Jugend. Für Disher ist dies eine elegante Möglichkeit, seinem Serienhelden eine beim Lesen der ersten Bände nicht vermisste Familie und Vergangenheit zu geben.

In dem vierten Hal-Challis-Roman hat Garry Disher das Experiment gewagt, einen Serienroman zu schreiben, bei dem der Serienheld nur eine Nebenrolle hat. Aber weil die Challis-Romane als Polizeiromane schon immer Ensemblestücke waren, gelingt das überraschend gut. Denn Disher erzählt weitere Geschichten aus dem Leben der bereits aus den früheren Büchern bekannten Charaktere. Ellen Destry denkt über ihre Beziehung zu Hal Challis nach. Immerhin hütet sie in seiner Abwesenheit sein Haus, aber sie betrachtet ihn nicht als ihren Liebhaber. Auch die Beziehung zu ihrer studierenden Tochter ist schwierig.

Pam Murphy möchte Detective werden und begibt sich in das Auswahlverfahren. Ihr Kollege John Tankard ist davon nicht begeistert. Außerdem hat er für dreißigtausend Dollar auf Kredit sein Traumauto gekauft. Als er erfährt, dass es für Australien nicht zugelassen ist, steht er vor der Frage, wie er die dafür aufgenommenen Schulden abbezahlen kann. Und alle Polizisten von Waterloo wollen die große Jarrett-Familie endlich zur Strecke bringen. Diese bestreitet ihr Einkommen hauptsächlich mit Diebstählen. Zuletzt wurde Nick Jarrett von der Anklage freigesprochen, den Sohn eines Polizeiangestellten überfahren zu haben.

Die Welt der Polizisten wird von Garry Disher dabei vor allem in Grautönen gemalt. Sie sind Menschen mit Problemen und Fehlern. Sie versuchen halbwegs anständig über die Runden zu kommen. Aber sie sind keine strahlenden Helden. Sie zweifeln. Sie lügen. Sie betrügen. Sie haben sehr alltägliche Sorgen und Probleme. Sie fangen am Ende die Verbrecher, wie im wirklichen Leben, nicht dank ihrer genialen geistigen Fähigkeiten, sondern in einer Mischung aus Glück, Intuition und Zähigkeit.

Aber ihre Gegner, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als blase Disher nach der Jagd auf einen Serienkiller (in „Drachenmann“) jetzt zur Jagd auf einen Pädophilenring, sind keine unbesiegbaren Bösewichter à la Hannibal Lecter, sondern normale Menschen. Alltag eben. In Waterloo wie auch irgendwo in Deutschland. In seiner Heimat erhielt Disher für „Beweiskette“ verdient den australischen Krimipreis, den Ned-Kelly-Award für den besten Kriminalroman.

Literaturangabe:

DISHER, GARRY: Beweiskette. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Peter Torberg. Unionsverlag, Zürich 2009. 448 S., 22,90 €.

Weblink:

Unionsverlag

Axel Bussmer arbeitet als freier Autor und Literaturkritiker in Berlin


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