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Kokoschkins Fahrt in die Vergangenheit

Hans Joachim Schädlich und sein Roman über das 20. Jahrhundert

© Die Berliner Literaturkritik, 14.05.10

Von Daniela Langer

Hans Joachim Schädlich erzählt in seinem neuen Roman aus dem Leben des Exilrussen Fjodor Kokoschkin und nimmt den Leser auf knapp 190 Seiten mit auf eine Reise durch nahezu ein ganzes Jahrhundert.

Der Rahmen der Geschichte ist schnell konstruiert: Der emeritierte Biologieprofessor Fjodor Kokoschkin unternimmt im hohen Alter von 95 Jahren eine Reise, die ihn an die wichtigsten Plätze seiner Kindheit und Jugend führt. Letzte Station dieser Reise ist das Luxus-Kreuzfahrtschiff Queen Mary 2, auf dem Kokoschkin seine Heimfahrt in die USA, wo er seit den 1930er Jahren lebt, antritt. Während dieser sechstägigen Schifffahrt von Southampton nach New York werden die verschiedenen Etappen der zurückliegenden Reise und gleichzeitig das Leben Kokoschkins erinnert.

St. Petersburg, Berlin und schließlich Prag - mit seinem Begleiter Jakub Hlaváček, einem alten Bekannten, kehrt er an diese Schlüsselorte seines Lebens zurück. St. Petersburg, die Stadt, in der er 1910 geboren wurde und die in seiner Erinnerung mit schrecklichen Erlebnissen und zugleich nostalgischen Schauplätzen verbunden ist. Die politischen Schrecken der Oktoberrevolution greifen unmittelbar auf sein Leben über: Sein Vater, Mitglied der liberalen Übergangsregierung nach der Abdankung des Zaren, wurde 1918 von den Bolschewiki ermordet. Für den achtjährigen Fjodor und seine Mutter ist dies der Beginn einer Odyssee: zunächst die Flucht in das ukrainische Odessa, wo sie die Bekanntschaft von Iwan Bunin, dem großen russischen Schriftsteller und ihrem späteren Schutzherrn, machen.

Als sich einige Jahre später auch in Odessa Gefahr durch bolschewistische Truppen ankündigt, geht es von dort weiter in das Berlin der Weimarer Republik. Durch etwas Glück wird Kokoschkin ein kostenloser Internatsplatz in Templin, etwas außerhalb von Berlin, angeboten. Seine Mutter verlässt die Stadt 1925 und geht nach Paris - er wird sie einige Jahre nicht wiedersehen. Fjodor schließt die Schule ab und nimmt kurze Zeit später eine Hilfsarbeit im Botanischen Garten an, um sich sein Biologiestudium an der Universität zu finanzieren. Er verliebt sich in seine Vorarbeiterin Aline, die aus einer sozialdemokratischen Familie kommt und lebt mit ihr und ihren Eltern unter einem Dach. 1933, als der aufkommende Nationalsozialismus auch an der Universität merklich um sich greift, verlässt er Deutschland und geht nach Prag. Völlig mittellos gelingt es ihm dort, ein Stipendium für ein Studium in den USA zu erlangen und reist 1934 nach Boston, wo er seitdem „zu Hause“ ist.

Kokoschkins Leben ist geprägt von den großen politischen Wirrnissen und Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, er selbst ist ein Heimatloser, für den Flucht und Abschiednehmen fast schon zum Alltag gehören. In ungeordneten, aneinander gereihten Fragmenten erschließt sich dem Leser nach und nach das Ausmaß dieser gewaltigen Biographie und auch die vielschichtige Struktur des Romans.

Den Szenen aus Kokoschkins Vergangenheit stehen diejenigen der Jetzt-Zeit auf dem Kreuzfahrtschiff auf kontrastive, fast schon groteske Art und Weise gegenüber: An diesem hermetischen, von der realen Welt abgeschotteten Ort vertreibt man sich die Zeit mit trivialen Showeinlagen, dem Umherflanieren auf Deck und belanglosen Tischgesprächen. Ernste Themen sind an diesem Fleck der scheinbaren Unbekümmertheit fehl am Platz. Dies wird deutlich, als aktuelle Angelegenheiten aus dem politischen Tagesgeschehen zur Sprache kommen (die Schröder-Putin-Pipeline, Osama bin Laden und die Anschläge auf das World Trade Center vom 11. September 2001). So betont Lucy, eine Londoner Passagierin eher naiven Gemüts: „Bei Tisch soll man nicht von Politik reden. Das verdirbt den Appetit.“ Vor diesem Hintergrund prägen sich die Erlebnisse des Protagonisten umso intensiver ein.

Folgendes Beispiel sei an dieser Stelle angeführt, das zugleich bezeichnend für Schädlichs Umgang mit der Sprache ist: So wird ein bedeutungsloses Ereignis wie die Bestellung eines der auf dem Luxusliner servierten üppigen Menüs genauestens wiedergegeben: „Kokoschkin bestellte Beef Consommé mit Herbed Pancake Strips, einen Salad von Endive, Baby Spinach mit Yellow Tomato, dazu Honey Ginger Dressing, als Entrée Broiled Lobster Tail, Drawn Butter and Garden Risotto, und als Dessert eine Cheese Selection Stilton, Saint Paulin, Gruyère und Pepper Boursin.“ Dagegen steht beispielsweise Kokoschkins schlichte Antwort auf eine Frage Alines, kurz nachdem sie sich kennengelernt haben. Sie möchte von ihm wissen, wo er wohnt, woraufhin er erwidert: „Nirgendwo.“ Der Kontrast könnte größer kaum sein, die Wirkung auf den Leser kaum eindringlicher.

Das Schicksal dieses Vertriebenen, dieses Exilanten Kokoschkin lebt von dem Abwesenden, von dem, was zwischen den Zeilen steht, was nicht gesagt wird. Und oft sind es eben diese kleinen Worte, die dem Leser am meisten nachgehen. Am schwersten wiegen vielleicht diese beiden letzten: Nachdem er sein langes und ereignisreiches Leben, geprägt von Flucht, Heimatlosigkeit, Gefühlen der Fremdheit und der Zerrissenheit, noch einmal erinnert hat, geht es für Kokoschkin: „Nach Hause.“

Schädlich ist mit seinem Roman etwas Außerordentliches gelungen: Mit seiner reduzierten, prägnanten und knappen Prosa, lässt er das Leben und Schicksal seines Protagonisten vor dem inneren Auge des Lesers lebendig werden. Trotz dieser im Zusammenhang mit dem Autor oft erwähnten Lakonie erzielt er mit seiner Sprache einen unglaublich intensiven Effekt. Es findet sich nichts Überflüssiges, nicht einmal Ausschmückendes, kein Wort zu viel in diesem großen Roman - vielmehr, und das ist das Erstaunliche angesichts dieser großen Thematik und eine wirklich grandiose Leistung des Autors, hat man den Eindruck, dass nicht ein einziges Wort fehlt.

Literaturangabe:

SCHÄDLICH, HANS JOACHIM: Kokoschkins Reise. Rowohlt Verlag, Reinbek 2010. 192 S., 17, 95 €.

Weblink:

Rowohlt Verlag


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