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Kreativität, Konsum und Kapital

Das Sachbuch „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“ von Tim Renner

© Die Berliner Literaturkritik, 09.10.08

 

BERLIN (BLK) – Das Sachbuch „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“ von Tim Renner ist im September 2008 bei Rogner & Bernhard erschienen.

Klappentext: Als Tim Renner sich 1986 bei der Plattenfirma Polydor bewarb, wollte er eine Enthüllungsstory über die Musikindustrie schreiben. Doch es kam anders, und er machte Karriere. Für achtzehn Jahre verschmolz seine Biografie mit der Entwicklung der Musikbranche, er brachte Bands wie Element of Crime, Rammstein, Tocotronic und Philip Boa zum Erfolg und stieg immer weiter auf, bis er schließlich an der Spitze von Universal Music Deutschland stand. Doch er erlebte auch, wie der Druck des Marktes musikalische Entwicklungen bremste, wie sich Pop und Kommerz immer mehr verzahnten und nicht zuletzt, wie die alten Strukturen der Branche sich durch Digitalisierung und Globalisierung in rasantem Tempo auflösten. Die schwerfälligen Riesenlabels verschlossen jedoch die Augen vor dieser Entwicklung, und schließlich stieg Renner aus. Nach seinem Abschied von Universal 2004 schilderte er die Irrwege und Herausforderungen der Popmusik aus seiner Sicht. „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“ ist eine kluge Analyse von Kultur und Musik in Zeiten der Digitalisierung und getragen von der Vision, dass Kreativität, Konsum und Kapital einander nicht ausschließen müssen. „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“ erscheint bei Rogner & Bernhard in einer überarbeiteten und aktualisierten Neuausgabe.

Tim Renner stieg 1986 bei Polydor ein, wo er 1989 die neu gegründete Abteilung Progressive Music übernahm, die 1994 zu einer eigenständigen Plattenfirma avancierte. 1999 übernahm Renner die deutsche Leitung der Universal Music Deutschland. Nach seinem Ausscheiden bei Universal gründete Renner Motor Entertainment. (mir)

Leseprobe:

©Rogner & Bernhard©

 

Unsere Hausaufgaben heißen heutzutage Digitalisierung und Globalisierung. Zumindest die erste von beiden hat die Branche, aus der ich komme, nicht gemacht. Betrachtet man die Zahlen der Musikwirtschaft realistisch, kommt alleine hierzulande ein Umsatzeinbruch von 50% innerhalb von einem Jahrzehnt zu Tage. Das ist gewaltig und auch für andere Industrien nicht zu übersehen. Ein klarer Fall von Managementversagen … Doch die Musikindustrie scheiterte nicht an ihrer Unfähigkeit, sondern ob ihres Erfolgs. Dem Konsumenten zehn bis zwölf Songs auf CD zum doppelten Preis einer Vinylschallplatte zu verkaufen, obwohl dieser vielleicht nur drei bis vier Lieder haben will, ist ein gutes Geschäftsmodell. In den 90er Jahren gab es kaum ein Musiklabel, das nicht Gewinnmargen von mindestens 20 Prozent vorweisen konnte. Die Vorstellung der Konsumentendemokratie durch einen Download per Internet war da wenig verlockend. Wieso sollte man das eigene Geschäftsmodell mit Angeboten im Internet angreifen, wo es doch gerade so gut lief?

Die Geschwindigkeit der Digitalisierung ist eine Frage der Datenmenge des Produkts, der zur Verfügung stehenden Kompressionstechnologie und der Leistungsfähigkeit der jeweiligen Netzwerke. Früher oder später werden die mit ihr einhergehenden Effekte daher jede Software oder auf Informationsaustausch beruhende Dienstleistungen betreffen. Das bedeutet alle medialen Güter und Kanäle, so wie der gesamte Handel müssen sich der Digitalisierung und den mit ihr einhergehenden Effekten stellen. Wem es, wie einst den Plattenfirmen, zu gut geht, der ist besonders gefährdet.

© Rogner & Bernhard ©

Literaturangaben:
RENNER, TIM: Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm. Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie. Rogner & Bernhard, Berlin 2008. 406 S., 19,90€.

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