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Martin van Creveld: „Gesichter des Krieges“ von 1900 bis heute

Eine nüchterne Betrachtung: Der Wandel bewaffneter Konflikte

© Die Berliner Literaturkritik, 10.06.09

Von Chris Melzer

„Ich möchte einen Stoff oder eine Maschine schaffen können von so fürchterlicher, massenhaft verheerender Wirkung, dass dadurch Kriege überhaupt unmöglich würden“, schrieb Alfred Nobel an Bertha von Suttner. Der Erfinder des Dynamits irrte furchtbar und ein paar Tage, nachdem die Trägerin seines Friedenspreises gestorben war, brach der Erste Weltkrieg aus. Nobels Dynamit veränderte die Kriegführung und machte Geschichte. Wie sich die Kriegführung im 20. Jahrhundert entwickelte, beschreibt spannend und lehrreich ein neues Buch von Martin van Creveld.

Der in Rotterdam geborene, in Israel lebende und in den USA lehrende van Creveld spielt in „Die Gesichter des Krieges“ seine Stärke aus: Eine nüchterne, unideologische Analyse, ohne Angst, mit unpopulären Meinungen anzuecken. Diese Arbeitsweise brachte dem Militärhistoriker immer wieder Lob ein—auch aus rechtsradikalen Kreisen. Van Creveld bescheinigte dennoch vor Jahren in „Kampfkraft“ der deutschen Wehrmacht eine höhere Effizienz als der US Army im Zweiten Weltkrieg—freilich ohne jede moralische Wertung und allein nach militärischen Gesichtspunkten.

Und so wagt es van Creveld in seinem neuen Buch, den in Deutschland höchst unpopulären Hitler-Freund Erich Ludendorff zu loben und die Wehrmacht als für die damalige Zeit moderne Volksarmee ohne Standesdünkel zu schildern. Ludendorff sei antisemitisch und antikatholisch geworden, doch habe er als einziger die Zukunft des Krieges vorausgesehen. Während Experten in den zwanziger Jahren schnelle Erfolge durch große Luftflotten und brillante Panzervorstöße propagierten und so den „Blitzkrieg“ vorwegnahmen, habe Ludendorff geahnt, dass ein solcher Konflikt zwangsläufig in einem „totalen Krieg“ enden müsse.

Doch das Jahrhundert beginnt bei van Creveld mit einer ausführlichen Schilderung der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die allein schon das Buch lesenswert macht. In der Epoche wurden die Konflikte des Jahrhunderts geboren und für die Erklärung nimmt sich der Autor Zeit. Auch bei der Beschreibung des Dilemmas des Ersten Weltkriegs: Stacheldraht und Maschinengewehr sorgten für eine gewaltige Dominanz der Defensive gegenüber den Offensive. In den Stellungskriegen in Flandern genügten Drahtsperren und ein paar Maschinengewehre, um ganze Regimenter aufzureiben. An erfolgreiche Angriffe und damit ein Ende des Krieges war für keine Seite zu denken.

Zuweilen muss man über van Creveld auch den Kopf schütteln. Etwa wenn er die richtige These aufstellt, dass Armeen immer kleiner werden, dafür aber die Wehrmacht von 1944 mit der Bundeswehr von heute vergleicht—einer Armee mitten im größten Krieg der Geschichte und eine von Freunden umzingelte Streitkraft, die sich immer weiter spezialisiert. Diskutieren mag man auch über die These, die Atombombe habe die Welt sicherer gemacht. Er meint damit aber nicht nur die Politik der Abschreckung der Supermächte, sondern auch Diktatoren, die durch die Bombe „zahmer“ geworden seien.

Die größten Veränderungen sieht auch van Creveld durch die „asymmetrische Kriegführung“, der Kampf einer regulären Armee gegen nichtuniformierte Kombattanten, die—je nach Sichtweise und Kriegsschauplatz—als Freiheitskämpfer oder Terroristen tituliert werden. Erfolgreich könnten nur zwei Taktiken sein: Entweder das langsame, sanfte Austrocknen des Widerstands wie es die Briten in Nordirland getan hätten. Oder die entschlossene gewalttätige Niederschlagung, wie es Syrien 1982 in der Stadt Hama tat—was 30 000 Menschen das Leben kostete. Eine moderne westliche Armee könne gegen eine entschlossene Guerilla jedoch kaum bestehen: Vor den Augen der Weltpresse und unter der Kontrolle der Parlamente seien US-Armee und Nato der Skrupellosigkeit der Taliban und Islamisten hoffnungslos unterlegen.

Literaturangabe:

VAN CREVELD, MARTIN: Gesichter des Krieges. Der Wandel bewaffneter Konflikte von 1900 bis heute. Siedler Verlag, München 2009. 352 S., 22,95 €.

Weblink:

Siedler Verlag


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