Von Armin Baumgartner
Bücher erlauben uns, die Dinge anders zu sehen, anders wahrzunehmen, Perspektivenwechsel zu üben, sagt man. Sie helfen uns bei der Suche nach uns selbst, sagt man. Von niemandem habe ich jedoch zuvor gehört, dass er sich in einem Buch verloren hätte. Mir ist genau dies wortwörtlich zugestoßen. Und dabei hatte alles so unspektakulär begonnen.
Ilse Kilic[1] stellte vor wenigen Wochen ihr Buch „Das Wort als schöne Kunst betrachtet“ in der Alten Schmiede in Wien vor. Als die Lesung vorüber war, versammelte man sich um den Büchertisch, plauderte und trank das eine oder andere Glas Wein. In dem geselligen Treiben kam plötzlich Ilse Kilic auf mich zugestürmt und sagte: „Armin, du, ich hab dich ja in dem Buch zitiert.“ – „Ach, geh wirklich?“, war meine zugegebenermaßen nicht gerade gehaltvolle Antwort. „Ja, sicher“, erwiderte die Ilse. Ich war hocherfreut, sah zum Büchertisch hinüber, und da war auch schon das letzte Exemplar von „Das Wort als schöne Kunst betrachtet“ verkauft. Meine Enttäuschung war groß. Die Ilse begann zu überlegen: „Warte kurz, vielleicht hab ich dich ja doch in dem anderen Buch, in ‚Vom Umgang mit den Personen’ zitiert. Ich bin mir jetzt nicht mehr ganz sicher.“ – Von letztgenanntem Titel waren noch reichlich Exemplare vorhanden. Stehenden Fußes erstand ich eines derer, und wenig später schon begab ich mich auf die Suche nach mir selbst in einem mir fremden Buch mit dem verheißungsvollen Titel „Vom Umgang mit den Personen“.
Damit die Begegnung mit mir auch überraschend und also authentischer in der Wirkung ausfallen könne, beschloss ich, mit der ersten Seite zu beginnen und nichts vorwegzunehmen. Der Weg ist das Ziel, dachte ich, und verleibte mir eine Seite nach der anderen ein. Es war wie ein Rausch. Ich las wie im Taumel. Die nachfolgenden Tage konnte ich die Lektüre schon gar nicht mehr erwarten, ich war wie von Sinnen. Kaum hatte ich ein wenig Zeit dazu, beim Arzt etwa oder in der Straßenbahn, schlug ich das Buch auf und erwartete mich sehnsüchtig. Doch ich kam nicht. Ich kam nicht vor und mir auch nicht unter.
Als sich erste Zweifel anmeldeten, ob ich mich nicht doch im falschen Buch suche, traf ich erneut auf die Ilse Kilic. „Und, hast du dich schon gefunden?“, fragte sie mich fordernd. „Nein, leider, ich suche mich noch“, erwiderte ich. Um mir mehr Klarheit zu verschaffen, setzte ich nach: „Bist du dir sicher, dass ich in diesem Buch bin?“ – „Ja, kein Zweifel, ich bin mir jetzt ganz sicher. Ich habe zwar noch nicht nachgesehen, aber du musst in dem Buch ,Vom Umgang mit den Personen’, das du dir gekauft hast, drinnen sein.“
Die Suche ging also weiter. Jedoch vergeblich: Weder schienen mich die Hauptpersonen auch nur ansatzweise zu kennen, noch kamen irgendwelche Nebenpersonen je auf mich zu sprechen. Ich selbst war nicht einmal als Subnebenperson in Erscheinung getreten. In Fußnoten begegneten mir Personen wie Peter Kropotkin, Max Ernst, Lisa Spalt, Alfred Sperling, Kurt Gödel, Fritz Widhalm, Bram Stoker, Frank Zappa, Zosimos von Panopolis, Frankenstein und sogar Anthropoden – ich aber war weit und breit nicht in Sicht. Meine Verunsicherung steigerte sich ins Unermessliche. Wäre es denn möglich, dass ich mir selbst aus dem Weg gehe? Dass ich, während ich mich in dem einen Buch suche, derweil ins andere geflüchtet bin, um mir beim Lesen nicht begegnen zu müssen? Dass mich die Autorin gar als bewegliche, in ihren Werken beliebig und eigenmächtig in Erscheinung tretende Person in ihre Bücher eingebaut hat. Hätte ich also das andere Buch erstanden, würde ich mich womöglich in diesem hier vor mir liegenden befinden. Dann wiederum wäre die Suche nach mir in dem anderen Buch zwecklos usw.
Ich fühlte mich verloren. Auf der letzten Seite angelangt, musste ich entsetzt feststellen, dass ich mich weder in dem Buch gefunden hatte noch an den Inhalt desselben erinnern konnte. Da erhielt ich von der Ilse Kilic erneut eine Einladung zu einer Lesung. Im Postskriptum fügte sie hinzu: „du kommst in meinem buch , das wort als schöne kunst betrachtet’ mit dem zitat , das ziel ist im weg’ in kapitel 10 vor. habe endlich nachgeschaut. alles liebe, ilse“.
Armin Baumgartner arbeitet als Schriftsteller und Korrektor und lebt als Mensch in Wien.
[1] Ilse Kilic, geb. 1958 in Wien, österr. Schriftstellerin. Lebt und arbeitet im „Fröhlichen Wohnzimmer“.