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L’amour doux – ein Roman aus dem Land der Liebe

„Der Gesang der Zikaden“ der jungen Schriftstellerin Amanda Sthers

© Die Berliner Literaturkritik, 16.07.08

 

MÜNCHEN (BLK) – Im Juli 2008 erschien die deutsche Erstausgabe des Romans „Der Gesang der Zikaden“ der jungen französischen Autorin Amanda Sthers beim Luchterhand Literaturverlag.

Klappentext: Eine zarte Liebesgeschichte vor der schroffen Landschaft der Bretagne

Die 40jährige Madeleine führt ein ganz normales Leben. Nie verpasst sie ihre Lieblingsfernsehserie, mit dessen Helden sie mitfiebert. Immer hält sie den linken Platz auf ihrem Sofa frei, vielleicht setzt sich ja doch irgendwann einmal der Mann ihrer Träume dorthin. Sie hat einen ordentlichen Job, sie ist angestellt bei einer Immobilienagentur. Als sie dem feinen Herrn Castellot ein Haus in der Bretagne zeigen soll, entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen zwei vom Leben nicht Verwöhnten …

Amanda Sthers wurde 1978 in Paris geboren. Sie war Fernsehredakteurin, Drehbuch- und Theaterautorin. Ihr Theaterstück „Le vieux juif blonde“ ist ein spektakuärer Erfolg in Frankreich, ihr Roman „Die Geisterstraße“ ist in über 10 Ländern erfolgreich. Amanda Sthers hat mit dem Chanson-Sänger Patrick Bruel, für den sie auch Texte schreibt, zwei Kinder. (vol/wip)

 

Leseprobe:

© Luchterhand Literaturverlag ©

Ernst. Tief. Wohlklingend. Sinnlich. Eine Morgenstimme, die nach heißem Kaffee klang. Eine Männerstimme. Schon beim ersten Mal war es nicht nur eine Stimme. Schon am Telefon war Madeleine nicht ganz bei sich. Er wollte in die Bretagne, seine Frau nicht. Seine Frau meinte, er folge noch immer dem Sarg, meinte, er dürfe trauern, aber die Tatsache, dass sein Vater in Quimper begraben sei, verpflichte sie nicht dazu, ihre Ferien im Dauerregen zu verbringen. Sein Therapeut meinte, so sei es eben, er müsse bis ans Ende gehen.

Und sie? Was meinte sie?

„Was meinen Sie dazu?“, hatte er sie gefragt.

Madeleine, Immobilienmaklerin bei Kerguikou View, hatte geantwortet, sie könne ihm einige Objekte zeigen.

„Morgen?“

Ja, morgen ginge es.

Madeleine, die in diesem Beruf seit fast zwölf Jahren arbeitete, hatte das nötige Kleingeld herausgehört und die Lust, es auszugeben. Sie würde ihm drei Häuser zeigen, vier, wenn es ihr gelänge, die Besitzer zu erreichen.

Treffpunkt am Flughafen in Brest. Morgen früh.

Wie würden sie einander erkennen?

„Einen Immobilienmakler erkennt man von weitem“, sagte er, „das ist so, als würde man einen Dummen finden wollen, den man über den Tisch ziehen kann, nur anders herum.“

„Das habe ich jetzt nicht ganz verstanden, aber ich werde da sein, Herr …?“

„Castellot. Wie das altertümliche Kastell, nur in klein.“

„Ich heiße Madeleine.“

Zu Abend isst Madeleine allein, wie an allen anderen Abenden. Sie tut reichlich Butter an ihr Essen, dann setzt sie sich vor den Fernseher. Sie lebt allein, hat sich aber noch nie mitten auf das Sofa gesetzt. Immer der Hoffnung Raum geben, ein männlicher Hintern könne sich neben ihrem niederlassen. Sie war zu allem bereit: die Kontrolle über die Fernbedienung abzugeben, seine Unterwäsche in Ordnung zu halten, Sachen auszubessern.

Niemand hat es je von ihr verlangt.

