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Karriere bis der Arzt kam

Miriam Meckels „Brief an mein Leben: Erfahrungen mit einem Burnout“

© Die Berliner Literaturkritik, 10.03.10

Von Caroline Bock

Sie ist eine Karrierefrau und zahlte dafür mit einem Hörsturz. Miriam Meckel war die jüngste Professorin Deutschlands, Regierungssprecherin und Staatssekretärin, heute lehrt sie in der Schweiz. Sie hat Bücher geschrieben, geforscht, gelehrt, Kongresse bereist und nebenher eine Talkshow moderiert. 15 Jahre lang hat die Medienwissenschaftlerin Karriere gemacht, buchstäblich bis der Arzt kam. Die Diagnose: Burnout. Sie ist vollkommen überreizt. Über diese Erfahrung und den Aufenthalt in der Klinik hat die 42- Jährige ein analytisches und persönliches Buch geschrieben: „Brief an mein Leben“. Dass Meckel auch als Freundin von Anne Will bekannt ist, wird einige Leser neugierig machen. Eine große Rolle spielt es nicht.

Meckel hat in „Das Glück der Unerreichbarkeit“ (2007) noch vor Frank Schirrmacher die Tücken des Handyzeitalters und des „Multitasking“, des Alles-auf-einmal-schaffen-Wollens, beschrieben. Die moderne Welt und der ständige Stress, in der Informationsflut etwas zu verpassen, sind schwer zu meistern. Das weiß sie, aber: „Zwischen Wissen

Das Leben war für Meckel eine einzige logistische Herausforderung. Um vier Uhr nachts aufzustehen, um Mails zu schreiben - das kann nicht gesund sein. So klappt die Karrierefrau eines Tages zusammen. Der Körper rebelliert. Das Brummen kommt nicht von der Heizung, es ist in ihrem Kopf. Die Kommunikationsexpertin, die alles aufsaugt und sogar an der Warteschlange an der Kasse liest, landet in einer Klinik im Allgäu beim „medizinischen Stubenarrest“. So beginnt das Buch: mit der Erfahrung, wie es ist, nichts zu tun, nichts zu hören und zu lesen. Wie es ist, wenn die Welt aus Müsli mit Dinkelflocken und Rehen vor dem Fenster besteht.

Meckel scheute wie wohl viele Akademiker eigentlich die Welt der Selbsthilfegruppen und der Therapie, das merkt man. Das Buch zeichnet den Weg nach, auf dem sie als Patientin erkennt, was daran das Gute ist. Sie macht Yoga mit Schwester Elisabeth und lernt einiges über die wichtigen Dinge im Leben: Regelmäßigkeit, die Fähigkeit zum Trauern, keine schnellen Urteile über andere zu fällen, sein Herz zu öffnen. Die Klinik verlangt ihr einiges ab, vom Schlafentzug bis zur Gruppensitzung, in der die Teilnehmer sagen, mit wem sie verreisen würden und mit wem auf keinen Fall.

„Ich weiß, wer du bist!“

Die Schlagzeilen, die es 2007 um das Frauenpaar Meckel & Will gab, hallen bis ins Allgäu nach. „Ich weiß, wer du bist!“, raunt jemand. Das ärgert Meckel. „Was soll das denn heißen? Ich wüsste selbst gerne, wer ich bin.“ Den Presserummel hat Meckel auf ihre Weise verarbeitet, indem sie die Fotografen selbst fotografierte. Zum Burnout habe dieser Stress aber nicht beigetragen, wie sie im „Spiegel“ sagte. „Da war in der Tat erst mal Großalarm, aber das ging dann auch schnell wieder vorbei.“ Ihr Privatleben gibt Meckel in dem Buch nicht preis, gleichwohl kommt die Freundin vor: Diese schneidet ihr nach einem philosophischen Gespräch dazu passend ein Stück aus einem Geschirrhandtuch heraus, das sie bei sich trägt.

Meckel arbeitet mit Fußnoten, zitiert Peter Sloterdijk und Thomas Mann, denkt über die Finanzkrise und die Schönheit des Briefeschreibens mit der Hand nach. Dass sie Wissenschaftlerin und ein sehr analytischer Mensch ist, ist oft zu spüren. Sie öffnet sich dem Leser, was berührend ist und nachdenklich stimmt. Das Leben war ihr entglitten. Und mit einem Brief an das eigene Leben endet das Buch: „Komm zurück zu mir und lass mich zu. Ich werde dich auch zulassen, denn ich vermisse dich so.“

 

Literaturangabe:

MECKEL, MIRIAM: Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burnout. Rowohlt Verlage, Reinbek 2010. 224 S., 18,95 €.

 

Weblink:

Rowohlt


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