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Manfred Butzmann betreibt „Heimatkunde“

Ein Text-Bild-Band über den Künstler und Bürgerbewegten Manfred Butzmann

Von: KLAUS HAMMER - © Die Berliner Literaturkritik, 02.01.08

 

Er ist als politischer Akteur, listiger Provokateur, Partisan der Aufklärung, dokumentarischer Realist, Ein-Mann-Bürgerbewegung, Spurensicherer, Stadtarchäologe und Berlin-Chronist bezeichnet worden, doch alle diese Bezeichnungen geben nur Teilstücke seines mehr als vierzigjährigen Wirkens wieder. Er betreibe „Heimatkunde“, so hat Manfred Butzmann sein Wirken selbst genannt.

Er mischte sich zu DDR-Zeiten ein, als die Bäume an den Straßen abgeholzt werden („Bürger, schützt Eure Steige!“), als historische Gebäude der Abrissbirne zum Opfer fallen sollten. Es trieb ihn auf die Barrikaden, wenn ihn da etwas ärgerte. Den tristen Garagenbau auf ruinierten Villengrundstücken verhinderte er in Berlin-Pankow, wo er bis zu seinem diesjährigen Umzug nach Potsdam lebte, durch Anlage eines Spielplatzes und durch jährliche „Hasenfahnenfeste“ für Kinder und Nachbarn.

Es macht ihn krank, wenn er an die Umweltschäden globaler Dimension von Deutschland bis nach China denkt – „Brüder, es brennt!“ Aber alle seine Aktivitäten waren immer mit Kunst verbunden. Er meldete sich stets als Künstler zu Wort, sei es durch seine selbst gedruckten und verlegten Plakatserien und Postkartenfolgen, durch seine Grafik und Malerei oder seine Abreibungen und Texte, die alle ineinander greifen und deren Ganzheit erst sein Lebenswerk ausmacht.

Manfred Butzmann erhielt 1991 den Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste und das Käthe-Kollwitz-Museum eröffnet mit ihm – gerade recht zu seinem 65. Geburtstag – eine Werkschau, die künftig mit anderen ausgewählten Kollwitz-Preisträgern fortgesetzt werden soll. Annähernd 200 Arbeiten werden vorgestellt, von den frühen milieukritischen Bildern Anfang der 60er Jahre über die politischen Plakate, die Radierungsfolgen „Hans im Glück“ (1970), „Auch ein Totentanz“ (1972), „Eindrücke“ (1977), „Steinernes Berlin“ (2 Teile, 1981-82, 1983-87), „Siebensachen“ (1885) bis zu den Abreibungen (Frottagen, 1996-98) und jüngsten Aquarellen (Porträts, Figurenbilder, Interieurs, (Stadt-)Landschaften) und neuen Plakaten.

Der von den Ausstellungs-Kuratorinnen Gudrun Fritsch und Annette Seeler besorgte Katalog vermittelt mit Aussagen des Künstlers, vielen Stimmen von Freunden, Künstlerkollegen und Kunstkritikern und reichem Bildmaterial ein anschauliches Bild von diesem einzigartigen Künstler-Phänomen.

In Wilhelm-Busch-Manier hat der 28-jährige Künstler „Hans im Glück“, den Jedermann von heute, in Bild und Text vorgeführt, und hier bereits schlägt die skurrile Ironie alsbald in bitterböse Satire um. „Auch ein Totentanz“, jene kleinformatige Radierfolge mit metaphorischen Anspielungen, verlegt die Dialogform Tod – Mensch ganz in die Gegenwart. Die Menschen sind – zudem amputierte – Gliederpuppen, deren Glieder man nach Belieben biegen, verrenken oder austauschen kann. Das macht sie zu einem Bildträger von Vergewaltigung und Brutalität, von Manipulierbarkeit und Willfährigkeit für den Sensenmann, der hier Schicksal spielt. Das Totengerippe bedient sich mal der Fiedel und dann wieder der Sichel und des Säbels, meditiert als Philosoph über die Menschen oder schreibt als Arzt die Kopf- und Beinlosen „lebensverwendungsfähig“.

