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Interview mit Herta Müller

„Pastiors andere Seite verbittert mich“

© Die Berliner Literaturkritik, 18.11.10

Interview: Esteban Engel

BERLIN (BLK) – Nach der Enthüllung neuer Spitzelvorwürfe gegen den Schriftsteller Oskar Pastior (1927-2006) zeigt sich seine langjährige Kollegin und Freundin Herta Müller (57) „verbittert“. Die Berichte des früheren rumänisch-deutschen Literaturredakteurs Dieter Schlesak, nach denen Pastior in den 60er Jahren Autorenkollegen für den rumänischen Geheimdienst Securitate bespitzelt habe, hätten ihr Bild Pastiors verändert, sagt die Literaturnobelpreisträgerin in einem Interview.

Wie reagieren Sie auf die neuen Vorwürfe gegen ihren langjährigen Freund Oskar Pastior?

Herta Müller: „Ich bin entsetzt. Mit den Gefühlen muss ich allerdings selbst fertig werden, das Hauptproblem sind die Tatsachen. Die neuen Berichte haben mein Bild über Oskar Pastior verändert. Mit der Unschuld ist es nun vorbei. Ich werde ihn nicht mehr in Schutz nehmen können und diese neuen Fakten entsprechend einordnen müssen.“

Haben Sie die Enthüllungen von Dieter Schlesak überrascht?

Herta Müller: „Ja, denn bisher hatten man in der Securitate-Zentrale in Bukarest keine Spitzelberichte gefunden. Ich glaubte bisher, Pastior habe wie tausende anderer "Inoffizieller Mitarbeiter", die in den 50er und 60er Jahren unter dem Druck der Haftandrohung standen, durch eine Verpflichtungserklärung versucht, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Man unterschrieb, lieferte aber dann keine Berichte. Solche Fälle gibt es tausende aus jener Zeit. Diese Annahme hat sich als Irrtum erwiesen. Ich halte es nun für wahrscheinlich, dass es weitere Berichte von Oskar Pastior gibt.“

Dennoch bleibt der Fall Pastior ein tragischer Fall...

Herta Müller: „Es die Geschichte eines Menschen, der aus einem sowjetischen Lager in die Unfreiheit entlassen wurde. Er war in einem Spagat gefangen zwischen seiner Homosexualität und den Erpressungsmöglichkeiten der Securitate wegen sieben Gedichten, die er über das Lager geschrieben hatte. Sie wurden ihm zum Verhängnis, galten als anti-sowjetische Hetze.“

Ihr Buch „Atemschaukel“ beruht auf Pastiors Schicksal. Würden Sie das Buch in Kenntnis dieser neuen Vorwürfe heute anders schreiben?

Herta Müller: „"Atemschaukel" beruht hauptsächlich, aber nicht nur auf Pastiors Erinnerungen aus dem Lager. Ich hatte das Bedürfnis, das Buch zu schreiben und hatte vorher schon recherchiert und mit anderen Personen Gespräche geführt. Es wäre zu der Zusammenarbeit mit Oskar Pastior wohl nicht gekommen, wenn ich von seiner Verstrickung mit der Securitate gewusst hätte. Ich habe drei Jahre lang mit ihm an dem Buch gearbeitet, wir wollten es sogar gemeinsam als Autoren herausgeben. Wir haben viel über seine Kindheit vor dem Lager gesprochen, aber kein Wort über die Zeit danach.“

Hat es von Pastior keine Andeutungen über seine Zusammenarbeit mit der Securitate gegeben?

Herta Müller: „Es gab von ihm nie einen Hinweis auf dieses Kapitel in seinem Leben. Ich habe jetzt den Eindruck, Pastior hatte damit für sich innerlich abgeschlossen. Die Akten in Bukarest waren damals noch nicht zugänglich. Pastior hatte sich ja nach dem Wechsel in den Westen dem bundesdeutschen Verfassungsschutz, der CIA und dem britischen Geheimdienst "restlos anvertraut", wie es auf einem handschriftlichen Zettel steht, den wir nach seinem Tod in der Wohnung gefunden haben. Der Verfassungsschutz sagt, er habe keine Akten mehr aus dieser Zeit. Vielleicht finden sich bei den Alliierten noch seine Erklärungen von damals.“

Dieter Schlesak hat angedeutet, dass Pastior für das Schicksal des siebenbürgischen Lyrikers Georg Hoprich verantwortlich sein könnte, der verhaftet wurde und 1969 Selbstmord beging.

Herta Müller: „Das beruht nur auf Hörensagen, dazu gibt es bisher keine Dokumente und ich finde es unverantwortlich von Schlesak, aus Behauptungen solch schwere Vorwürfe zu erheben. Den IM "Stein Otto", wie Pastiors Deckname lautete, gab es noch nicht, als Hoprich 1961 verhaftet wurde. Sollte es allerdings stimmen, dass Pastior später Hoprich nach der Haft bespitzelt hat, wäre das fürchterlich. Bisher wurde nur Hoprichs Gerichtsakte gefunden, in der "Stein Otto" nicht vorkommt. Seine Securitate-Akte ist noch nicht gefunden worden.“

Welche Konsequenzen haben die Enthüllungen nun für Sie persönlich?

Herta Müller: „Es gibt Oskar Pastior zweimal. Ich lerne erst jetzt den zweiten kennen. Und das verbittert mich. Ich gehe davon aus, dass wir von der Pastior-Stiftung bei unserer nächsten Sitzung eine Forschergruppe beauftragen werden, das ganze Umfeld Pastiors zu untersuchen. Und wir müssen uns jetzt zur Aufgabe machen, die Verstrickung von Schriftstellern und Geheimdienst in der Diktatur - auch an Oskar Pastiors Beispiel - zu untersuchen. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Die Öffentlichkeit muss Geduld haben. Dafür braucht es Zeit.“ (StU/dpa)


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