MÜNCHEN (BLK) – 2008 erschien die, von Silke Kettelhake verfasste, Biografie Libertas Schulze-Boysens „Erzähl allen, allen von mir!“ bei Droemer Sachbuch.
Klappentext: Was bewegt eine junge Frau aus besten Kreisen, die sich zunächst von den machtvollen Botschaften des Hitler-Regimes mitreißen lässt und dann den Weg in den Widerstand findet? Welche inneren Hürden überwindet sie, um trotz größter Gefahr zur Rettung Deutschlands aufzurufen? Libertas Schulze-Boysen – eine lebenshungrige, faszinierende Frau in einer unheilvollen Zeit.
Am 22. Dezember 1942 endete im Gefängnis Plötzensee das schöne kurze Leben der Libertas Schulze-Boysen. Zusammen mit ihrem Mann, dem Luftwaffenoffizier Harro Schulze-Boysen, wurde sie als Mitglied der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ von der Gestapo hingerichtet. Unbändige Begeisterungsfähigkeit und Freiheitsdrang kennzeichneten Libertas schon als junges Mädchen; sie liebte ihren Mann und flüchtete sich doch in zahlreiche Affären. In ihrem Aufbegehren gegen den Kriegswahnsinn durchlitt sie eine Gratwanderung zwischen Mut und Angst. Was Libertas von der Mehrheit der Deutschen in jener Zeit unterschied, war Zivilcourage. „Kurz und schön“ hatte sie sich als 15-Jährige ihr Leben ausgemalt. Auf grausame Art ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen.
Silke Kettelhake studierte Publizistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften. Sie ist freie Redakteurin und schreibt vor allem gesellschaftspolitische Reportagen für zahlreiche Zeitungen und Magazine. Für die Bundeszentrale für politische Bildung betreut sie seit 2003 die Bereiche „Film“ und „Aktuell“ bei fluter.de. (vol/wip)
Leseprobe:
© Droemer ©
Rote Sonne
Ein blutroter Feuerball schwebt über dem Wannsee. Leise kräuselt die Abendbrise das glatte Wasser. Stille herrscht, in die sich alles zu fügen scheint. Berlin und seine überhitzten Steinburgen sind weit weg. Der Tag glüht nach, in diesem wirren Sommer 1934. „Such du doch das Paddel!“, sagt Libs zu dem Jungen, der sich Joe nennt. Gelangweilt rüttelt sie am Großsegel. Das flatternde Geräusch liebt sie, wenn der Wind nach der Halse mit voller Wucht sich den Stoff schnappt und das Boot voran schießen lässt. Jetzt baumelt das Segel schlaff am Mast. Und sie hängt hier mit Joe, der auf reichen Erben macht und stolz das teure Bootsspielzeug seines Vaters, des Erfolgsautors Heinrich Spoerl, vorführt. Dass die Jungs sie bewundern, das war eigentlich schon immer so.
Wäre ja auch komisch, wenn nicht. Ihre Arme gefallen ihr außerordentlich, schlank und braun – die goldenen Härchen glänzen – sie reckt sie hoch gegen die rote Wand der Wolken, biegt sich, zieht sich, wie eine gespannte Feder. Ein Genuss für Joe. Sie spürt seine Blicke. Gut so, soll er sich doch ein wenig quälen. Das ist die Strafe für seine Angeberei. Sie legt sich wieder in den Bug – da passen zwei schlecht nebeneinander – und summt vor sich hin.
Seit ihrer Pfadfinderzeit in der Schweiz gehen ihr die Lieder nicht aus. „Auprès de ma Blonde, qu’il fait bon, fait bon, fait bon! Et ma joli colombe, qui chante jour et nuit, qui chante pour les filles, qui n’ont pas de mari!“ Die Schulzeiten als brave Zürcher Pensionstochter sind endlich vorbei. Sie ist wieder in Berlin. Sie will für Zeitungen schreiben, im Leben stehen, eigenes Geld verdienen. Das wird schon klappen, jetzt hier in der neuen Zeit – wer als rassisch und politisch einwandfrei gilt, darf publizieren.
Kaum scheint es einen Meter vorwärtszugehen, langsam schiebt sich das Boot durch den grünen Algenteppich Richtung Liegeplatz. Der rote Backstein des Grunewaldturms scheint stumpf durch den Wald; dunkel schon schmiegen sich die Bäume an den Rand des Sees. Kein Lüftchen regt sich. Es ist, als hielte die Welt den Atem an. Ein Angler tuckert mit leisem Motorengeräusch in seine Fanggründe – manchmal Zander, meistens Plötzen.
