Das Buch der Kinder

Der Traum von einem freieren Leben

© Die Berliner Literaturkritik, 06.09.11

FRANKFURT/MAIN (BLK) – Im September 2011 ist der Roman „Das Buch der Kinder“ der englischen Autorin A.S.Byatt im S.Fischer Verlag erschienen. Das Buch wurde von Melanie Walz ins Deutsche übertragen.

Klappentext: A.S. Byatt - Booker-Preis Gewinnerin und von der Queen ernannte „Dame Commander of the British Empire“ - umspannt in ihrem neuen, opulenten Roman ein Vierteljahrhundert, die Jahre von 1895 bis kurz nach dem 1. Weltkrieg. Im Süden Englands, in London, Paris und im zügellosen Schwabing suchen die Familien Wellwood, Fludd und Cairn am Ende des 19. Jahrhunderts ein freieres und erfüllteres Leben, sie proben neue Wege in Kunst und Politik, Liebe und Erziehung. Immer mit dabei sind die vielen Kinder, die sich mit ihren unterschiedlichen Talenten und Temperamenten einen Weg durch die Lebensexperimente ihrer Eltern bahnen. Aber alle Familien, auch die fortschrittlichsten, haben ihre dunklen Geheimnisse – am Ende drohen Enttäuschung, Verrat und der große Krieg. „Das Buch der Kinder“ schlägt einen weiten Bogen von England bis nach Deutschland und berührt dabei immer wieder im Kleinen, in den intimen Momenten, die ein jedes Leben unverwechselbar machen.

A. S. Byatt gelangte mit ihrem Roman „Besessen“, der 1990 mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde, zu Weltruhm. Ihr Werk umfasst neun Romane, zahlreiche Erzählungen und literaturkritische Texte; für ihr Schaffen wurde sie vielfach ausgezeichnet und 1999 von der Queen zur „Dame Commander of the British Empire“ ernannt. A. S. Byatt kam 1936 in Yorkshire zur Welt, hat drei Töchter und lebt in London.

Leseprobe:

©S.Fischer©

1

Zwei Knaben standen in der Prince Consort Gallery und sahen zu einem dritten hinunter. Es war der 19. Juni 1895. Der Prinzgemahl war 1861 gestorben und hatte nur die Anfänge seines ehrgeizigen Vorhabens verwirklicht gesehen, Museen zu versammeln, in denen britische Kunsthandwerker die besten Erzeugnisse ihrer Metiers studieren konnten. Sein Porträt, bescheiden und medaillengeschmückt, befand sich als Mosaik am Tympanon eines Schmuckgewölbes am einen Ende der schmalen Galerie, die oberhalb des South Court verlief. Der South Court war mit weiteren Mosaiken verziert, Porträts von Malern, Bildhauern, Töpfern, dem „Walhall von Kensington“. Der dritte Knabe kauerte neben einem von mehreren beeindruckenden Schaukästen mit Kostbarkeiten aus Gold und Silber. Tom, der Jüngere der beiden, die hinuntersahen, musste an Schneewittchen in seinem gläsernen Sarg denken. Und als er zu Albert hinaufsah, musste er auch daran denken, dass die Gefäße und Löffel und Kästchen, die in dem klaren Licht unter dem Glas glänzten, wie ein geborgener königlicher Grabschatz wirkten. (Was manche davon waren.) Sie konnten den dritten Jungen nicht deutlich sehen, denn er befand sich hinter einer der Vitrinen. Offenbar zeichnete er ihren Inhalt.