Sie sieht sich eine Musiksendung an. Sie bewegt den Kopf wie ein Wackeldackel auf der Hutablage eines Autos. Es gibt eine Asymmetrie zwischen ihren Augenfältchen und den Falten um den Mund herum, zwischen den Tränen, die geflossen sind, und dem, was sie dazu gesagt hat. Eine Asymmetrie zwischen ihrem Leben und ihren Gefühlen. Alles angeschlagen, alles stockend, alles quälend. Alles voller undefinierbarer tränenloser Kümmernisse. Und mitten im Schädel sitzt ein Schmerz. Der sie nie loslässt. Nie. Eine Verletzung, die immer noch schmerzt. Die bis zu den Füßen ausstrahlt.

Madeleines Mutter war ein Mädchen aus dem Süden. Ihr Mann, der sich nicht für sie interessierte, hatte hochprozentiges bretonisches Blut in seinen Adern und Augen blaugrau wie ein Sturm über Ouessant, Augen, die er Madeleine mitgegeben hatte. Er hatte ihr auch einige Spuren von Schlägen im gleichen Farbton mitgegeben, die immer noch schmerzten, dreißig Jahre später. Einmal, am Tag nach einer gewaltigen Dresche und noch nüchtern, hatte er seine Tochter nach Le Conquet zum Mittagessen eingeladen. Gegenüber dem Andenkenladen ihres Großvaters. Er hatte seine gute blaue Hose angezogen. Wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Sie haben zwei Buchweizen-Crêpes bestellt, mit Spiegeleiern. Zur Feier des Tages.

Sie aßen. Man hörte die Kleine kauen.

Er hatte sie gern, seine Kleine. Er schlug sie, aber hatte sie gern.

„Gefällt es dir in der Schule, Mado?“

Die Schule. Sie ging hin, wie man aus dem Bauch seiner Mutter kommt. Vom Leben getrieben. Mit dem Kopf zuerst, und fertig. Man hat einfach keine Wahl.

„Habe ich denn eine Wahl?“, hatte Madeleine gefragt. Sie war fast acht.

„Willst du denn so enden wie ich?“

Nein, sie wollte nicht auf der Werft arbeiten, Boote bauen oder reinigen und sie anschließend wegsegeln sehen. Nach Fisch stinken und sich keinen leisten können. Sie wollte auch nicht so werden wie ihre Mutter. Bügeln, in die Kirche gehen. Glauben. Zuschauen. Immer nur zuschauen.

Heute Abend läuft eine Varietéshow. Mit Sängern von gestern. Damit fühlt sich Madeleine am wohlsten. Sie mag keine neuen Gesichter. Keine neuen Stimmen. An die Stimme ihres Vaters kann sie sich gut erinnern, besser als an sein Gesicht.

Mit ihren acht Jahren war sie an jenem Tag richtig hübsch gewesen. In dem Restaurant in Le Conquet wurde sie von asiatischen Touristen fotografiert. Sie war „typisch“.

„Mama hat gesagt, dass sie gern bei Opa in der Provence leben würde.“

„Dann soll sie doch gehen. Mir ist es da zu heiß. Und Boote gibt es da auch nicht. Was soll ich denn da unten machen?“

Madeleine dachte, statt Cidre würdest du Pastis trinken, und wir hätten es schön warm.

»Weißt du, Mado«, hatte ihr Vater gesagt, der schon jetzt, obwohl das Essen noch lange nicht vorbei war, stark nach Rotwein roch, „weißt du, die Zikaden …“, und dann machte er lange ihr Zirpen nach, „tss tss … tss tss …“, sein Mund war direkt vor Madeleines Nase, so dass sie vom Atem ihres Vaters fast einen Schwips bekam.

„Die Zikaden, Mado, sie zirpen, wenn sie sterben. Das ist ihr Todesgesang. Tss tss … Stell dir nur die vielen Tss tss vor … Die vielen kleinen toten Viecher. Und da willst du hin? In die Provence? Auf diesen Insektenfriedhof?“

Und er hatte sich schlapp gelacht, und lachte immer noch, als die Crêpes mit Zucker und Butter kamen. Später durfte sich Madeleine im Andenkenladen ihres Großvaters ein Bilboquet-Spiel aussuchen. Und alles, was sie hörte, war das Geräusch der sterbenden Zikaden, sie kriegte es einfach nicht aus ihrem Kopf heraus. Tss tss … Ihr Vater starb einige Tage danach, ohne einen Laut, an Leberzirrhose.

