Von Nada Weigelt
NEW YORK (BLK) – Elie Wiesel hat Auschwitz überlebt. Sein Vater Schlomo, seine Mutter Sarah und seine kleine Schwester starben in der Vernichtungsmaschinerie der Nazis. Seither hat Wiesel sein Leben dem Kampf gegen das Vergessen gewidmet. Weltweit wirbt der amerikanische Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger für das Wachhalten der Erinnerung an die sechs Millionen Opfer des Holocaust – nicht als Rückblick auf die Geschichte, sondern als Lehre für alle Zukunft. „Wer sich dazu herbeilässt, die Erinnerung an die Opfer zu verdunkeln, der tötet sie ein zweites Mal“, sagte er im Jahr 2000 in einer denkwürdigen Rede vor dem Deutschen Bundestag. Am Dienstag (30. September 2008) wird Elie Wiesel 80 Jahre alt.
Sein wichtigstes Werk ist das Erinnerungsbuch „Die Nacht“ (1958). Prägnant und überaus eindringlich schildert er darin seine Erlebnisse im NS-Konzentrationslager Auschwitz. Der Bericht wurde in 30 Sprachen übersetzt und ist bis heute eines der meistgelesenen Bücher zum Holocaust. Vor allem in den USA wurde Wiesel damit zur Kultfigur und gilt als einer der führenden Köpfe des amerikanischen Judentums. Als die amerikanische Starmoderatorin Oprah Winfrey eine Neuausgabe von „Die Nacht“ vor zwei Jahren in ihrem Fernseh-Buchclub vorstellte und dafür mit Wiesel in Auschwitz „auf Spurensuche“ ging, schnellten die Verkaufszahlen für das Buch in die Höhe. Kritiker werfen ihm jedoch auch vor, vor allem sich selbst zu vermarkten.
1928 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Siebenbürgen geboren, hatte Elie eigentlich Rabbi werden sollen. Doch seine behütete religiöse Erziehung in dem kleinen Karpatenstädtchen Sighet bricht jäh ab: 1944 wird die Familie nach Auschwitz deportiert. „Uns sagte der Name gar nichts“, berichtete er später in einem Interview. „Es dauerte nur wenige Minuten, und schon waren alle Familien auseinandergerissen, Männer und Frauen wurden getrennt.“
Seine Mutter sollte Wiesel nie wiedersehen. Mit seinem Vater kam er als Häftling Nummer A-7713 zunächst ins Stammlager, später nach Buchenwald, wo der geliebte Vater kurz vor der Befreiung des Konzentrationslagers starb. „Man hatte ihn geschlagen, und ich konnte ihm nicht helfen. In seiner letzten Stunde rief er meinen Namen. Am Ende antwortete ich nicht mehr. Ich fürchtete mich.“ Die Schuldgefühle der Überlebenden, die Zweifel an der Existenz Gottes in einem solchen Grauen und die Fragen jüdischer Identitätsfindung – auch diese Themen blieben bestimmend für Wiesels Denken.
Nach dem Krieg kam er in ein Waisenhaus in Frankreich, setzte seine Talmudstudien fort und studierte später an der Sorbonne in Paris Philosophie und Literatur. Lange Jahre arbeitete er als Journalist und Auslandskorrespondent, bis ihn der französische Literatur-Nobelpreisträger Francois Mauriac (1885-1970) ermunterte, „an das Unsagbare zu erinnern“. Auf sein erstes Werk „Die Nacht“ folgten fast 50 weitere Bücher – Essays, Romane, Theaterstücke. Wiesel, seit 1963 US-Bürger, wird zum Anwalt verfolgter Minderheiten in aller Welt. 1986 erhält er für seine Vorbildfunktion im Kampf gegen Gewalt, Unterdrückung und Rassismus den Friedensnobelpreis.
Auch in die deutsche Politik schaltet er sich immer wieder ein. Vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau forderte er 2000 eine offizielle Entschuldigung der Deutschen beim jüdischen Volk. Im sogenannten Historikerstreit 1986/1987, in der Debatte um Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willfährige Vollstrecker“ 1996 und in der Diskussion um Martin Walsers Roman „Tod eines Kritikers“ – jedes Mal bezog er dezidiert Position. „Ich habe nie an eine Kollektivschuld geglaubt“, sagte er im vergangenen Jahr bei einem Kongress in Auschwitz. „Die Kinder der Mörder sind keine Mörder, sondern Kinder.“
Seit 1976 hat Wiesel eine Professor für Geisteswissenschaften an der Universität in Boston. Daneben setzt er mit unvermindertem Elan seine schriftstellerische Tätigkeit fort, meist auf französisch. Seine Frau Marion ist die wichtigste Übersetzerin seiner Werke ins Englische.
Wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag nahm er als UN-Friedensbotschafter an einem Jugendparlament der Vereinten Nationen in New York teil, wo er einst fast zehn Jahre lang als Korrespondent gearbeitet hatte. Für seinen mitreißenden Auftritt erhielt er langen, begeisterten Applaus. „Man muss Partei ergreifen“, sagt er. „Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer.“
Literaturangaben:
WIESEL, ELIE: Die Nacht. Erinnerung und Zeugnis. Herder Verlag, Freiburg 2008. 160 S., 8,95 €.
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