Unter dem scheinbar harmlosen Titel „Eindrücke“ verarbeitete Butzmann grafisch seine Erfahrungen bei der Nationalen Volksarmee. Es waren die ersten Innenansichten des Soldatenalltags in der DDR überhaupt. Auf Blatt 1 wird eine stimmungsvolle nächtliche Landschaft nur durch eine schwarze Tafel – man ahnt die Aufschrift „Militärisches Gelände – Betreten verboten!“ – getrübt. Die Landschaft da draußen ist auf Blatt 2 durch einen Drahtzaun vom Militärgelände vorn abgetrennt, während Blatt 3 einen von Baracken eingeschlossenen Appellplatz zeigt.

Butzmann bemerkt dazu: „Der Hof isoliert den Soldaten vollkommen von der umgebenden Landschaft. Nur der Himmel und der regennasse Boden erinnern an etwas Natürliches: Wetter“. Der Blick fällt dann von den in Reih und Glied aufgestellten Doppelstockbetten und Spinden (mit dem Marschgepäck), von den schlafenden oder mit Gasmaske und Kampfanzug bekleideten Soldaten – eine andere Art von Totentanz – nach draußen auf Sturmbahn, Schießplatz oder Kasernenhof im Nebeltag.

Der NVA-Soldat Butzmann hat Kasernenfronten und Zellentüren, Soldatenversammlungen und Armee-Lkws, das eigene Porträt und das seiner Kameraden gezeichnet und dabei auch die die Militärzone umgebende Landschaft nicht vergessen. Solche Arbeiten wie diese haben dem Künstler das Etikett dokumentarischer Realismus eingebracht, der sich zwar ausdrücklich des Kommentars enthält und dennoch – so hat es sein Künstlerkollege Konrad Knebel formuliert – „sehen lehren will“.

Seine „Siebensachen“ (Schlüsselbund, Taschenmesser, Uhr, Brille, Notizbuch, Portemonnaie, Fahrradschlüssel) hat Butzmann in einer Aquatintafolge beschrieben, die Dinge, die man täglich braucht, die man verliert und wieder ersetzt, die einem Inhaftierten abgenommen oder dem Toten aus der Tasche geräumt werden. Es ist eine Bestandsaufnahme des Allernotwendigsten, eine Art Inventur-Machen der eigenen Existenz in äußerster Verknappung der Form, in strenger Konzentration auf eine elementare Dingwelt. Es bedarf des Echos einer banalen Gegenständlichkeit, um seines eigenen Wertes inne zu werden. Der aber lässt sich nicht bestimmen, nur noch umstellen durch das, was die „Inventur“ erbringt.

Beklemmende menschenleere architektonische Situationen geben seine beiden Mappen mit Aquatintaradierungen – auf dem für sie charakteristischen unregelmäßig-körnigen Grund – zum Thema „Steinernes Berlin“ wieder: Ruinen und Trümmer des letzten Krieges, historische Fassaden mit Einschüssen, kargste Giebelwände mit den Rudimenten früherer Werbeinschriften, gleichermaßen marode Miets- und Hinterhäuser wie Villen, labyrinthische Häuserdurchgänge, ein qualmender Krankenhausschornstein oder ein verrottender Gasbehälter, Fahnenstangen vor dem Berliner Dom.

Ein Ost-Berlin der 80er Jahre, unbestechlich in seiner Authentizität, Kriegs- und Nachkriegszeit mit der „sozialistischen“ Gegenwart verbindend, Alt- und Neubauten im Mit- und mehr im Gegeneinander, architektonische Disproportionen, die auf die Sozialstruktur verweisen, das Mauerwerk mit sprechenden Erosionen, die Geschichte, Witterung, Umweltverschmutzung und Vernachlässigung bewirkt haben.

Ein Blatt mit dem Titel „Grenzmauer“, das eindeutig die Berlin teilende Mauer meint, wird bis auf einen schmalen grauen Himmelsstreifen von der undurchlässigen Betonmauer ausgefüllt, in die sich die Schicksale der Menschen zeichenhaft eingegraben haben. Ein anderes, „Freitreppe am Museum“, führt auf einer Treppe zu einer Giebelwand mit einer Fensteröffnung, durch die man nicht ins Innere, sondern nach draußen zur nächsten Giebelwand des zerstörten Gebäudes schaut. Die Treppe geht also ins Leere… Symbolträchtiger kann ein Blatt nicht sein.