  Julian Cain war im South Kensington Museum zu Hause. Sein Vater Major Prosper Cain war der für Edelmetalle zuständige Kustos. Julian war kurz zuvor fünfzehn geworden und besuchte die Marlowe School als Internatszögling, doch er war zu Hause, um sich von einer schweren Gelbsuchterkrankung zu erholen. Er war weder groß noch klein, von schmächtigem Körperbau, mit ausgeprägten Zügen und fahlem Teint, auch ohne die Gelbsucht. Sein glattes schwarzes Haar war in der Mitte gescheitelt, und er trug seine Schulkleidung. Tom Wellwood, in typischer Knabenkleidung aus Norfolkjacke und Kniebundhosen, war etwa zwei Jahre jünger als Julian; mit seinen großen dunklen Augen, dem weichen Mund und dem glatten dunkelblonden Haarschopf sah er noch jünger aus. Es war ihre erste Begegnung. Toms Mutter war zu Besuch bei Julians Vater, weil sie ihn um Hilfe bei ihren Recherchen bitten wollte. Sie war eine erfolgreiche Verfasserin von Zaubermärchen. Julian war dazu abkommandiert worden, Tom die Schätze zu zeigen. Offenbar hatte er mehr Interesse daran, ihm den kauernden Knaben zu zeigen.

  „Ich habe ja gesagt, dass ich dir ein Geheimnis zeige.“

  „Ich dachte, du meinst einen von den Schätzen.“

  „Nein, ich habe ihn gemeint. Mit dem stimmt etwas nicht. Ich habe ihn beobachtet. Der führt irgendwas im Schilde.“

  Tom wusste nicht recht, ob es sich um die Art von Flunkern handelte, die in seiner eigenen Familie gepflegt wurde: sich Unbekannten an die Fersen zu heften und Geschichten über sie zu erfinden. Er wusste nicht recht, ob Julian sich nur aufspielte.

  „Was tut er?“

  „Er vollführt den Zaubertrick mit dem indischen Seil. Er verschwindet. Im einen Augenblick ist er da, im nächsten ist er verschwunden. Er kommt jeden Tag her. Ganz allein. Aber man kann nicht sehen, wann er geht oder wohin er geht.“

  Sie schlichen die gusseiserne Galerie entlang, die mit dicken roten Samtvorhängen gesäumt war. Der dritte Knabe blieb, wo er war, konzentriert zeichnend. Dann bewegte er sich, um eine andere Position einzunehmen. Er hatte strohfarbenes Haar, war zerlumpt und schmutzig. Er trug abgeschnittene Arbeitshosen mit Hosenträgern über einem rauchfarbenen Flanellhemd voller Rußflecken.

  Julian sagte: „Wir könnten runtergehen und ihn verfolgen. An dem ist alles Mögliche nicht ganz geheuer. Er sieht richtig gefährlich aus. Und man könnte meinen, er wäre nie woanders als hier. Ich habe am Ausgang gewartet, um ihn abzupassen und ihn zu verfolgen, aber er geht offenbar nie raus. Als gehörte er zum Inventar.“

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  Der Knabe blickte kurz auf, das schmutzige Gesicht stirnrunzelnd verzogen. Tom sagte: „Er konzentriert sich.“

  „Soweit ich weiß, spricht er nie mit jemandem. Manchmal sehen die Kunststudenten ihm beim Zeichnen zu. Aber er plaudert nicht mit ihnen. Er schleicht immer nur herum. Richtig unheimlich.“

  „Kommen Diebstähle häufig vor?“

  „Mein Vater sagt immer, die Museumswärter gingen mit den Vitrinenschlüsseln sträflich sorglos um. Und es stapeln sich haufenweise Sachen, die katalogisiert oder ins Depot nach Bethnal Green geschickt gehören. Es wäre irrsinnig leicht, etwas zu entwenden und damit zu verschwinden. Ich glaube, bei manchen Sachen würde das gar nicht auffallen, aber natürlich wäre es etwas anderes, wenn einer den Kerzenleuchter stehlen wollte, das würde sofort Aufsehen erregen.“

  „Kerzenleuchter?“

  „Den Gloucester-Kerzenleuchter. Den scheint er nämlich zu zeichnen, jedenfalls die meiste Zeit. Der Klumpen Gold in der Mitte der Vitrine. Er ist sehr alt und einzigartig. Ich zeige ihn dir. Wir könnten runtergehen und hingehen und ihn stören.“

  Tom war dieser Vorschlag nicht recht. Der dritte Junge strahlte eine Anspannung aus, eine zähe, willensstarke Energie, die wahrgenommen zu haben Tom gar nicht richtig bewusst war. Aber er war einverstanden. In der Regel war er mit allen Vorschlägen einverstanden. Wie Detektive schlichen sie hinter den Samtgirlanden von einem Versteck zum nächsten. Sie gingen unter Prinz Albert hindurch, auf die geschwungene Steintreppe hinaus, in den South Court hinunter. Als sie den Kerzenleuchter erreichten, war der schmutzige Junge nicht mehr da.