Von dort hinten, aus der Länge des Sees, sieht sie einen Paddler. Energischer Schlag, der kommt voran. Das macht der nicht zum ersten Mal. Zack, zack, Schlag, Schlag, links, rechts. Sitzt. Sieht so ein bisschen nach innen gekehrt aus. Oder tut er nur so, als ob er sie nicht sieht? „Schleppst du uns ab?“, ruft sie ihm zu. Zischend bremst er sein Kanu in die Wende. Wache Augen. Jung, aber schon was erlebt. Plötzlich ein Strahlen übers ganze Gesicht. Sie sieht gut aus, das blonde Mädchen da, irgendwie besonders. Kinnlange Haare, bernsteinfarbene Augen und einen Mund, der einen sofort ans Küssen denken lässt. „Klar schleppe ich dich ab. Das wolltest du doch hören, oder?“, fragt er zurück. Sie weiß nicht, ob sie lächeln soll oder nicht. „Ich kann euch helfen. Sonst sitzt ihr hier bis morgen früh.“ Sie fragt nach seinem Namen und legt den Kopf schief. Die tut aber kokett, denkt er. Und was ist mit dem Typen da, der die Arme verschränkt und auf arrogant macht? Bessere Gesellschaft? „Harro“, sagt er. „Schulze-Boysen.“
„Nie gehört. Komm doch rauf“, sagt sie lächelnd. Den Jungen auf dem Boot hat sie vergessen. Mit kräftigen Klimmzügen zieht sich Harro die kleine Schwimmleiter hoch. Jiu-Jitsu-Training macht er schon lange.
Als die SA ihn und seinen Freund Henry Erlanger vor einem Jahr in der Redaktion des Gegner schnappten und in den Keller einer Gestapokneipe sperrten, durfte er sich nicht wehren. Henry prügelten sie tot. Seine Schreie wird er nie vergessen. Mit den Narben auf seinem Körper geht Harro nicht hausieren. Lang aufgeschossen ist er, schlaksig wie ein Halbwüchsiger, wie er da so steht und sich schnell sein Hemd über den geschundenen Rücken zieht.
„Und selbst?“, fragt er wie beiläufig. Irgendetwas an ihr lässt ihn nicht los. Etwas Spöttisch-Respektloses, als wenn sie jeden Moment loslachen möchte. Über ihn? Dieser gestelzte Vorname schon.
Libertas Viktoria Haas-Heye, geboren 1913 in Paris. „Du kannst einfach Libs sagen“, ein jungenhaftes Grinsen überfliegt ihr Gesicht.
„Der Name war eine Idee meines Großvaters“, fährt Libs seelenruhig und selbstsicher fort. Sie hält das Ruder, die beiden Männer schaufeln Wasser mit den kleinen Holzpaddeln, jeder auf seiner Seite. „Das war eins meiner Lieblingsmärchen von Opapa, das Märchen von der Freiheit.“ Harro mustert sie prüfend. Joe starrt geradeaus. „Ein Königsknappe trifft auf eine Fee in einem weißen Kleid. Und diese Fee heißt Libertas und singt ihm ein Lied über Freiheit und Einsamkeit vor. Und dass der Tod nicht warten kann.“ Harro grinst und gräbt mit dem Paddel in regelmäßigen Zügen durch den Algenteppich. „Jedenfalls ein ungewöhnlicher Name“, gibt er zu. „Auf meinen Opapa lasse ich nichts kommen! Und auf unser Schloss Liebenberg auch nichts!“ Ein Schlossfräulein also.
Joe blickt nur noch Richtung Liegeplatz. Warum dieser Harro jetzt an Bord kommen musste, warum sie die Leine seines blauen Klepper-Faltboots mit einem Schlag fing und festband, bleibt ihm schleierhaft. Dass sich zwischen den beiden etwas anbahnt, ist kaum zu übersehen. Diese Libs. Leichtlebig sei sie, heißt es, ein schneller Flirt.
