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„Mein Schwung ist der beste“

Zum Briefwechsel Thomas Bernhard – Siegfried Unseld

© Die Berliner Literaturkritik, 13.01.10

Von Roland H. Wiegenstein

Der „Schwung“ hat Thomas Bernhard (1931-1989) und Siegfried Unseld (1924-2002) weit getragen: nach ein paar journalistischen und in den Fünfziger Jahren wenig beachteten lyrischen Arbeiten begann Bernhard seine schriftstellerische Laufbahn 1961. In den siebenundzwanzig Jahren bis zu seinem frühen Tod hat er –unermüdlich arbeitend – ein Werk hinterlassen, das in der bis heute nicht abgeschlossenen Werkausgabe 22 stattliche Bände umfassen wird, von denen sechzehn bereits erschienen sind. Ab 1964 kümmerte sich der Verleger Siegfried Unseld selbst um den Kontakt zu seinem Autor („Ich verlege nicht Bücher, sondern Autoren“) nachdem Suhrkamp Verlag 1963 den Insel Verlag, bei dem bereits Bücher Bernhards publiziert worden waren, übernommen hatte.

Der nun erschienene Briefwechsel des Verlegers mit seinem Autor umfasst auf mehr als 800 Seiten nicht weniger als 524 Briefe und Karten, sowie umfangreiche Auszüge aus den von Unseld diktierten „Reiseberichten“ (mit denen er die Mitarbeiter des Verlags über seine Reisen und die auf ihnen getroffenen Vereinbarungen unterrichtete) und der parallel angelegten (vermutlich für eine künftige Verlagsgeschichte gedachten) „Chronik“ – die ersten Bände dieser Aufzeichnungen sollen noch 2010 erscheinen - , in denen Unseld vor allem die zahlreichen persönlichen Begegnungen mit seinen Autor referiert.  Bernhard versichert in seinem ersten Brief an Unseld, dass er nicht vorhabe, den Verlag zu wechseln, nachdem er ein Angebot des Verlags S. Fischer abgelehnt hatte. Er wollte bei seiner vertrauten Lektorin Anneliese Botond bleiben. Die Verleihung des Bremer Literaturpreises 1964 an Bernhard war für Unseld ein weiterer Grund, sich intensiv um diesen zu kümmern. Er machte das Angebot, über Honorare verhandeln zu wollen. Der Autor hatte gerade, obwohl klamm, den „Vierkanthof“ in Ohlsdorf gekauft und Unseld sagt ihm bei einem Gespräch kurzerhand die von Bernhard geforderten DM 40.000 Mark zu! Im März 1965 wird dies vom Verleger in Schriftform gebracht und so beginnt die unendliche Geschichte zweier Leute, die ums Geld kämpfen wie orientalische Teppichhändler.

Dabei tritt das neue „Imprint“ Insel zunächst heftig in Vorlage, doch das leidige Kapitel taucht bis zum Schluss immer wieder auf, auch als Bernhards finanzieller Erfolg alle Befürchtungen, der Verlag werde auf den Vorauszahlungen hängen bleiben, sich längst erledigt haben. Bernhard fordert weiter und Unseld gibt nach, bringt ihm in späteren Jahren häufig zu den nicht seltenen persönlichen Begegnungen Geld mit, was Bernhard jedes Mal in freundlichere Laune versetzt. Unseld ist von dessen literarischer Bedeutung von Anfang an überzeugt, aber er hat immer wieder mit den gebrochenen Verabredungen seines kapriziösen Autors zu kämpfen: es geht um Ablieferungstermine, Details der Ausstattung der Bücher (bis hin zu Drucktype und Umschlag), um Art und Umfang der Verlagswerbung (die Bernhard meist als zu wenig prominent empfindet). 1967 schreibt Bernhard einen jener Briefe, die beides: Klage und Zufriedenheit, schön verbinden: „Manchmal habe ich in letzter Zeit gezweifelt, ob ich denn einen Verleger habe, denn es schien mir, als kümmerte sich gar keiner um mich. Dann aber habe ich mir gedacht, was denn ein wirklich guter Verleger eigentlich ist, und zwar heute ist, wie schaut er aus, und dann bin ich, möglicherweise sogar gegen meinen Willen, auf Sie gekommen. Sie blieben übrig, sonst niemand.“

Dabei ist es geblieben – bis zum Schluss, auch wenn Bernhard 1981 klagt: „Wenn es ernst wird, erhalte ich von Siegfried Unseld kein Zeichen. Schade, dass mein Verleger nicht auch mein Freund ist.“ So lesen sich diese Episteln wie ein ständiger, gelegentlich von Waffenstillständen unterbrochener Kampf, um mehr Anerkennung, mehr Verständnis, mehr Geld. Dabei geht Unseld immer wieder auf seinen egomanischen Partner zu, betätigt sich gelegentlich sogar selbst als penibler Lektor der jeweils neuesten Bücher Bernhards und unterstützt ihn in juristischen Fragen, etwa in dem absurden Gezänk zwischen dem Autor und dem Komponisten Lampersberg, der sich in dem Roman „Holzfällen“ porträtiert, ja beleidigt sah - und klagte. Der Roman wurde daraufhin in Österreich zunächst beschlagnahmt, Bernhard tobte, verbot die Auslieferung seiner sämtlichen (!) Bücher in seinem Heimatland Österreich und es bedurfte erheblicher Anstrengungen (und Kosten des Verlags) den Streit beizulegen. „Holzfällen“, diese ebenso komische wie böse Beschreibung einer Soirée wird seitdem stets mit dem Namen des eher ephemeren Komponisten verbunden bleiben. Das hat er nun davon.