  „Er war nicht auf der Treppe“, sagte Julian fasziniert.

  Tom blieb stehen und betrachtete den Kerzenleuchter. Sein Gold schimmerte matt. Er sah schwer aus. Er stand auf drei Füßen, drei langohrigen Drachen, deren jeder mit grausigen Klauen einen Knochen hielt, an dem er mit scharfen Zähnen nagte. Den Rand der Schale um den Dorn hielten drei weitere Drachen mit geöffnetem Maul, Flügeln und geschlängeltem Schwanz. Der ganze gedrungene Schaft war aus groteskem Laubwerk geschmiedet, in dem Menschen und Ungeheuer, Kentauren und Affen sich wanden, grinsten, grimassierten, einander ergriffen und massakrierten. Ein Gnom mit Helm und riesigen Augen hielt den gewundenen Schwanz eines Reptils gefasst. Unter anderen menschlichen oder koboldartigen Gestalten war eine mit langen, wirren Haaren und kummervollem Blick. Tom dachte sich sofort, dass seine Mutter das sehen müsse. Er versuchte sich die Gestalten einzuprägen, doch vergebens. Julian erklärte den Leuchter. Er habe eine interessante Geschichte, sagte er. Niemand wisse genau, woraus er bestehe. Eine Art vergoldeter Legierung. Wahrscheinlich war er in Canterbury angefertigt worden – in Wachs modelliert und dann gegossen –, doch außer den Symbolen der Evangelisten am Knauf wies ihn nichts als religiösen Gebrauchsgegenstand aus. In der Kathedrale von Le Mans war er aufgetaucht und in der Französischen Revolution wieder verschwunden. Ein französischer Antiquitätenhändler hatte ihn dem russischen Fürsten Soltikow verkauft. Aus dessen Sammlung hatte das South Kensington Museum ihn 1861 erworben. Nirgends auf der Welt gab es etwas Vergleichbares.

  Tom wusste nicht, was ein Knauf war, und er wusste nicht, was die Symbole der Evangelisten waren. Aber er sah das Ding als ganzes Universum geheimer Geschichten. Er sagte, seine Mutter würde es sicherlich gerne sehen. Es wäre möglicherweise genau das, was sie suchte. Er hätte gern die Köpfe der Drachen berührt.

  Julian sah sich unablässig um. Hinter dem Gipsabguss eines wachenden Ritters auf Marmorsockel war eine verborgene Tür. Sie stand leicht offen, was Julian zum ersten Mal sah. Er hatte die Klinke ab und zu ausprobiert, und die Tür war immer versperrt gewesen, wie es sich gehörte, denn sie führte zu den Magazinen und Werkstätten im Untergeschoss.

  „Ich wette, er ist da runtergegangen.“

  „Was ist da unten?“

  „Meilenlange Gänge und Schränke und Kellerräume, wo Sachen gegossen oder gereinigt oder einfach bloß aufbewahrt werden. Komm, wir schleichen ihm nach.“

  Es gab kein Licht, nur so viel, wie durch die Tür, die sie geöffnet hatten, auf die oberen Stufen fiel. Tom war die Dunkelheit nicht geheuer. Überschreitungen waren ihm nicht geheuer. Er sagte: „Wir können nicht sehen, wohin wir gehen.“

  „Wir lassen die Tür einen Spalt weit offen.“

  „Und wenn jemand kommt und sie zuschließt? Und wir Ärger bekommen?„

  „Bekommen wir nicht. Ich wohne hier schließlich.“

©S.Fischer©

Literaturangabe:

Byatt, A.S.: Das Buch der Kinder. Aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz.. S.Fischer Verlag, Frankfurt a.Main 2011. 896 S, 26 €..,

Weblink:

S.Fischer


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