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Kambodschas tiefe Wunden

"Der verschollene Liebhaber" - ein Roman gegen das Vergessen

© Die Berliner Literaturkritik, 10.11.09

Von Susanna Gilbert

Der Roman spielt zur Zeit des kambodschanischen Völkermordes 1975 bis 1979: In Montreal begegnet die 16-jährige Anne dem dort im Exil lebenden, charismatischen Kambodschaner Serey. Gegen den Widerstand ihres Vaters lebt das Mädchen ihre leidenschaftliche Liebe zu dem sanften Rebell und Musiker und genießt mit ihm ein kurzes Glück. Doch Sereys persönliche Tragödie wirft ihre Schatten. Seit Jahren hat der Student keinerlei Kontakt mehr zu seinen Angehörigen, nachdem die Grenzen Kambodschas geschlossen wurden, Telefonleitungen gekappt und Briefe nicht mehr zugestellt werden.

Aus kanadischen Zeitungen erfährt Serey von Massenhinrichtungen in seinem Heimatland und vergeht fast vor Angst um seine Familie. Kaum sind die Grenzen wieder offen, kehrt Serey in sein vom Krieg gepeinigtes Land zurück. Als Anne ihn wieder trifft, zeigt sich: Den Schrecknissen des Krieges entrinnen selbst die Überlebenden nicht.

Die Autorin Kim Echlin hat in „Der verschollene Liebhaber“ eine fiktionale Liebesgeschichte in reale historische Abläufe gebettet. Sie habe diese Geschichte geschrieben, weil es wichtig sei, Zeugnis abzulegen, erläutert Echlin im Anhang, in dem sich auch Daten und Fakten zur Historie finden. Erzählt wird aus der Sicht von Anne, die sich nach 30 Jahren an ihre große Liebe erinnert und ihr damit ein Denkmal setzt. Am Schicksal von Anne und Serey führt Echlin ihren Lesern zugleich eindrücklich vor Augen, welch unermessliches Leid und Elend die Bevölkerung von Kambodscha über Jahrzehnte erfahren hat, und wie dies noch immer spürbar ist.

Vor dreißig Jahren endete die blutige Diktatur der Roten Khmer in Kambodscha. Pol Pot, der ehemalige Chef der kommunistischen Partei Kambodschas hatte 1975 mit seiner Guerillaorganisation Rote Khmer die Macht übernommen. Er wollte Kambodscha zu einem Bauernstaat machen. Intellektuelle wurden umgebracht, Stadtbewohner deportiert und zur Feldarbeit gezwungen. Unzählige verhungerten, schätzungsweise zwischen 1,4 und 2,2 Millionen Menschen kamen zu Tode, etwa ein Viertel der damaligen Bevölkerung. Man kann davon ausgehen, dass quasi jede Familie einen oder mehrere Tote zu beklagen hatte.

Die Durchsicht des Hintergrundmaterials zu diesem Buch, „tausende Seiten, auf denen Gewalttaten und Grausamkeiten katalogisiert werden“, sei ihr oft schwergefallen, schreibt Echlin. Als sie dann Berichte gelesen habe, von Menschen, die Krieg oder Völkermord überlebten, sei ihr aufgefallen, dass deren Sprache sich auf das Nötigste reduziert habe. Die Sätze der Überlebenden seien auf dürre Fakten reduziert gewesen – „Ich wurde gefoltert“, „Ich wurde in ein Massengrab geworfen und konnte entkommen“.

Echlins Schreibstil spiegelt diese Art des Sprechens wider, ist sparsam, auf das Wesentliche begrenzt: „Halbwüchsige vom Land, die nicht fahren können, holpern in Panzern und Lastwagen über die Straße. Sie haben sich im Urwald versteckt ... Sie brüllen durch Megafone. Sie ballern um sich und töten jeden, der die Stimme erhebt, Fragen stellt oder, Gott bewahre, sich weigert, zur Seite zu gehen.“ Oder: „«Sie wissen nicht, was sie tun, aber sie haben die Macht, über Leben und Tod zu entscheiden. Die meisten können weder lesen noch schreiben“, heißt es da.

„Der verschollene Liebhaber“ ist das sechste Buch der kanadischen Autorin und ihr erstes auf Deutsch. Es erscheint in einer Zeit, in der sich die Weltöffentlichkeit wieder mehr mit den Verbrechen der Roten Khmer auseinandersetzt. Lange schien diese dunkle Epoche fast in Vergessenheit geraten zu sein. Bis heute ist noch keiner der Roten Khmer für die Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden. Seit Anfang des Jahres läuft nun aber der erste Prozess in Kambodscha. Vor diesem Kontext ist der Roman zu sehen. Auch er liefert einen Beitrag gegen das Vergessen.

Literaturangabe:

ECHLIN, KIM: Der verschollene Liebhaber. Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin 2009. 263 S., 19,95 €.

Weblink:

Gustav Kiepenheuer Verlag

 

 


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