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Kritik und Selbstkritik – Götz Alys Buch über ’68

Das Werk bringt eine neue, faktensatte Qualität in die Debatte

Von: MARTIN JANKOWSKI - © Die Berliner Literaturkritik, 31.03.08

 

Götz Aly wagt viel mit diesem Buch, und er spricht eine deutliche Sprache. Er erinnert an Vorgänge und Aktionen der westdeutschen Linken, an die die meisten heute auf keinen Fall mehr en Detail erinnert werden möchten, während man die „Jugendsünden“ der Großväter selbstverständlich nach wie vor millimeterweise seziert (siehe G. Grass und die SS etc. pp.): Man möchte stattdessen – grau geworden von all den internen Grabenkämpfen und wohlgenährt von der über Jahrzehnte unermüdlich abgeluchsten Staatsknete des verhassten Schweinesystems – auf den anstehenden Jubiläumsevents die alten Rebellionslegenden für die Ewigkeit kanonisieren, um endgültig als die wahren Helden der deutschen Nachkriegsgeschichte zu gelten, wie man es immer gerne sein wollte. Und doch nicht wurde…

Aly macht einen Strich durch diese sentimentale Rechnung und untersucht die Irrtümer der so genannten 68er in Deutschland ebenso akribisch, wie er es vorher in seinen viel beachteten Büchern als Historiker mit der Nazi-Ära tat. Dass er einst selbst einer der Protagonisten der (von ihm mit einer Vielzahl bestürzender Beispiele entlarvten) „politischen Avantgarde“ war, bereichert das Blickfeld mit glasklarem Insiderwissen und macht sein Buch besonders glaubwürdig. Dass er zur Reflexion dieser Ära zudem auch die Protokolle der politischen Gegner (von den „reaktionären“ Professoren bis zum Verfassungsschutz) gelesen und umfangreich ausgewertet hat, macht seine Untersuchung einmalig. Seine Kritik am Selbstverständnis einer Bewegung, die immer wieder sehr viel bunten Staub aufgewirbelt und letztlich wenig bewegt hat, ist überfällig und bringt eine neue, faktensatte Qualität in die Debatte.

Ganz sicher wird ihm dafür nun von manchem Altaktivisten das Prädikat des „reaktionären Renegaten“ zugesprochen werden – gewissermaßen als Indiz dafür, dass Aly aus den Irrtümern von einst gelernt hat. Der Autor wird ab sofort viele jener deutschen Altachtundsechziger zu Feinden haben, die bis heute glauben, als die besseren Menschen auf ihrem „Marsch durch die Institutionen“ das Land entscheidend geprägt zu haben – und nicht dieses Land (glücklicher Weise) sie.

Die weltrevolutionären Träume der 68er endeten in Stammheim, im grünen Milieufilz, im Aufsichtsrat von Gasprom oder als gutdotierte Beraterstelle irgendwo im „demokratisch unterentwickelten“ Osten (der immerhin eine friedliche Revolution zustande gebracht hat)… Alys schonungsloses, aber beleibe nicht liebloses Buch ist nicht nur ein mutiger und überfälliger Beitrag zur „historischen Aufarbeitung“ der 68er-Bewegung zwischen Wunsch und Realität, es wirft auch eine neues Licht auf das Selbstverständnis des heutigen Deutschlands.

Literaturangaben:
ALY, GÖTZ: Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 256 S., 19,90 €.

Verlag

Martin Jankowski ist Schriftsteller und Publizist und lebt in Berlin. Er ist Gastgeber des „Literatursalon am Kollwitzplatz“. Seit November 2005 leitet er die "Berliner Literarische Aktion e.V.". 2006 erhielt er das Alfred-Döblin-Stipendium der deutschen Akademie der Künste


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