Marion Gays Schreibspiele

Plädoyer für Kreatives Schreiben als Unterrichtsfach

© Die Berliner Literaturkritik, 23.03.09

 

An deutschen Universitäten existiert Kreatives Schreiben als Fach nur vereinzelt – gerade einmal in Leipzig und Hildesheim gibt es eigenständige Studiengänge –, und ist als solches immer noch umstritten. Anders als in den USA, wo das Creative Writing vom Stundenplan der Colleges nicht wegzudenken ist, arbeitet man sich hierzulande noch an der Frage ab, ob Schreiben überhaupt lehrbar sei. Geradezu natürlich erscheint deshalb auch die Lücke in den Lehrplänen der Schulen: „Sport, Malen und Musik sind selbstverständlich im Schulunterricht, Kreatives Schreiben dagegen Fehlanzeige.“

So formuliert es Marion Gay im Vorwort zu ihrem Buch „Türen zur Fantasie. Kreatives Schreiben im Unterricht mit 100 Schreibspielen“. Darin hat die Autorin und Dozentin für Kreatives Schreiben Übungen gesammelt, mit denen Schüler spielerisch zum Schreiben hingeführt werden sollen. Geeignet sind die Übungen für Kinder und Jugendliche vom Grundschul- bis zum Gymnasialalter. Sogar Kinder, die der Schrift noch nicht mächtig sind, können bei einzelnen Übungen mitmachen, indem sie sich mündlich beteiligen. Denn, so die Überzeugung der Autorin, ein lustvoller Umgang mit Sprache und Schreiben ist auch in der Schule möglich – und vermittelbar: „Ich erlebe immer wieder, dass Schüler gern schreiben, wenn sie über Dinge schreiben dürfen, die sie interessieren“, berichtet Marion Gay. Seit einigen Jahren unterrichtet sie selbst Kreatives Schreiben an verschiedenen Schulen.

Die Schreibspiele, die Marion Gay in ihrem Buch vorschlägt, reichen von kleinen Aufwärmspielen wie Alliterations- und Assoziationsketten bis zu sehr aufwendigen Projekten wie das Verfassen eines Reiseführers für Jugendliche, eines Sommerferienbuchs mit tollen Tipps zur Freizeitgestaltung oder einer Zeitung voller Quatschnachrichten. Nicht alles wirkt auf den ersten Blick unstreitbar pädagogisch wertvoll: Beim Spiel „Frag doch die Maus“ sollen die Schüler knifflige Fragen aus den Naturwissenschaften mit Fantasieerklärungen beantworten und beim Schimpfwort-ABC darf der Schreiblehrer „nicht zimperlich sein“, wenn er „mitunter heftige Schimpfwörter“ zu hören bekommt.

Gerade diese Unbefangenheit macht das Buch sympathisch. Hier wird deutlich, dass Schreiben als Ausdrucksform verstanden eben doch viel mit Malen und Basteln zu tun hat. Nicht zufällig regt die Autorin in ihren Schreibspielen auch dazu immer wieder an. Denn es geht ihr um die Fantasie und die Freude am Spiel. Dass es dabei weder „richtig“ noch „falsch“ geben kann – oder: nur „richtig“ –, unterstreichen auch die Regeln, die dem Buch als Anregung vorangestellt sind. Die erste Regel lautet: „Die Schreibaufgaben sind Angebote, Thema verfehlt gibt es nicht.“ Auch Zwanglosigkeit und Vertraulichkeit helfen, ein gutes Schreibklima herzustellen, schreibt hier die Autorin.

Auf ein Tabu weist Marion Gay jedoch hin. Man solle auf eine persönliche Lesart der Texte verzichten. Denn mag die Ermunterung zum zwanglosen, spielerischen Schreiben, das nie falsch sein kann, auch an das sozialpädagogisch verständnisvolle Nicken einer Schulpsychologin erinnern – sie will damit nichts zu tun haben. Kein therapeutisches Schreiben, sondern das gezielte Augenmerk auf „die individuelle Ausdrucksfähigkeit“ ist das Ziel: „Nicht, damit alle Schriftsteller werden, sondern damit Schreiben Spaß macht.“

Wie viel Spaß diese Spiele den Schülern bereiten können, lassen die Beispiele erahnen, die den Anleitungen beigegeben sind. Fast zu jedem Spiel ist ein unbearbeiteter Text eines Schülers oder einer Schülerin abgedruckt. Diese Beispiele aus der Praxis zeigen, welch fantasievolle und schön gestalteten Texte in kurzer Zeit entstehen können, etwa bei der Rollenprosa eines tanzenden Polizisten oder eines depressiven Sitzmöbels in den Spielen „Was in den Köpfen so vorgeht“ und „Genau so ist es gewesen“, oder auch bei der präzisen, eindringlichen Darstellung einer Muschel in „Die Kunst der Beschreibung“. Die Fabulierlust, die sich hier entfaltet, spricht für sich. Nicht nur der Ausdruck, sondern auch die Beobachtungsgabe wird hier geschult.

