Von Chris Melzer
KASSEL (BLK) – Für Bertolt Brecht war Bühne Bildung und Propaganda: „Das Theater darf nicht danach beurteilt werden, ob es die Gewohnheiten seines Publikums befriedigt, sondern ob es sie zu ändern vermag.“ Gut 50 Jahre nach dem Tod des größten deutschen Dramatikers des 20. Jahrhunderts ist der Wandel da, allerdings auf Seiten der Bühne. Die Theater verändern sich – mit Erfolg: Trotz zahlreicher Konkurrenz auf dem Freizeitmarkt hat das „Gute, Wahre, Schöne“ Konjunktur in Deutschland.
„Die Lust ist ungebrochen“, sagt Klaus Zehelein, Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Wenn sich 250 Vertreter der 430 DBV-Mitglieder am Donnerstag (12. Juni 2008) in Kassel zur dreitägigen Jahreshauptversammlung treffen, dürfte die Stimmung optimistisch sein. Mehr als 4,5 Millionen Menschen besuchten in der Spielzeit 2005/2006 Opernaufführungen in Deutschland, gut 5,4 Millionen ein Schauspiel, 1,4 Millionen ein Ballett und etwa ebenso viele ein Konzert. Die Zahlen sind, ungeachtet mancher Diskussionen um die vermeintliche „Generation Doof“, stabil.
„Das ganze Gerede von der wachsenden ‚Theaterferne’ hat sich als Unsinn herausgestellt. Ein Minus in einigen Bereichen wird an anderer Stelle wieder wettgemacht“, sagt Zehelein. Der Bühnenvereinschef, zugleich Präsident der Bayerischen Theaterakademie, sieht die Branche „ziemlich erfolgreich“: „Diese Generation hat zwar mehr Möglichkeiten, die Freizeit zu verbringen, als jede andere zuvor. Aber sie nutzt sie trotzdem, ums ins Theater zu gehen oder zum Konzert. Das macht Mut.“
Ein Optimismus, den Freizeitforscher bestätigen. „Die Deutschen bleiben dem Theater nicht nur treu, sie schätzen es sogar mehr als vorher“, sagt Eike Wenzel vom Zukunftsinstitut Kelkheim. „Unsere Untersuchungen werden immer dann bestätigt, wenn ein Theater geschlossen werden soll. Dann kämpfen die Leute plötzlich.“
Knapp 150 Theater in öffentlicher Trägerschaft buhlen in Deutschland um die Gunst der Zuschauer. Der Kartenverkauf erwirtschaftet üblicherweise nur ein Fünftel der Kosten, jede Karte wird mit fast 100 Euro subventioniert. Doch viele Länder und Kommunen haben die Gelder in den letzten Jahren eingefroren oder gar gekürzt. Neben der Suche nach neuen Geldquellen, etwa Sponsoren oder Fördervereine, brauchen die Theater deshalb vor allem eines, um sich zu legitimieren: Zuschauer.
Der Freizeitforscher Wenzel sieht zwei Gründe für die Popularität der Theater: „Zum einen legen die Deutschen wieder mehr Wert auf Bildung.“ Theater, ob Klassiker oder moderne Dramatiker, seien da geradezu ein Symbol für Vervollkommnung. „Außerdem suchen viele in der Globalisierung nach etwas Beständigkeit. Theater ist etwas Klassisches, was aber dennoch modern ist. Wenn es denn die Zeichen der Zeit erkannt hat.“
„Natürlich verändern wir uns, Theater ist immer Veränderung“, betont Zehelein. So werde auch das Theater schneller: „Es gibt mehr Uraufführungen und immer schnellere Wechsel. Die Stücke laufen heute Wochen, nicht Monate.“ Für auf Jahre geplante Musical-Inszenierungen hat Zehelein nur ein Lächeln: „Statt zehn Jahren laufen die zum Teil nur sechs, acht Wochen.“
Vor allem öffnen sich die Bühnen aber neuen Besuchergruppen: „Noch nie wurde so viel für Jugendliche getan. In einigen Theatern ist jeder dritte Besucher jünger als 18. Da werden wir weitermachen.“ Und eine andere Gruppe kann laut Zehelein noch für das Theater gewonnen werden: „Wir möchten mehr Ausländer in unseren Rängen sehen. Zumeist gibt es da das Sprachproblem. Aber es gibt sehr gute Projekte, um gerade junge Ausländer in die Stücke mit einzubinden. Auch so etwas wird die Zukunft sein.“
Wenzel kann den Bühnen Mut machen: „Die Deutschen werden gewiss nicht weniger ins Theater gehen.“ Die Lust auf moderne Inszenierungen werde steigen, auch bei klassischen Stücken. Allerdings werde „abseits der Blut-und-Sperma-Inszenierungen“ mehr Augenmaß gefragt sein: „Bei Schiller mal drei Punker über die Bühne rennen zu lassen ist noch kein modernes Stück.“