Keiner spricht. Ohne ihr Lächeln sieht sie plötzlich einsam aus. Wie alle hier in dieser ansteigenden Nacht, in der nichts richtig vorwärtsgehen will. Mühsam staken sie voran. Als sie den Liegeplatz endlich erreichen, glimmen die Lichter der wenigen Häuser am Ufer wie versteckte Leuchtkäfer. Ein Kohlentransporter zermalmt das schwarze Wasser im angrenzenden Kanal. Sonst ist es still. Plötzlich ist ihre Hand in seiner, plötzlich streicheln seine Finger über die ihren. Ihre Hände umarmen sich. Es ist wie ein Nachhausekommen, ein Fest, ein Zusammenspiel, sich Auffangen, Heiterkeit, und dann die Wärme. Das Pulsieren, wie ein gemeinsames Gebet. Eines, das nie aufhören möge. Sie sind verabredet.
Harro Schulze-Boysen schreibt am 19. Juli 1934, fünf Tage nach der ersten Begegnung mit Libertas Haas-Heye, in einem seiner vielen wöchentlichen Briefe nach Duisburg: Liebe Eltern, vielen Dank für Eure lieben Briefe und die Sachen im Paket. Ich wollte Euch längst schon wieder schreiben, aber tagsüber im Ministerium hatte ich zu viel zu tun, und abends bin ich fast jeden Tag segeln gegangen, und meistens habe ich dann die Nacht im Boot verbracht. Es waren herrliche Abende und Nächte und Sonnenaufgänge auf Havel und Wannsee […]
Ist da das Mädchen Libertas, mit Nachnamen Haas-Heye, sie ist 20 Jahre alt und sieht sehr gut aus, arbeitet selbstständig bei Metro-Goldwyn-Mayer (Film!) in der Pressestelle. Sie ist sehr nett und kann nichts dafür, dass sie die Enkelin vom alten Eulenburg ist. Die ihm zugesagten Eigenschaften hat sie jedenfalls nicht […]
Sein Jurastudium hat Harro Schulze-Boysen abgebrochen; Abend um Abend treibt es ihn in die Politkessel der Hauptstadt. Der Anarchist und Schriftsteller Franz Jung übergab die Redaktionsleitung des intellektuellen Magazins Der Gegner an den 22-Jährigen.
Harro schreibt und redigiert. Seine schwarzen Buchstaben sollen die Wahrheit benennen: Deutschland rüstet für einen Krieg. Das Versagen der Alten, die Niederlagen der Kommunisten. Das Schreckgespenst des alles umfassenden Nationalsozialismus. Jeden Morgen heißt es für den Hilfsreferenten in der Abteilung „Fremde Luftmächte“ im neu gegründeten Reichsluftfahrtministerium in der Behrenstraße, mitten in der Hauptstadt, zackig die Hacken zusammenschlagen – Führergruß. Seinen Wäschesack schickt er jeden Montag nach Hause zur Mutter in Duisburg.
Harro ist kein Mann zum Anlehnen. Wer Harro ist, wem sie da eigentlich begegnet ist, wird Libertas erst nach und nach klar. Sich selbst versteht der Stürmer und Dränger als geborenen Revolutionär.
Ein politischer Visionär, mitreißend. Einer, der die Gedanken fliegen lässt, dessen Worte Florett fechten im Kampf gegen tumbe Deutschtümelei, gegen alles, was klein und miefig daherkommt.
Ein linksintellektueller Bourgeois, ein Bohemien im Wehrmachtstuch.
Einer, der immer weiter muss, rastlos; einer, der sich nicht binden lassen will. Suchender in einer Welt, die nur die eine, die nationalsozialistische Perspektive zulässt.
Ein Stück vom Glück
Libertas notiert nach der Begegnung auf dem Wannsee in ihre schwarze Kladde, die sie immer gut verwahrt:
Quatorze Juillet I.
Es glitt dahin durch weiße Wasserrosen
Ein kleines Segelschiff im Abendgold
weil es der Augenblick ganz so gewollt
stand sie am Bug in weiten roten Hosen
und ihrem ärmellosen Hemd.
Ein Jauchzer plötzlich durch die Stille gellt –
Ein blaues Schiffchen kommt herangefahren
Darin ein Jung’ mit winddurchwehten Haaren
Und mit dem Leuchten einer ganzen Welt;
Von Sonne ist der Abend überschwemmt.
Da fühlte sie das ganze Beben
Der warmen Julinacht in ihrem Blut
Und langsam ließ sie ihren Übermut
Zu stark gepackt von einem Leben
Das so das ihre war, dass es fast fremd.