Und genau darum geht es der Autorin. Mit diesem Verständnis des Kreativen Schreibens greift die Autorin eine Linie der deutschen Schreibbewegung auf, die unter anderem Gerd Herholz vertritt. Anfang der Neunziger Jahre hat Herholz zusammen mit Bettina Mosler die „Musenkussmischmaschine“ herausgebracht. Das Buch mit 120 Schreibspielen ist rasch zu einer Art Schreibwerkstättenfibel avanciert – und mittlerweile in der dritten, auf 132 Übungen erweiterten Auflage erhältlich. Nicht zu Unrecht taucht Gerd Herholz in der Danksagung von „Türen zur Fantasie“ auf. Einzelne Schreibspiele darin erinnern stark an Übungen aus seinem Buch. Manche tragen sogar den gleichen Titel wie in der „Musenkussmischmaschine“, etwa die Abecedarien oder auch das Spiel „Tretjakovs Tasche“.

Wie Gerhard Herholz versteht auch Marion Gay das Kreative Schreiben nicht als Alternative zur Literaturanalyse oder zum Aufsatzschreiben, sondern als Ergänzung. Das Kreative Schreiben sollte zum Schulfach werden – davon hat Marion Gay die Rezensentin mit diesem Buch überzeugt. Dass dies möglich ist und wie es möglich sein könnte, lassen die Anmerkungen zu den Schreibspielen erahnen. Bei vielen Anleitungen steht ein Hinweis zur geeigneten Tageszeit oder Dauer eines Spiels, zu möglichen Arbeitsformen und zur Altersgruppe, die damit besonders gut angesprochen werden kann. Hierbei schöpft die Autorin aus eigener Erfahrung. Über lange Zeit hat Marion Gay selbst Schreibwerkstätten – auch in Schulen – geleitet. Vielleicht sind die Anmerkungen in ihrem Buch deshalb oft sehr hilfreich. Damit ist es sowohl Fundgrube für erfahrene Schreiblehrer als auch eine gute Handreichung für Lehrer, die erst beginnen, sich mit dem Kreativen Schreiben zu beschäftigen.

Natürlich ist der Vorrat an Vorschlägen nicht unerschöpflich, und manche Spiele ähneln sich von ihrem Ansatz her. Aber die Überschneidungen halten sich in Maßen – und wirken teilweise sogar anregend: Sie vermitteln ein Gespür dafür, wie ein Spiel variiert werden kann, wie es für eine bestimmte Altersgruppe abgewandelt werden könnte.

Das einzige, was diesem schönen Buch fehlt, hat weniger die Autorin als der sonst sehr lobenswerte Verlag zu verantworten: ein Register. Sortiert sind die Spiele ausschließlich nach Alter. Das dient der ersten Orientierung, hilft aber nur zum Teil. Denn viele Spiele, die sich für Kinder „ab 7 Jahre“ eignen, bieten auch viel versprechende Anregungen für Ältere. Da wäre es hilfreich gewesen, die Spiele zusätzlich nach Dauer und Art zu verschlagworten, etwa Gruppenspiel von individuell bearbeitbarer Übung zu unterscheiden, Aufwärmspiel von Langzeitprojekt, das konzentrationsintensive Spiel von der lockereren Nachmittagsaufgabe.

Abgesehen von dieser kleinen Einschränkung sind die „Türen zu Fantasie“ ein sehr hilfreiches und lesenswertes Buch. Nicht zuletzt empfiehlt sich der Autorenhaus-Verlag  damit noch einmal als Ort für qualitativ hochwertige Kreativ-Schreiben-Ratgeber. Neben dem Klassiker „Schriftsteller werden“ von Dorothea Brande und Büchern weiterer, zum Teil sehr namhafter Autoren wie Joyce Carol Oates und Kreativ-Schreiben-Ikone Erica Jong, hat das Buch von Marion Gay hier einen sehr schönen Platz gefunden. Das Kreative Schreiben an Schulen? Hoffentlich bald nicht mehr „Fehlanzeige“!

Von Carola Gruber

Literaturangaben:
GAY, MARION: Türen zur Fantasie. Kreatives Schreiben im Unterricht mit 100 Schreibspielen. Autorenhaus Verlag, Berlin 2008. 168 S., 16,80 €.

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