Die Technik der Frottage, der Durchreibung von natürlichen Strukturen mit Graphit oder anderen Materialien, benutzte zuerst Max Ernst, der die Maserung des Holzes oder das Geäder von Blättern in suggestive surrealistische Bilder transponieren wollte. Butzmann dagegen liest den Böden, Wänden und Steinen, die er in Mietshäusern wie historischen Gebäuden abreibt, dem Stein, dem Pflaster, den Kacheln und Fliesen, deren Geschichte und Geschicke ab. Sie erzählen von den Menschen, die darüber hinweggelaufen sind, darin ihre Zeichen hinterlassen haben.

„Es ist nur das dünne Papier zwischen Wirklichkeit und Kunstergebnis“, sagt er. Druck bedarf des Gegendrucks, damit etwas sichtbar wird, wenn man (einen) Druck macht, will uns Butzmann mit seiner Frottage-Technik zeigen und erläutert damit auch sein künstlerisches Programm.

Und dann vor allem seine lakonischen Foto-Plakate im eigenen Auftrag, die ihn, angeregt durch die 20-jährige Bekanntschaft mit Klaus Staeck, zur kritischen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen trieben. 1968 schreibt der Friedensverfechter Butzmann zu einer aufgeschlagenen Seite aus dem Familienfotoalbum der Eltern: „Ich kenne meinen Vater nur von Bildern – meine Kinder sollen mich lebend kennen“.

Als er 1981 ein Plakat für eine Ostberliner Ausstellung von Klaus Staeck gestalten sollte, verwendete er das Staeck-Plakat „Die Gedanken sind frei“ und schrieb provokant dahinter „vom 3.12. bis zum 19.12.1981“ (das Ausstellungsdatum). Das Plakat durfte in dieser Form nicht gezeigt werden. Auf einem anderen Plakat steht „Zum Beispiel“ über einem Foto von einem Spielzeuggewehr in einem Abfallbehälter aus Beton.

1995 veranlasste ihn der Besuch von Bundeskanzler Helmut Kohl in China – 6 Jahre nach dem Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens – zu einem Plakat „Chinesisches Souvenir“: Unter einem Zeitungsausschnitt mit Foto und der Überschrift „Ohne Militär läuft nichts. Kohls Besuch beim wichtigsten Wirtschaftsfaktor: dem Unternehmen Volksbefreiungsarmee“ werden die Worte eines chinesischen Dichters gesetzt, dass das vorsätzliche Schweigen, „vom Import-Export-Volumen diktiert“, ihm mehr Angst mache als das Massaker: „dieses Schweigen ist Mord“. Dieses von vielen Gleichgesinnten mitveröffentlichte Plakat kostete Butzmann eine Geldstrafe von 1 500 DM, die erst durch den Einsatz eines Rechtsanwaltes auf ein Drittel reduziert werden konnte.

Butzmann ist wirklich ein einzigartiges Künstler-Phänomen. Wir haben zu wenige solcher politisch und sozial engagierten, bürgerbewegten Künstler in unserem Land, die nicht mit agitatorischem Pathos, sondern mit aufklärerischem Intellekt, verschmitztem Humor und hintergründiger Ironie – manchmal stellt er nur Fragen, aber Fragen mit Fußangeln – sich einmischen in die Belange der Gesellschaft, die ja doch unsere Belange sind.

Literaturangaben:
BUTZMANN, MANFRED: Eine Werkschau in sieben Kapiteln – Zum 65. Geburtstag. Käthe-Kollwitz-Museum Berlin, Katalog, Berlin 2007. 144 S., 20 €.

Verlag

Klaus Hammer, Literatur- und Kunstwissenschaftler, schreibt als freier Buchkritiker für dieses Literaturmagazin. Er ist als Gastprofessor in Polen tätig


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