Von Tobias Roth
Die Passionsspiele von Oberammergau sind eine außerordentliche Seltenheit und zugleich eine außerordentliche Konstante. Seit 1633 hält die oberbayrische Gemeinde mit diesen Spiele an einem Gelübde fest, mit dem mitten im Dreißigjährigen Krieg erfolgreich die Pest fortgebetet wurde, und sie werden nur alle zehn Jahre aufgeführt. Dieser lange Rhythmus macht einerseits der Gemeinde immer mehr infrastrukturelle und finanzielle Probleme, zum anderen aber ist gerade dies das Besondere und im wahrsten Wortsinn Bedenkenswerte. Wer denkt schon noch in solch langen Intervallen? Rechtzeitige Aufmerksamkeit hat diesem Ereignis zumindest Ilija Trojanow nicht versagt, und pünktlich zur diesjährigen Premiere ein exquisites Buch im Arche Verlag herausgegeben: den Bericht des englischen Abenteurers Richard F. Burton von seinem Besuch in Oberammergau 1880. Burton ging nicht zu den Passionsspielen, um sich zu erbauen, nicht einmal um zu bewundern und zu bedenken, was dort in den Bergen Exorbitantes geschieht. Seine Frau zog den Vielgereisten über München, Murnau und Ettal dorthin. Burton tritt nun als Theaterkritiker und Protoethnologe auf und kommentiert gleichsam einen Ritus im Urwald.
Nur implizit gibt er uns zu verstehen, dass ihn seine Frau nach Oberammergau getrieben hat, und er aus eigenem Antrieb nie die beschwerliche und langwierige Reise auf sich genommen hätte: es ist ihm alles nicht genug. Dem Weltmann, der als Diplomat in Triest residiert und vertraut ist mit den Spitzenkräften des Theaterbetriebs seiner Epoche, ist die Kultur nicht hoch genug, nicht ausreichend geschmackvoll. Auch die Natur bietet keinen Reiz, weder in Gestalt der Landschaft, noch in Gestalt der Bayerinnen: „Beauty is rare in Bavaria, where the coarse Northern features begin; and the feminine mechanics and peasants appear to one coming from the south hard-favoured as they are hard-handed and hard-headed.“
Der Adrenalinspiegel im Körper dieses Mannes, der inkognito den Hadsch mitgemacht hat und Landstriche als erster Westler betreten hat, ist nicht hoch genug, um den Geist zu entflammen. Das Wissen ist zu groß, um sich mit dem Laienschauspiel zufrieden zu stellen. Das reicht vom Lokalkolorit des Bühnenbilds, das vom Kosmopoliten gnaden- und rücksichtslos als unzureichend bloßgestellt wird, über die archäologische Genauigkeit der Requisiten und Waffen, bis hin zum Einsatz der letzteren. Dass Burton, lange Zeit Offizier der Kolonialmacht in Indien, mit Expertise ausführt, wie wenig treffend es aussieht, wenn die Lanze des Longinus in Christi Brustkorb eindringt, zeigt nicht nur die Breite, sondern auch die Abgründigkeit seines Wissens.
Wenn das Detail schon so abgekanzelt wird, kann man sich denken, was Burton zu den Schauspielern selbst im Großen und Ganzen sagte. Ebenso wie Land und Leuten begegnet er ihnen mit beißender Ironie und trockenster Lakonie. Das ist ihm nicht professionell genug. Dreizehn Spielzeiten später, im Jahr 2010, lautet der Vorwurf an den Spielleiter Christian Stückl und den Bühnenbildner Stefan Hageneiner genau umgekehrt – und ist im Grunde ebenso wenig haltbar, wie Burtons Abwertung der Passionsspiele zur Bauerntölpelei.
Das überaus hübsch gemachte Buch ist zweisprachig angelegt. Die deutsche Übersetzung von Susann Urban trifft den nonchalanten Ton Burtons nicht schlecht, kann aber mit der schieren Trockenheit des englischen Originals schwerlich mithalten. Letzteres gilt streckenweise auch für die Kommentare Trojanows. Der Schriftsteller und Burton-Kenner (sein Roman „Der Weltensammler“ ist dem Entdeckungsreisenden gewidmet) hat dem Band nicht nur ein Vorwort beigesteuert, sondern auch den Text doppelt kommentiert: zum einen finden sich direkt im Text Einschübe, die im Satz farblich hervorgehoben sind, zum anderen hat Trojanow Burtons Fußnoten um eigene erweitert (ebenfalls die Farbe lässt die verschiedenen Fußnoten unterscheidbar bleiben). Hier zeigt sich doch ein Kontrast. Wo Burton ohne mit der Wimper zu zucken, die Weltliteratur und besonders Shakespeare als Keule gegen das Laienschauspiel verwendet, scheut der Herausgeber auch so manchen flapsig vorgetragenen Gemeinplatz nicht. Grundsätzlich aber sind die verschiedenen Kommentare überaus hilfreich, besonders wo nicht Oberammergau oder das Passionsspiel erklärt werden will, sondern Trojanow sein Spezialwissen über Burtron selbst nutzbar macht, um gewisse Urteilsstrategien oder biographische Hintergründe derselben aufzudecken.
Wenn auch Burton unzufrieden ist, die Passionsspiele sollte man sich nicht entgehen lassen; bis Oktober ist dazu die Möglichkeit. Auch ist das Buch nicht aus dem Grund besonders lesenwert, wie es heißt, weil schlechte Kritiken am liebsten gelesen werden. Was das Buch so interessant macht, ist etwas anderes und ist viel mehr: der Grund ist Burtons scharfes, genaues, kompromissloses Auge, gerade da, wo es scheinbar um Nebensächliches geht. Hier erschreibt sich das Buch den Rang einer mikrohistorischen Studie des Alpenraumes südlich von München 1880. Es ist ein Einblick in ein Land vor unsrer Zeit, und unter der Lakonik des Weltmannes tauchen Detailbeobachtungen auf, die erstaunen und aufs unterhaltsamste lehrreich wirken.
Das Buch hat als Dokument hohen Wert, und in eben dem Maße ist die Herausgabe ein hoher Verdienst, nicht zuletzt in diesem klugen Moment 2010, wo das Thema auf etwas Aufmerksamkeit rechnen kann (den Kulturoptimisten will ich sehen, der der öffentlichen Aufmerksamkeit noch Rhythmen von zehn Jahren zutraut!). Der fremde Blick tut auch hier seinen Dienst als aufklärerische Technik, gerade weil Burton keinen Ingenu abgibt. Er geht durch Oberammergau wie durch einen Urwald, sieht das Laientheater mit der Gewohnheit der großen europäischen Bühnen. Gerade weil sich jedermann, mehr oder weniger im Geheimen, in dieser Rolle gefällt und sie gerne einnimmt, wird man die Qualität mit der Burton schaut und schreibt zu schätzen wissen.
Literaturangabe:
TROJANOW, ILIJA: Oberammergau. Richard F. Burton zu Besuch bei den Passionsspielen. Arche Verlag, Zürich 2010. 272 S., 22 €.
Weblinks:
Besprechung der diesjährigen Passionsspiele