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Katalanische Saga von Mord, Hass und Liebe

Jaume Cabrés viel gelobter Roman „Die Stimmen des Flusses“

Von: MONIKA THEES - © Die Berliner Literaturkritik, 16.01.08

 

Das Pyrenäendorf Torena, 2001. Die Lehrerin Tina Bros entdeckt beim Abriss des alten Schulgebäudes hinter der Schiefertafel verborgene Schreibhefte aus den 1940er-Jahren. „Geliebte Tochter, ich kenne nicht einmal Deinen Namen, aber ich weiß, dass es Dich gibt […] Ich habe Angst vor dem, was sie Dir über mich erzählen könnten, vor allem Deine Mutter“, beginnt der Schreiber. Er heißt Oriol Fontelles, war Dorfschullehrer in Torena. 1944, so steht es auf seinem Grabstein, „starb [er] den Heldentod für Gott und Vaterland“, darunter eingraviert: das Joch und das faschistische Pfeilbündel.

Machte sich der Lehrer gemein mit dem Terror der Franquisten, wie es im Dorfe heißt? Oder war er, entgegen allen Behauptungen, ein heimlicher Widerständler, ein Maquisard, so wie er es im Tagebuch berichtet? Und was wurde aus seiner ihm unbekannten Tochter, und seiner Frau Rosa, die ihn Anfang 1944 verließ, hochschwanger und entsetzt über Oriols Feigheit angesichts der in Torena begangenen Gräuel? Tina lassen diese Fragen keine Ruhe. Sie macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.

Rom, Ostersonntag 2002. Im Petersdom wird in Anwesenheit der gesamten Kongregation für die Selig- und Heiligsprechung eine Messe zelebriert. Eine alte Dame, ganz in Schwarz gekleidet, nimmt als Ehrengast teil, „sie weiß, dass heute der Gram der letzten sechzig Jahre ein Ende finden wird“. Ihr Name lautet Elisenda Vilabrú Ramis, sie ist Herrin der Casa Cravat oberhalb Torenas, einflussreiche Großgrundbesitzerin und eine der mächtigsten Industriellen Spaniens. Wer ist es wert, als seliger Märtyrer der Heiligen Kirche in die Geschichte einzugehen?

Tina Bros, Oriol Fontelles und Elisenda Vilabrú sind drei der Hauptpersonen in Jaume Cabrés hochgelobten Roman „Die Stimmen des Flusses“. Die Zeiten des spanischen Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur werfen lange Schatten in Torena. Sie zeugen von tiefen Rissen – in der Geschichte Spaniens und in den verhärteten Seelen der Einwohner des abgelegenen Pyrenäendorfes. Auch 57 Jahren nach dem Tod Oriol Fontelles’, ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Franco-Diktatur sind die Verwerfungen der leidvollen Vergangenheit noch lebendig.

Der Katalane Jaume Cabré, 1947 in Barcelona geboren, Romancier, Drehbuchautor und Essayist, entfaltet auf über 650 Seiten ein fesselndes Drama von Liebe und Hass, von Schuld, Rache und Vergeltung. Sieben Jahre schrieb er an dieser katalanischen Saga, entstanden ist ein großartiger Roman über die schicksalhafte Verstrickung einer Handvoll Menschen. Torena, das fiktive Pyrenäendorf zwischen Andorra und dem Montsec wird bei Cabré zum Brennglas einer Geschichte, die Spanien zerriss in blutigem Bürgerkrieg und unter faschistischer Herrschaft.

„In Torena sind schlimme Dinge passiert“, erfährt Oriol Fontelles gleich einige Tage nach seiner Ankunft 1943. Sie beginnen, so die Darstellung des Bürgermeisters Valentí Targa, im Juli 1936. Vierzehn Tage nach der Erhebung der Faschisten stellte „eine Bande von Roten und Anarchisten“ den alten Senyor Vilabrú und seinen Sohn Josep an die Wand. Einheimische, darunter die Männer der Bringué, Gassia und Mauri, seien am Mord beteiligt gewesen, so heißt es.

