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Juden und Deutsche

Hazel Rosenstrauch über Erinnerungskultur und falscher Anbiederei

© Die Berliner Literaturkritik, 09.09.10

Von Claudine Borries

Wer sich als „nichtjüdische Jüdin“ bezeichnet, kann nicht kritiklos sein. Und in der Tat: schon im ersten Kapitel dieses schmalen Bändchens mit Essays und Gedanken über das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden, betitelt „Totengespräch mit Heine“, ergeht sich die Autorin H. Rosenstrauch in eloquenter und sarkastischer Weise in Überlegungen, wie es denn nun heute um das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen bestellt sei. Ironisch und geistreich zeigt sie alle Widersprüche auf, mit denen in Deutschland über Juden gedacht, erinnert, gesprochen und mit vielerlei Methoden der Geschichte nachgegangen wird. Von plötzlicher Freundschaft oder gar Verwandtschaft zu Juden wird in bestimmten Kreisen schwadroniert, und die immer schon angeblich bewunderte Geisteshaltung und Intelligenz der „Juden“ wird propagiert. Hazel Rosenstrauch legt den Finger auf eine Wunde, die man gemeinhin als „Philosemitismus“ bezeichnen würde. Ich verstehe darunter jene Haltung, mit der durch die Übertreibung ins Gegenteil ein wirklicher Skandal vertuscht und zunichte gemacht werden soll. In immer neuen „Erinnerungszeremonien“ gedenkt man der nationalsozialistischen Untaten, um sich dann umso befreiter zurücklehnen und als „Gutmensch“ betrachten zu können.

Am Beispiel der Narren im Mittelalter zeigt H. Rosenstrauch, dass im Zeitraum um 1500 Juden aus vielen Ländern auf „ewige Zeiten vertrieben wurden“. „Narren und Kinder sagen die Wahrheit“, heißt es in einem volkstümlichen Spruch, und doch spricht man hier diesen die Moral ab. Sie tragen keine Verantwortung und befleißigen sich der „Narrenfreiheit“, was sie in die Nähe jener vogelfreien Menschen rückt, zu denen man die Juden damals zählte.

H. Rosenstrauch ist aufmerksam und äußerst feinfühlig bei der Wahrnehmung falscher Töne im Zusammenleben zwischen Deutschen – oder müsste man Arier sagen, denn auch Juden sind Deutsche? – und Juden. Sie verlässt nie den Ton der Ironie, mit dem sie sich in ihren Geschichten mit Tätern und Opfern, mit „Erinnerungskultur“ und falsch verstandener Anbiederei bei den wenigen in Deutschland verbliebenen Juden auseinandersetzt. Geschliffen im Stil und Inhalt bringt sie auf den Punkt, worum es in dem Verhältnis zwischen Deutschen und Juden eigentlich geht: Wie normal kann das Verhältnis zwischen beiden Ethnien überhaupt sein? Wer sucht auf welchem Wege eine Identität, die auf jeden Fall dank der unterschiedlichen Vorgeschichten voneinander abweichen wird?

Erst wenn der eine wie der andere, Jude oder Deutscher, als sympathisch, unsympathisch, klug, dumm, ignorant oder einfach umgänglich beschrieben werden kann, könnte man sich eine so genannte „Normalität“ zwischen nicht nur den Juden und Deutschen, sondern zwischen allen Völkern vorstellen. Ein schwieriges Unterfangen wird es bleiben!

H. Rosenstrauch bietet Anstöße, niemals aufzuhören, sich mit den Fragen unterschiedlicher Identitäten zu befassen, ohne sich deshalb schuldig oder unschuldig zu fühlen und ohne sich in der Rolle der Opfer oder Täter zu gefallen.

Es sind kluge, reife, durchdachte und hintergründige Motive, mit denen sie ihre Geschichten geschrieben hat – resultierend aus ihrer immer wachen Beobachtungsgabe. Sie hinterfragt alles, womit sie sicher nicht jegliches Erinnerungsgeschehen im Gedenken an die Opfer des Holocausts infrage stellen will.

Nach wechselnden Aufenthalten in Berlin, München, Köln, Tübingen und Wien lebt die Autorin seit 1997 wieder in Berlin.

Literaturangabe:

ROSENSTRAUCH, HAZEL: Juden Narren Deutsche. Persona Verlag, Mannheim 2010. 176 S., 14,50 €.

Weblink:

Persona Verlag



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