Das Gefühl, die Hingabe an das Glück. Der Glaube daran überschwemmt sie, wer nicht darin leben kann, weiß von nichts. Sie gehen viel aus, das Lachen gehört ihnen. Sie reden schnell und lustig. Hin und wieder schenkt Harro ihr einen Blick, getarnt, gleichgültig. Alles ist möglich, alles ist leicht.
Feierabend im Reichsluftfahrtministerium. Nach dem Drill der Flugausbildung auf der Verkehrsfliegerschule in Warnemünde arbeitet Harro in dem Anfang April 1934 neu geschaffenen Führungsstab des Reichsluftfahrtsministeriums1. Hermann Göring als 18 19
Reichskommissar untersteht unmittelbar die Befehls- und Kommandogewalt über alle Angehörigen und Dienststellen der Luftwaffe. Neben seiner ersten Festanstellung verfolgt Harro weiterhin seine für jeden Publizisten im Raum der deutschen Nation existenzwichtige Anerkennung in der Reichsschrifttumskammer, um als Schriftleiter, als Redakteur und Herausgeber arbeiten zu können. Nach dem Dienst. Als Adjutant des Leiters des Seeflugnachrichtenwesens, Major Bartz, ist er in der Pressestelle für militär politische Nachrichten zuständig. Dazu gehört „das Studium ausländischer Zeitschriften, Vorträge, Lichtbildersammlungen, journalistische Verwertung und damit auch die Möglichkeit von Nebenverdienst in der Presse usw.“, berichtet Harro Ostern 1934 seinen Eltern.
Vor der Berliner Hitlerjugend hält er im Juni einen außen- und wehrpolitischen Vortrag mit Lichtbildunterstützung unter großem Applaus. Innerhalb des Ministeriums lernt man ihn schnell als zuverlässigen, belastbaren Mitarbeiter kennen. Seine Sprachkenntnisse beeindrucken. „Ich hätte finanziell wesentlich bessere Sachen finden können; aber ich hielt das im Augenblick nicht für die Hauptsache, sondern meine persönliche Sicherheit, und die Chance, unerhört viel zu lernen, ohne in den Vordergrund oder in die Öffentlichkeit treten zu müssen. Ich mache das also zwei/drei Jahre. Meine Zeit kommt, wenn ich 35 oder 40 bin“, schreibt Harro am 31. März 1934 an die Eltern in Duisburg. Verbeamten lassen will er sich nicht, er bleibt erst einmal ohne Vertrag und bessert seinen Verdienst von 120 Reichsmark mit Übersetzungsarbeiten auf.
Ein Katzensprung ist es von der Behrenstraße zum MGM-Büro an der geschäftigen Friedrichstraße. Seit einer Woche holt Harro diese jungenhafte Frau ab, deren Augen ein ganz klein wenig zu nahe beisammenstehen und, wenn sie lacht, zu Schlitzen werden. Eine ganz andere unübersichtliche Routine entwickelt sich da; anstelle von heftig kochenden Diskussionszirkeln oder Auseinandersetzungen mit seiner Freundin Regine Schütt, die ein Kind von ihm will. Der langen nächtlichen Suche der angehenden Textildesignerin nach seiner Verhaftung durch die Gestapo ein Jahr zuvor hat er zwar sein Leben zu verdanken – aber gibt ihr das irgendwelche Rechte? Libs steht da im Eingang des Kontorhauses mit einem, dem der Schlips verrutscht ist. Sie wirft die Zigarette fort, ein kurzes Winken, und schon driften Harro und Libertas im Feierabendfluss. Sie lassen sich treiben. Sie dürfen das, weil sie es so und nicht anders wollen, alles ist Anfang und nichts Alltag.
Die Schaufensterreklamen der Friedrichstraße lassen ihre Lichter erflimmern, auf der nur 16 Meter breiten Einkaufsmeile drängen sich Pferdefuhrwerke, Taxis, Lieferwagen und mit Lasten behängte Fahrradkuriere. Die beiden biegen ab in Richtung Hausvogteiplatz; hier prangt groß an vielen der jüdischen Bekleidungshäuser das Schild „Zu vermieten“. Funken sprühend kreuzen am Alexanderplatz die Straßenbahnen in einem wirren Ballett die Gleisbahnen.
© Droemer ©
Literaturangaben:
KETTELHAKE, SILKE: Erzähl allen, allen von mir! Das schöne kurze Leben der Libertas Schulze-Boysen 1913-1942. Droemer, München 2008. 432 S., 19,95 €.
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