Was Oriol nicht erfährt: Die betörend schöne und machtbewusste Elisenda Vilabrú, Alleinerbin von Casa Cravat, schwor damals Vergeltung und machte den skrupellosen Valentí Targa zu ihrem persönlichen Racheengel und zum Bürgermeister. Doch der fanatische Franquist Targa, gefürchtet als „Henker von Torena“, verfolgt seine eigenen Pläne und scheut dabei nicht vor dem Mord an einem unschuldigen, wehrlosen Jungen…

Feindschaft, Hass, die tief eingegrabenen sozialen Spannungen der spanischen Gesellschaft bestimmen über Jahre den Kampf und das Töten. Unerbittlich, unversöhnlich begegnen sich die Fronten, die der Separatisten, der Republikaner, der Roten und Anarchisten gegen die Falange der Franquisten und Faschisten. Im Namen von Frei- und Unabhängigkeit wird getötet wie unter dem Deckmantel von „Nation“, „Recht und Ordnung“ und heiliger katholischer Kirche. Alte Privilegien zu sichern und zu festigen ist die Zielsetzung der Macht- und Wirtschaftselite; diese zu durchbrechen und Spanien zu befreien vom Joch des Faschismus das Ziel der Maquisards.

Doch „Die Stimmen des Flusses“ sind weit mehr als politische Chronik einer unheilvollen Zeit. Cabrés Roman ist eine vielschichtige, hochdramatische Erzählung, seine Botschaft von universeller Geltung. Virtuos verwebt der Autor Erzählstränge und Zeitebenen, er zeichnet nicht in Weiß und Schwarz, sondern ein Ensemble differenziert ausgeleuchteter Bilder und Szenen. Cabrés Charaktere stehen für die Grautöne des Menschen, für seine Schwäche, sein Versagen, seine Zerrissenheit und für die große, entscheidende Frage: Kann der Einzelne aufrecht bleiben, nicht am Verrat teilhaben? Und: Kann er die Wahrheit retten vor der machtvollen Lüge und der gezielten Manipulation?

Tina Bros, die entschlossene Lehrerin, scheitert in ihrer Ehe und in der Beziehung zu ihrem Sohn Arau, ihr Ringen um Wahrheit bezahlt sie mit einem gewaltsamen Tod. Oriol Fontelles entscheidet sich, nachdem seine schwangere Frau ihn verlassen hat, für ein riskantes Doppelspiel, aus dem es kein Entrinnen gibt: Tagsüber Lehrer und vermeintlich Getreuer des Franquisten Targa, beherbergt er des Nachts jüdische Flüchtlinge und Widerstandskämpfer auf dem Dachboden der Schule. Elisenda Vilabrú, die erotische, berechnende Verkörperung von Macht, Einfluss und Geld, scheitert an der Begegnung mit ihrer einzigen Liebe – der zu Oriol Fontelles.

Nur die Geschichte kann richten, ein Urteil fällen. Die Grabsteine auf dem Friedhof von Torena sind steinerne Zeugen der Vergangenheit, ihre Inschriften künden vom Leben der Verstorbenen, sie enthalten, kurz gefasst zwischen Anfang und Ende, das Resümee ihrer Werke. Doch können wir den eingravierten Sätzen glauben? Wer hat die Deutungshoheit, wessen Zeugnis spricht wahr? Und wie gefährlich ist die Wahrheit – für die Macht, die sie bekämpft mit allen Mitteln des Geldes, der Lüge und der Manipulation?

Den Pamano, den ins Tal strömenden Fluss nahe Torena, könnten nur die hören, die sterben müssen, erzählen die Alten des Dorfes. Sterben mussten viele, zu viele. Jaume Cabré vereint „Die Stimmen des Flusses“ zu einem eindringlichen Klagelied über das Drama Kataloniens und – stellvertretend für viele Ungenannte - die Tragik eines Einzelnen, des Dorfschullehrers Oriol Fontelles, geboren 1915, getötet in der Kirche von Torena am 18. Oktober 1944.

Literaturangaben:
CABRÉ, JAUME: Die Stimmen des Flusses. Roman. Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007. 667 S., 22,80 €.

Verlag

Monika Thees ist Redakteurin dieses Literatur-Magazins


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