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„Lyrikerin mit mathematischem Sprachsystem“

Ein Porträt der verstorbenen dänischen Dichterin Inger Christensen

© Die Berliner Literaturkritik, 05.01.09

 

Von Thomas Borchert

KOPENHAGEN (BLK) - Immer wieder ist die dänische Dichterin Inger Christensen als Kandidatin für den Nobelpreis gehandelt worden, doch die bedeutendste Literaturauszeichnung der Welt blieb ihr am Ende versagt. Im Alter von 73 Jahren starb, wie erst am Montag bekannt wurde, Dänemarks bedeutendste Lyrikerin der Gegenwart bereits am Freitag.

Das poetische Formulieren betrieb die Tochter eines Schneidermeisters (aus Vejle in Jütland) mit einem Sprachsystem nach mathematischen oder musikalisch-kompositorischen Regeln. Christensens Werk wird von der Kritik überwiegend der experimentellen Literatur zugerechnet, die Autorin konnte aber dennoch einen für Lyriker breiten Leserkreis für sich gewinnen.

„Berlingske Tidende“ schrieb einmal, die Dichterin habe von Zeitströmungen unabhängige Lyrik und Prosa mit enormer Leuchtkraft geschaffen. „Sie erinnert immer wieder an die Überwindung einer großen Trauer“, hieß es. Man könne sagen, dass sie ihr literarisches Genre „revolutionär erneuert“ habe, wenn diese Begriff nicht so schlecht zur scheuen und sich selbst fast verleugnenden Persönlichkeit der Dichterin passe. Christensen trat als Person öffentlich kaum in Erscheinung. Die Ex-Lehrerin war 1959 bis 1976 mit dem ebenfalls über Dänemark hinaus bekannten Schriftsteller Poul Borum (1934-1996) verheiratet.

Über ihre literarischen Anfänge hat Inger Christensen mit Humor und Souveränität gesprochen. „Als Gymnasiastin hab ich einen unglaublichen Mist geschrieben“, bekannte sie rückblickend. Internationales Ansehen errang sie mit einem relativ schmalen Werk. Dabei spielten die drei Gedichtsammlungen, die in ihrer dänischen Heimat 1969 („Det“), 1981 („Alphabet“) und 1991 („Sommerfugledalen“) erschienen, eine besondere Rolle.

Als „Meisterwerk europäischer Poesie“ wurde „Schmetterlingstal. Ein Requiem“ gerühmt: Es enthält einen klassischen Sonettenkranz mit vierzehn Sonetten und dem abschließenden Meistersonett. Christensens Requiem entfaltet in einem Spiel von kindlichen Verwandlungen in verschiedenen Schmetterlingsarten eine „Symmetrie der Trauer“. Wirklichkeit und Vorstellung lassen sich in ihren Werken kaum auseinanderhalten. Zur Jahrtausendwende erschien „Der Geheimniszustand und Das Gedicht vom Tod“, eine Sammlung von Essays und Lyrik.

Über sich selbst und den Antrieb zum Schreiben erklärte Christensen einmal: „Ich bin eine ganz normale Sterbliche, mache Essen und treibe alles Mögliche. Nur manchmal, und es geschieht eigentlich selten, vergesse ich, was ich gewusst habe. Dann muss ich es noch einmal formulieren.“

Die Schwedische Akademie, die auch den Nobelpreis vergibt, ehrte sie 1994 mit dem Nordischen Preis. Im selben Jahr erhielt sie den Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur, ein Jahr später den belgischen Grand Prix des Biennales Internationales des Poesie. Weitere Auszeichnungen waren der Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie (1995), der Horst-Bienek-Preis für Lyrik und der Lyrikpreis der Bayerischen Akademie der Künste (beide 1998). Die Dichterin war Mitglied des „Bielefelder Colloquiums“ und hat auch Lyrik aus dem Deutschen ins Dänische übersetzt. 2006 bekam sie als zweite Preisträgerin nach Peter Handke den mit 50 000 Euro Siegfried-Unseld-Preis des Suhrkamp Verlags.

Über die besondere Wirkung von Lyrik sagte Inger Christensen: „Wenn man Romane liest, lebt man sich in eine große Welt hinein. Bei Gedichten führt man ein Gespräch mit sich selbst.“

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