Zu ihren späteren Erinnerungen gehört ihr Zimmer in Opas Haus und das quälende Geräusch der Zikaden, das ihr sagte, dass ihr Vater am anderen Ende Frankreichs vor sich hin moderte und dass auch sie eines Tages an die Reihe käme. Ihr Zimmer ist sonnendurchflutet. Madeleine fühlt sich schuldig, weil sie froh darüber ist. Sie darf in der Sonne sein, weil ihr Vater tot ist. Sie fühlt sich schlecht, wenn sie ein Kleid überzieht, wenn eine Sommersprosse auf ihrer Wange auftaucht. Die ganze Zeit schuldig. Und traurig, ihren Vater in der Landschaft nicht entdecken zu können. Nicht einmal im Spiegel. Außer seinen Augen hat Madeleine alles von ihrer Mutter. Die blonden Haare, die sie sich dauerwellen lässt. Den großen Busen, die schmale Taille und die breiten Hüften. Auch die vielen provinziellen Ausdrücke: „das Mäntelchen“, „das Pullöverchen“, „hier, zieh dir dein Jäckchen über, du wirst dich sonst noch erkälten“. Alles ist klein. Madeleine fühlt sich eingeengt, obwohl sie ihren Körper zu groß findet. Mit achtzehn fühlt sie sich nicht wohl in ihrer Haut. Zu viel Fleisch, zu viel Busen. Gehört das alles ihr? Diese Brüste mit den aufgerichteten Nippeln? Ist das wirklich sie, die diesen Jungen in sich hineinlässt? Es ist Abend, sie ist keine sechzehn. Nachdem er in Madeleine gekommen ist, erbricht er sich, und die zirpenden Zikaden lachen sich darüber kaputt. Zwei Jahre später kehrt Madeleine in die Bretagne zurück. Sie verschmilzt mit der Landschaft. Sie findet einen Job. Ist nicht mehr zu sehen. Sie vergisst sich. Sie bringt einen festen Rhythmus in ihr Leben, und es tut ihr gut. Gott, tut das gut. Wie bei einem Baby, das man in der Wiege schaukelt. Sie muss sich nicht mehr schämen, ihren Vater verlassen zu haben. Sie fühlt sich jetzt wohler, in ihren warmen Sachen und unter dem Regenhut versteckt. In der Bretagne sind alle Leute schnell unterwegs, „strammen Schrittes“, wie die Bretonen sagen. Hier in Brest kann Madeleine das Meer hören. Sie kann es von ihrem Zimmer aus sehen, wenn sie sich in ihrem Bett ausstreckt. Sie sieht ein Stück davon unter ihrer Bettdecke. Es hat noch mehr Kommen und Gehen in Madeleine gegeben. In ihrem Schoß, in ihrem Herzen. Nichts und niemand ist geblieben, nicht einmal ein Kind. Woran erinnert sie sich noch? Es ist, als hätte ihr späteres Leben so viel Platz eingenommen, dass alles andere weichen musste. Sie hat keine weiteren besonderen Kennzeichen, es gibt keine Anekdoten. Sie weiß, wer sie ist, woher sie kommt, aber sie weiß nicht, wie es weitergehen soll. Madeleine hat panische Angst vor dem Tod. Der eingetretene oder eventuelle eines anderen macht sie traurig, aber der eigene macht es ihr fast unmöglich, ihr Leben mit Inhalt zu füllen.

