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Kopf unter Wasser

Jonas T. Bengtsson über das harte Leben in Kopenhagen

© Die Berliner Literaturkritik, 29.12.09

BERLIN(BLK) – Der Tropen Verlag hat im August 2009 den Roman „Submarino“ des Schriftstellers Jonas T. Bengtsson herausgegeben.

Klappentext: Nick ist Bodybuilder und Ex-Knacki und haust in einem heruntergekommenen Wohnheim am Stadtrand Kopenhagens. Er trainiert hart und trinkt viel. Die nächtlichen Albträume vertreibt er mit lieblosem Gelegenheitssex. Sein älterer Bruder ist alleinerziehender Vater und Heroin-Junkie. Er lebt in ständiger Angst, seinen Sohn zu verlieren oder die Drogen aufgeben zu müssen. Als ihre Mutter stirbt, begegnen sie sich nach langer Zeit wieder und beschließen einen Neuanfang. Doch bald holt das Leben sie ein ...

Der 1976 geborene Jonas T. Bengtsson lebt in Kopenhagen. 2005 wurde er mit dem Dänischen Debütantenpreis für „Aminas Briefe“ ausgezeichnet. Sein zweiter Roman „Submarino“ wird derzeit von Thomas Vinterberg („Das Fest“) verfilmt. (ros/wer)

Leseprobe:

©Tropen Verlag©

Das Fitnesscenter liegt im ersten Stock eines alten Fabrikgebäudes. Die Tür geht auf, er kommt die Treppe herunter und sieht sich mit abwesendem Blick um. Nichts auf der Welt kann diesen Mann jemals aus der Ruhe bringen. Er ist groß, hat dicke Muskeln und sehr wenig Fett. Durch sein weißes Netzhemd sieht man die Tätowierung, die fast seinen ganzen Oberkörper bedeckt. Ein Spinnennetz, das sich am Hals bis in seine kurzen blonden Haare emporzieht. Er kratzt sich die Tätowierung im Nacken, bleibt neben mir stehen und blickt zu Boden. »Was?«, fragt er. Nicht, wo oder wie sollen wir es erledigen, sondern bloß: was. Er blickt nicht auf. Beim Stoff gibt es nur die Welt der Dealer. Und die führen sich auf, wie sie wollen. Er ist Dealer, ich bin Kunde. Verschwunden ist die Höflichkeit von vorhin, als wir im Umkleideraum Kontakt aufgenommen haben. Jetzt zählt nur noch, dass er das hat, was ich haben will. Ich deute mit der Hand an, dass er mir folgen soll. Er geht hinter mir und ich höre, wie er auf den Boden spuckt. Wir gehen um das Gebäude herum. Die Tür der Fabrikhalle steht offen. Das Licht fällt durch die dreckigen Fenster. Auf dem Boden stehen die großen verdreckten Maschinen, die zurückgelassen worden sind, und rostiges Eisen. „Willst du jetzt was kaufen?“ Dann entdeckt er Kamal hinter der Tür. Neben Kamal steht einer der Ringer aus dem Center oben. Der Typ mit der Tätowierung wirft mir einen Blick zu. Dann richtet er seine Aufmerksamkeit auf Kamal. Will etwas sagen, als Kamal das Wort ergreift. „Bei mir wird nichts verkauft.“ Der Tätowierte nickt langsam und fährt mit der Hand in seine Sporttasche. Kamal macht einen Schritt nach vorn und tritt ihm in den Bauch. Der Typ klappt zusammen und geht zu Boden. Kamal hebt die Tasche auf und wirft sie dem Ringer zu. Sammi, auch so ein muskulöser Typ, der sich mit Steroiden auskennt. Er sieht furchteinflößend aus, aber ich weiß, dass er nur für die Optik dabei ist. Kamal war nordischer Meister im Thaiboxen. Er hat seinen Titel ein paar Jahre lang verteidigt und dann den Spaß an der Sache verloren. Ich kenne niemanden, der so schnell ist. Kamal ist wieder total ruhig. »Du sollst hier nicht dealen, ist das klar? So einfach ist das.« Er spricht, als frage er jemanden nach Zucker für seinen Kaffee. Kamal weiß ganz genau, dass in seinem Studio Steroide genommen werden. Man sieht das den Leuten an, ihren Muskeln und manchmal auch ihren Augen, wenn sie sie nicht mehr unter Kontrolle haben. Es wurden schon Leute rausgeschmissen, die wegen nichts und wieder nichts Amok gelaufen sind. Weil sie nicht sofort ihre Gewichte kriegten, stand ihnen plötzlich Schaum vor dem Mund. Kamal weiß, wer etwas nimmt, wer etwas verkauft und was. Er muss es irgendwann akzeptieren, so ist das einfach. Schließlich kriegt er sogar etwas Provision, weil er die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Aber das heißt noch lange nicht, dass er dem ganzen Markt Tür und Tor öffnet. Der Tätowierte erhebt sich vom Betonboden. Er nickt langsam, hat verstanden. „Dann sehen wir dich hier nicht mehr?“ „Nein, ist in Ordnung, nein ...“ Der Typ kratzt sich über die kurzen Stoppeln und streichelt die Spinne in seinem Nacken. „Kann ich jetzt gehen?“

©Tropen Verlag©

Literaturangabe:

BENGTSSON, JONAS T.: Submarino. Tropen Verlag, 2009. 383 S., 19,90 €.

Weblink:

Tropen Verlag


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