Von Johannes Wagemann
STUTTGART (BLK) — Sie haben Johannes „Jopie“ Heesters auf einen Stuhl mitten in die Premierenfeier gesetzt. So kann er den Fotografen, Autogrammjägern und allen möglichen Leuten, die etwas von ihm wollen, nicht mehr entkommen. Der 105-Jährige hat gerade mal wieder Theater gespielt — oder einfach „gearbeitet“, wie er selbst sagt. Er spielt den Gott in Hofmannsthals „Jedermann“ am Alten Schauspielhaus Stuttgart. Sieben Wochen lang.
Nahezu blind und extrem schwerhörig ist er geistesgegenwärtig wie eh und je. Zu Beginn des „Jedermanns“ sitzt er auf einer Bank und zeigt kaum eine Regung auf das, was um ihn herum passiert. Doch dann bricht es aus Heesters heraus und er legt seine ganze Ausdruckskraft in seine Rolle als „Gott“. Das ist unverkennbar der gebürtige Niederländer — er schleudert, soweit es seine Kraft noch zulässt, die Wörter mit seiner Tenor-Stimme heraus. Die Texte hat im seine Frau Simone Rethel vorgelesen, damit er sie lernen konnte.
Im Stück sendet er den Tod aus, Jedermanns Leben ein Ende zu bereiten. Macht das den ältesten aktiven Schauspieler der Welt nicht nachdenklich? „Wenn Sie wissen wollen, wie oft ich an die Vergänglichkeit denke — nicht oft“, sagt der 105-Jährige mit dem schlohweißen Haar. „Irgendwann kommt der Tag und dann ist es vorbei. Aber ich sitze doch nicht die ganze Zeit da und warte darauf.“
Nach seinem schweren Sturz zur Jahreswende ist Heesters schon lange wieder zurück — umsorgt von seiner Frau, die ein rot-weiß-gestreiftes Sakko trägt, während er die schwarz-weiße Variante gewählt hat. Ein Glas Sekt? Kein Problem, „Jopie“ lässt es sich schmecken. Ist es ein komisches Gefühl für ihn, mit so jungen Kollegen wie der Darstellerin des Todes (Lisa Charlotte Friederich, 25) auf der Bühne zu stehen? „Die anderen Schauspieler sind ja immer jünger als ich“, sagt Heesters, „ob nun 18 oder 80 Jahre, das ist doch egal.“
Und sein Engagement nimmt er ernst — der Auftritt ist für ihn nicht ein kleiner Gefallen für das Stuttgarter Theater, das vor einigen Jahren schon ein Stück über Heesters im Programm hatte. Heesters und Rethel, die sonst in Starnberg wohnen, haben sich eine Bleibe in Stuttgart gesucht. „Die Stadt kenne ich noch nicht so gut“, sagt der 105-Jährige. Seine Frau will sich kümmern und fragt den Reporter erst einmal nach einer guten Weinstube.
Heesters, am 5. Dezember 1903 im niederländischen Amersfoort geboren, begann seine Karriere in den 1930er Jahren als Schauspieler und Operettensänger in Berlin und Wien — und blieb in Deutschland. Theater- aber auch Filmrollen beschäftigten ihn in den Folgejahren. Und er hörte einfach nicht auf. Im Februar 2008 ging sogar sein langgehegter Wunsch in Erfüllung, wieder in seiner Heimatstadt aufzutreten. Doch ist Heesters in den Niederlanden nicht nur gut gelitten. Immer wieder wurde diskutiert, ob er 1941 im KZ Dachau auftrat. Heesters verneint das.