HAMBURG (BLK) – Am 19. September 2009 erscheint Siegfried Lenz’ Roman „Landesbühne“ bei Hoffmann und Campe. 2008 hatte der Autor mit seiner Erzählung „Schweigeminute“ einen Bestseller gelandet.
Klappentext: Rätselhafte Dinge geschehen im Gefängnis Isenbüttel. Während einer Theateraufführung verlassen Häftlinge ungehindert das Gelände. Und kurz darauf feiert ein idyllisches Städtchen talentierte Schauspieler – die gar keine sind. Mit dem Hereinbrechen der Kunst und angetrieben von Gefühl, Leidenschaft und Phantasie entdeckt ein ganzes Gemeinwesen seine Möglichkeiten zu Größerem. Und niemand scheint Verdacht zu schöpfen. Oder sind alle – der Intendant der Landesbühne, der Gefängnisdirektor, der Bürgermeister und die Bürger von Grünau – Teil einer grandiosen Inszenierung? Die Ausreißer selbst scheinen keine Ahnung zu haben. Werden Sie zurückkehren in ihre Zellen?
Siegfried Lenz, 1926 im ostpreußischen Lyck geboren, zählt zu den bedeutendsten und meistgelesenen Schriftstellern der Gegenwartsliteratur. Seine Werke erscheinen seit 1951 („Es waren Habichte in der Luft“) im Hoffmann und Campe Verlag und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2009. (hel/beh)
Leseprobe:
©Hoffmann und Campe©
„Schau dir das an, Professor“, sagte mein Zellengenosse, „komm her und schau dir das an.“ Er stand am vergitterten Fenster, ein kahlköpfiger Mann, der Ohrringe trug, und zeigte hinab auf den Gefängnishof, wo das Tor geöffnet wurde und ein blauer Bus erschien. Über die Länge des Busses hin stand in Blockbuchstaben LANDESBÜHNE, zwei stilisierte Masken versprachen geheimnisvolles, jedenfalls unterhaltsames Spiel. „Ich hab’s gewußt“, sagte mein Zellengenosse, „die Landesbühne kommt wirklich.“ Dieser Mann, dem sie das zweite Bett in meiner Zelle zugewiesen hatten und der mit den Worten hereingekommen war: „Ich bin Hannes“, schien alles zu wissen. Als der Bus hielt und zuerst ein schottisch gekleideter Mann ausstieg, sagte er: „Der Intendant der Landesbühne, er heißt Prugel.“ Der Intendant ging mit beinahe beschwingtem Schritt auf die hagere Gestalt zu, die den Bus erwartet hatte, breitete andeutend die Arme aus, beließ es jedoch während der Begrüßung bei einem Händeschütteln, das länger als üblich dauerte, Karl Tauber, unser Direktor, wie immer in dunklem Anzug, schien nicht überrascht, daß sein Gast zunächst nur dastand und sich umsah, nachdenklich die vier ungleichen Gebäude musterte, aus denen das Gefängnis Isenbüttel bestand. Mit knappen Gesten erläuterte er offenbar Zweck und Eigenschaft der Gebäude, der Intendant nickte wiederholt, es blieb ihm wohl nichts zu fragen. Einmal fanden sie Grund zu kurzem Gelächter. „Die alten Säcke kennen sich bestimmt“, sagte Hannes. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck von hinterhältigem Vergnügen; er imitierte die Sprechweise des Direktors, dies rollende R, das ihm bei etlichen Begegnungen aufgefallen war.
Auf ein Zeichen des Intendanten verließen die Schauspieler den Bus, auch einige Frauen waren unter ihnen, die meisten blieben wie angeleimt stehen, nicht anders, als hätte man sie in ein neues Leben gestoßen. Wie der Intendant, so schauten auch sie zunächst nur, schauten, manche stießen sich an, grinsten anzüglich, machten sich blickweis aufmerksam auf das, was sie sahen. Einer der Schauspieler bückte sich, hob einen Kieselstein auf, rieb ihn zwischen den Fingern und steckte ihn in die Tasche – als Andenken vermutlich. Ein junger bärtiger Schauspieler ließ die allgemeine Stimmung erkennen, als er eine ältere Kollegin um die Taille faßte und ihr scherzhaft eine Hand mit gespreizten Fingern vors Gesicht hielt; danach deutete er zu unserem Fenster hinauf und glaubte winken zu müssen. „Sieh dir diesen Schwachkopf an, Professor“, sagte Hannes.
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Literaturangeabe:
LENZ, SIEGFRIED: Landesbühne. Hoffmann und Campe, Hamburg 2009. S. 128, 17 €.
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