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Max Pechstein: Mann am Meer

„Ein Expressionist aus Leidenschaft“

© Die Berliner Literaturkritik, 15.06.12

Dieser Text erschien erstmals am 22. November 2010 in diesem Literaturmagazin.

Peter Thurmann, Aya Soika und Andrea Madesta (Hg.): Max Pechstein. Ein Expressionist aus Leidenschaft, Hirmer Verlag, München 2010, 360 Seiten, 39,90 Euro.

Von Roland H. Wiegenstein

Max Pechstein gehörte als einer der Protagonisten der Künstlervereinigung „Die Brücke“ zu jenen deutschen Expressionisten, die von Dresden aus die Kunst aufmischen wollten. In der Tat muss man einige seiner Bilder zu den Inkunabeln der Gruppe zählen, zu der beispielsweise auch Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Otto Mueller und Karl Schmidt-Rottluff gehörten.

Damals, vor dem Ersten Weltkrieg, galt Pechstein (1881-1955) als der Sprecher der Brücke-Maler, obwohl er der Gruppe doch nur von 1906-1912 angehörte – in jenen glücklichen Tagen, als man gemeinsam Urlaub an den Moritzburger Teichen machte, die Freundinnen nackt malte und zeichnete und die Kunstwelt schockierte.

Pechstein, der als einziger von ihnen eine solide Ausbildung als Maler hatte, galt jenen kunstinteressierten Wenigen, die diese Expressionisten schätzten, als ihr bedeutendster Künstler. Hatte er doch, nach dem er in der großen Ausstellung der „Secession“ ausjuriert worden war, mit Georg Tappert die „Neue Secession“ gegründet und dort nicht nur selbst ausgestellt, sondern auch die Freunde aus Dresden. Ihre Vorbilder hießen Van Gogh und Gauguin, ihre Bilder erregten Schrecken, Pechstein wurde als „Attentäter auf unsere Augen und unseren Frieden“ bezeichnet. Gleichwohl waren die Ausstellungen der „Neuen Secession“ in Berlin eine künstlerische Sensation.

Pechstein, der seit 1908 fest in Berlin wohnte und der „Brücke“ als auswärtiges Mitglied angehörte, ging seit 1912 eigene Wege, die ihn 1914 bis nach Palau in der Südsee führten (die Inselgruppe hatte das Deutsche Reich annektiert: es wollte seine eigenen Kolonien!) Pechstein wurde noch im gleichen Jahr, nachdem die Japaner die Inselgruppe erobert hatten, ausgewiesen und kehrte erst 1915 über die USA nach Deutschland zurück, wurde eingezogen, überstand den Krieg ohne größere Schäden, gehörte, ohne Kommunist zu sein, zu den Gründern der „November-Gruppe“, die er bald auch wieder verließ.

Er malte wie ein Besessener, jeden Sommer an der Ostsee, erst in Nidden an der Kurischen Nehrung, später im hinterpommerschen Leba. Das einfache Leben, das ihn als sein Paradies schon in Palau infiziert hatte, ließ ihn nicht los. Es war nicht bloß der ständige Geldmangel, der ihn mit den Fischern auf Fang gehen ließ.

Während der Nazizeit geriet er in einige der Ausstellungen zur „Entarteten Kunst“, konnte aber dennoch 1939 in einer Berliner Galerie neue Bilder zeigen. Viele seiner Bilder wurden aus Museen aussortiert, aber als Glasmaler bekam er immer wieder Aufträge - wenn auch nicht viele. Nicht einmal sein enger Freund George Grosz konnte ihn zur Emigration bewegen, er wollte unbedingt als deutscher Patriot in Deutschland leben, auch wenn ihm die Kunstwarte der NSDAP das Leben schwer machten. Meist lebte er in Leba, verkaufte allenfalls im Ausland (wo seine Werke, etwa in Chicago, immer wieder gezeigt wurden). Nach 1945 wurde er Professor an der Berliner Hochschule der Künste, seine Kunst rehabilitiert.

Pechstein, SelbstbildnisZu seiner Biografie gehören Reisen nach Italien und Paris und die verbissene Arbeit an seinen Bildern, von denen ein großer Teil zum Ende des Krieges verloren ging. Ein deutsches Schicksal, das man nun auf einer Zeittafel von Monat zu Monat verfolgen kann. Sie steht in dem Ausstellungskatalog „Max Pechstein. Ein Expressionist aus Leidenschaft“, der eine Wanderausstellung begleitet (Kiel, Regensburg, Ahlen.) Sie verschafft einen guten Überblick über sein Schaffen und sie erlaubt eine Einschätzung seines Werkes. Es gibt darin keine anderen „Brüche“ als die dem Alter geschuldeten. Noch in den fünfziger Jahren kehren Erinnerungen an die Südsee in seinen Bildern ebenso wieder wie Ostsee-Landschaften. Sein Repertoire blieb begrenzt und es sind vor allem die Bilder der „Brücke“-Zeit, die noch heute faszinieren: die Akte und jungen Mädchen, wie etwa das Porträt seiner ersten Frau, das den Einband des opulenten Katalogs schmückt. Er war, wie Kirchner, ein guter Zeichner und in den Jahren der Zusammenarbeit entstanden viele Bilder, die zeigen, auf welch selbstständige Weise er die Anregungen Van Goghs, Gauguins, aber auch Matisse’ aufgenommen und sich anverwandelt hat. Viele seiner Landschaften und Genrebilder aber sind verteufelt alt geworden und weit entfernt von der Genialität des Strichs, der konsequenten Härte der Fügung, wie wir sie auf den Bildern Kirchners finden, weit auch von den Farbexplosionen, der koloristischen Qualität von Schmidt-Rottluff.

Das, was seine Zeitgenossen schon damals bemerkten, zeigt sich nun deutlich: „Pechsteins Kunst erhält als gemäßigte und dekorative Form der Moderne des Expressionismus breite Anerkennung“, schreibt Andrea Madesta in einem der instruktiven Katalogartikel. Der Katalog selbst ist auch dank seiner Dokumentationen für jede Beschäftigung mit Pechstein höchst nützlich. Aber er macht auch schmerzhaft klar, wie die Maßstäbe des Sehens sich verändern – und damit die Beurteilung von Qualität. Und dabei rutscht ein beachtlicher Teil von Pechsteins Werk in die zweite Reihe.


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