Von Lucy Breucha
Im Jungen Literaturhaus Köln herrschte bei der Vorstellung des Jugendromans „Knastkinder“ gespannte Erwartung. Neben dem Autor Rüdiger Bertram war auch Dietmar Bär anwesend — die meisten kennen den 48-Jährigen in seiner Rolle als Tatort-Kommissar Freddy Schenk. Seit der Gründung des Vereins „Tatort — Straßen der Welt“ vor knapp zwölf Jahren setzt sich Bär für Straßenkinder auf den Philippinen ein. Im Literaturhaus las er aus „Knastkinder“.
Der Roman, ursprünglich ein Theaterstück, schildert die Geschichte des 12-jährigen Deutschen Jonathan. Zusammen mit seinen Eltern besucht er Manila, die Heimat seines Vaters. Bei einem Ausflug, den der Junge ohne seine Eltern unternimmt, wird er in einem Slum ausgeraubt und gerät schließlich in die Fänge der philippinischen Polizei. In dem Glauben, er sei ein Straßenjunge, stecken die Polizisten Jonathan in einen Kinderknast — zusammen mit Hunderten anderer Kinder. Was er hinter den Mauern dieses Gefängnisses erlebt, kommt Jonathan zunächst vor wie ein böser Traum...
Der Inhalt des Romans ist traurige Realität in Manila und in anderen Großstädten der Philippinen. Die Inselgruppe, die man in Europa vor allem mit einem wunderbaren Urlaubsziel verbindet, hat auch eine dunkle Seite. Über 20 000 Kinder, häufig unter zehn Jahre alt, sitzen dort im Gefängnis. Oft werden sie monate- und sogar jahrelang wegen kleinster Delikte wie Mundraub festgehalten. Die Bedingungen sind menschenunwürdig: Wie Legebatterien sehen die Kästen aus, in denen die Kinder übereinander gestapelt schlafen. Während ihrer Zeit im Gefängnis sind sie der Willkür der Wärter und ihrer Mitgefangenen schutzlos ausgeliefert. Wie kommt es dazu? Dietmar Bär erklärt es in einem Satz: „Wenn Touristen kommen, soll alles toll sein.“ Das heißt: Die obdachlosen Kinder müssen von der Straße, und zwar so schnell wie möglich.
Wie schlimm die Lage auf den Philippinen tatsächlich ist, hat der Schauspieler selbst gesehen. 1997 reiste die Tatort-Crew für den Dreh der Folge „Manila“ in einen Slum der philippinischen Hauptstadt. Was sie dort erlebten, erschütterte Bär und seine Kollegen so sehr, dass sie nach ihrer Rückkehr den Verein „Tatort — Straßen der Welt“ gründeten. „Wir wussten eigentlich gar nicht, was auf uns zukommt“, erinnert sich Bär, „Es war eine spontane Reaktion auf die ganzen Eindrücke, die man da gesammelt hat“. Mittlerweile hat der Verein einiges auf die Beine gestellt. Zusammen mit der philippinischen Kinderrechts-Organisation PREDA ist es zum Beispiel gelungen, eine Vorschrift durchzusetzen, die zumindest die Inhaftierung von Kindern unter 15 Jahren verbieten soll. Außerdem ist ein neues Heim für ehemalige Knastkinder im Bau.
Nicht nur die Slums kennt Bär aus eigener Erfahrung. Während einer weiteren Reise auf die Philippinen hatte er auch Gelegenheit, sich ein Kindergefängnis anzusehen. Getarnt als Assistenzarzt, schleuste ihn sein Tatort-Kollege Joe Bausch, der nicht nur Schauspieler, sondern auch Mediziner ist, in den Knast ein — mit Essen, Getränken und Pflegeprodukten für die Kinder im Gepäck.
„Knastkinder“ soll „ein Bewusstsein bei jungen Leuten schaffen“, sagt Bär. Für das Elend, das in anderen Teilen der Erde herrscht, aber auch dafür, dass man sich einsetzen und helfen kann. Das Ende der Geschichte bleibt gewissermaßen offen. Es ist als Denkanstoß gedacht.
Literaturangabe:
BERTRAM, RÜDIGER: Knastkinder. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009. 128 S., 7,95 €.
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