Essen hat sofortige Wirkung auf Madeleine, das gefällt ihr. Essen beruhigt sie, zur Toilette gehen auch. Alles, was ihr zeigt, dass ihr Körper funktioniert, findet sie ganz wunderbar. Sex hat ihr auch immer gefallen, aber die Liebe macht ihr Angst. Sie hatte nur selten die Gelegenheit gehabt, sich darüber Gedanken zu machen, denn die Männer beschränken sich meistens darauf, den Eingang zu Madeleine zu finden und unmittelbar darauf den Wohnungsausgang, aber instinktiv hat sie der Liebe noch nie getraut. Also lässt sich Madeleine auf kurze Affären mit Männern ein, die unzuverlässig, verheiratet, betrunken oder alles auf einmal sind. Liebe in Fernsehserien allerdings, das ist etwas anderes. Sie empfindet sehr viel für einen gewissen Brandon Bradley, den Hauptdarsteller von Schicksalhafte Begegnungen. Er ist immer pünktlich zur Stelle, außer bei Sondersendungen, er ist immer schön und hat immer die gleiche sanfte Synchronstimme. Brandon Bradley ist treu wie Gold, so wie Madeleine. In ihren Träumen läuft mit Brandon alles bestens. Sie reisen gemeinsam durch wundervolle Landschaften. Sie trägt Cocktailkleider, sie lachen, man vernimmt den entzückenden Klang der aneinanderstoßenden Champagnergläser. Der Champagner, der hinter der Mattscheibe fließt, löst in seinem tröstlichen Schaum Madeleines Vergangenheit auf. Als Madeleine noch ein Kind war, hat sie gelernt, sich lieber nicht zu erinnern, statt später vergessen zu müssen. Sich nicht an die Zähne des Hundes erinnern. Sich nicht an die Lehrerin erinnern. Sich nicht an die hohen Wellen erinnern. Sich nicht an das Salzwasser erinnern, das an ihren Füßen leckte und in ihren Schürfwunden brannte. Sich nicht erinnern.

Castellot wird das alles umstoßen. Und das, was er tun wird, wird ihr gestatten, sich zu erinnern. Sogar an die unschönen Momente. Morgen wird sie anfangen müssen zu leben. Noch fühlt sie sich wohl, tiefgefroren in ihrer Bretagne, unangreifbar für Gefühle, bekannte Gesichter um sich herum, von denen ihr keine Gefahr droht. Aber siehe da, Castellot kommt näher. Gerade packt er seinen Handkoffer für die morgige Reise. Im Flugzeug wird er noch einige Unterlagen durchsehen müssen. Seine Frau ist schon unter die weiche Bettdecke ihres großen Bettes geglitten. Sie liegt am äußersten Rand, dort, wo sich ihre Körper auf keinen Fall zufällig berühren können. Und dennoch riecht sie gut, trägt ein kurzes Nachthemd, tut so als ob. Sollte er Lust haben, würde sie für ihn simulieren. Sie ist eine gute Ehefrau. Eine gute Mutter. Sie haben zwei Kinder, die schon groß sind und die ihnen entgleiten. Castellot fällt es schwer, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen, nicht nur zu ihnen. Er ist freundlich, aber zurückhaltend, er hat Angst vor allem. Wenn man ihn so anschaut, würde es keiner glauben, aber er ist ein Mensch, der leidet. Castellot prüft nach, ob seine Flugtickets dort sind, wo sie hingehören. Das beruhigt ihn. Es erspart ihm, daran zu denken, dass er seinen Vater in den letzten zwei Jahren nicht ein einziges Mal besucht hat. Dass er gewartet hat, bis er starb, bevor er ins Flugzeug stieg. Und jetzt will er auf einmal ein Haus in der Bretagne kaufen. Seine Frau macht sich über seine Schuldgefühle lustig, sie rät ihm zur Therapie. Das sei billiger als ein Haus, in das er nie einen Fuß setzen würde. Castellot ist unschlüssig. Etwas erinnert ihn daran, dass er dorthin muss. Sein Hals ist zusammengeschnürt. Er hat Sodbrennen. Er versucht es zu ignorieren, indem er seinen Reisepass überprüft. Und die Hosenfalte. Er wirft einen letzten Blick auf die Unterlagen. Er putzt seine Zähne zum zweiten Mal. Im Spiegel erkennt er seinen Vater wieder. Diesen Vater, den er als Kind so sehr bewunderte, als sie einen Segeltörn um die Landspitze von Le Conquet machten. Er rasiert sich gründlich. Aber nie, niemals weint er.

© Luchterhand Literaturverlag ©

Literaturangaben:
STHERS, AMANDA: Der Gesang der Zikaden. Roman. Aus dem Französischen von Karin Ehrhardt. Luchterhand Literaturverlag, München 2008. 160 S., 8 €

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