Immer wenn es in den Briefen auf einen nicht mehr zu heilenden Streit zwischen Verleger und Autor zuzulaufen droht, lenkt einer von beiden ein - in einem der häufigen Gespräche zwischen beiden – an den verschiedensten Orten: von Ohlsdorf und Wien bis Portugal, denn beide reisen viel und es ist häufiger Unseld als Bernhard, der zum anderen eilt, um Missverständnisse auszuräumen. „… Und glauben Sie im Ernst, dass ich jetzt, beim Erscheinen der ‚Alten Meister’ so tue, als wäre nichts geschehen, nur weil Sie 50.000 Mark an Prozesskosten gezahlt haben?“ Unseld hält meist klaglos die Diatriben des Autors aus, die auch in dessen Werk so häufig sind. Bernhard war ein begnadeter Schimpfer, der sich von Satz zu Satz in immer heftigere Erregung zu steigern wusste. Mag davon auch manches „Inszenierung“ des versierten Dramatikers gewesen sein, die als „Rolle“ gespielte tobende Verachtung für alles, was ihm gerade nicht passte, anderes war „echt“.

Sein Hass auf Österreich etwa war profund und wie es dazu kam, kann man in seiner mehrbändigen trostlosen Jugendgeschichte nachlesen, die übrigens zu Unselds tiefem Bedauern nicht bei Insel und später Suhrkamp erschien, sondern im Salzburger Residenz Verlag, mit dem Bernhard, allen Versprechungen zum Trotz, immer wieder “fremd“-ging. Was Unseld im November 1988 schließlich zu dem verzweifelten „Ich kann nicht mehr“ brachte, das Bernhard zu der prompten Antwort verleitete: „wenn Sie, wie ihr Telegramm lautet ‚nicht mehr können’, dann streichen Sie mich aus ihrem Verlag und aus ihrem Gedächtnis.“ Dabei ist es, wie bei früheren auf Spitz und Knopf stehenden Gelegenheiten nicht geblieben: sie haben sich im Januar 1989 getroffen, lange geredet und alles bereinigt – drei Wochen vor Bernhards Tod.

Unseld hat ihn tief betrauert. Denn, und das zeigt dieser Briefwechsel eben auch: die beiden mochten sich sehr, und wenn sie gerade einmal nicht stritten, hatten sie eine gute Zeit miteinander, aßen miteinander und gingen zusammen spazieren oder auf Reisen und genossen es. So Bernhard 1976: „Ich berichte von einem Zustand zwischen zwei Menschen, die wahrscheinlich doch über eine längere Lebenszeit zusammengehören zu ihrem ureigensten Zwecke und zu ihrer Freude.“

Zum „Du“ kam es gleichwohl nie, die brieflichen Anreden mit verschiedenen Formen der Höflichkeit wechselten, wobei „Lieber Thomas“ noch die intimste war, sie waren und blieben aufeinander angewiesen: der Verleger auf seinen immer erfolgreicher werdenden Autor, der trotz seiner Forderungen dem Verlag Ruhm und Geld brachte, und Bernhard auf die Geduld und Festigkeit, auch die unverbrüchliche Treue seines Gesprächs- und Briefpartners. Unseld war es, der Bernhard entschieden von einer Passage in „Gehen“ abbrachte, in der sich Bernhard (sicher verkleidet in eine seiner Figuren) für die Todesstrafe ausspricht: „Das ist nun ein Punkt, gegen den ich persönlich ganz grundsätzlich bin. Ich halte es für richtig, dass die Todesstrafe abgesetzt wurde, und zwar aus einem einzigen Grund: ich will nicht, dass der Staat, sei’s mit rechten oder linken Vorzeichen, das Recht hat, sich als Henker zu betätigen.“ Bernhard hat nachgegeben und seinen Text geändert.

Unseld hat oft nachgegeben, als Partner und als Verleger – aber nie im Grundsätzlichen, nicht einmal gegenüber dem rechthaberischsten Autor, den er vermutlich je hatte. So weit ging die Freundschaft nicht. Er hat Bernhard auflaufen lassen, wenn das nötig war, er hat die Interessen seiner Verlage gewahrt und gleichzeitig immer wieder bewiesen, welch großer Verleger er war. Zu Bernhards Befriedigung: er wollte nur den größten. So ist dieser Band, der so viele Aufschlüsse über eine heikle Beziehung gibt und die zeitlichen Umstände, unter denen sie über zwanzig Jahre „hielt“, auch ein zeitgeschichtliches Dokument. Zusammen mit den anderen bereits veröffentlichten Briefbänden (mit Peter Weiss und Uwe Johnson) eine Art Denkmal für einen wirklich außerordentlichen Verleger, der neben sich keinen seinesgleichen hatte.

 

Literaturangabe:

BERNHARD, THOMAS; UNSELD, SIEGFRIED: Thomas Bernhard-Siegfried Unseld: Der Briefwechsel, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2009, 870 Seiten, gebunden, 39,80 €.

Weblink:

Suhrkamp Verlag

 

 


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