BERLIN (BLK) – Die „FAZ“ bespricht Dejan Enevs Erzählungsband „Zirkus Bulgarien“ sowie die „NZZ am Sonntag“-Kolumnen von Gunhild Kübler, während die „FR“ sich Lars Brandts Roman „Gold und Silber“ widmet. Die „NZZ” rezensiert „The Impact of the WTO“ von Trish Kelly, und die „SZ“ lobt Yan Liankes neues Buch „Dem Volke dienen“.
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“
Thomas Scholz rezensiert den Roman „Wenn es ein Paradies gibt“ des israelischen Schriftstellers Ron Leshem in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ („FAZ“). Der „preisgekrönte und auch mit großem Erfolg“ verfilmte Roman handle von israelischen Soldaten, die auf der Bergfestung Beaufort im Südlibanon stationiert sind. Es handle sich um Literatur, die „unter die Haut“ gehe, befindet der Rezensent, da der Autor das „intensive Gefühlsleben“ der Soldaten mit „großer Nähe zu den Protagonisten“ darstelle.
„Skurrile Kurzgeschichten“ erzähle Dejan Enev in seinem Band „Zirkus Bulgarien. Geschichten für eine Zigarettenlänge“, schreibt die Rezensentin Sabine Berking. Das „schönste traurige Buch“ handle vom Alltag der sozial Abgeschlagenen der bulgarischen Gesellschaft, „einsamen Helden“ und ihren „Überlebensgeschichten“. Es seien „lakonische, unsentimentale Inventurberichte“ über den Zustand des Landes nach der Revolution von 1989. Sprachlich folge Enev der mündlichen Erzähltradition seiner Heimat, seine Prosa werde „zu einem gewaltigen Lied der Straße“. Die Geschichten seien „fulminant“ übersetzt von Katrin Zemmrich und Norbert Randow, lobt Berking.
Mikael Niemi „versage“ als Krimiautor in seinem Roman, „Der Mann, der starb wie ein Lachs“, bemerkt die „FAZ“. Der Autor des Welterfolgs „Populärmusik aus Vittula“ richte sein Augenmerk in der Geschichte über den Mord an einem unbeliebten Zeitgenossen im schwedischen Pajala zu sehr auf die „arme Variante des Finnischen“, die Minderheitensprache Mäenkieli und deren Umgang damit. Der Roman beginne „blutig wie ein Mankell“ und werde „auch mal unheimlich wie Lovecrafts Fischmenschen-Horror“, sei aber „vor allem eine Hymne“ auf die Sprache Tornedals, dem äußersten Norden Schwedens. Dennoch erzähle Niemi „so schräg, wild und poetisch eigenwillig“, dass der Leser ihm viel verzeihe, schreibt die „FAZ“.
Ein Glück sei es, dass die „NZZ am Sonntag“-Kolumnen von Gunhild Kübler nun als Band mit dem Titel „Noch Wünsche?“ erschienen sind, freut sich die „FAZ“. Und das nicht zuletzt wegen des Vorwortes und ihrem Beitrag zur Entstehung einer der Geschichten. Inhaltlich kenne Kübler „keine Berührungsängste“, es gehe um Tiertransporte und Genitalverstümmelung ebenso wie um Marketingstrategien und Buchveröffentlichungen.
Manuela Lenzen bespricht das Sachbuch „Geist auf Abwegen. Alzheimer, Parkinson und Co. Von den Wegbereitern der Gehirnforschung und ihren Fällen“ von Douwe Draaisma in der „FAZ“. Der Psychologiehistoriker beschreibe anhand von zwölf Krankheiten aus der Gehirnforschung die „Mechanismen der Namensforschung“ und führe „mitten hinein in die Machtkämpfe und Intrigen des Medizinbetriebs“. Der Autor sei bei der Erforschung der Namen und Namensgeber der jeweiligen Krankheiten auf ein „spannendes Stück Wissenschaftsgeschichte“ gestoßen, bemerkt Lenzen.
In seinem Sachbuch „Wie klein ist klein? Eine kurze Geschichte der Quanten“ habe Autor Kenneth W. Ford im Rahmen des Möglichen und angesichts der Stofffülle „gute Arbeit“ geleistet, urteilt der Rezensent Ernst Horst. Ford habe sein Buch über die Quantenphysik aus der Sicht eines Experimentalphysikers geschrieben. Das Werk sei „kein Feuerwerk von brillanten Einfällen und Formulierungen“, jedoch eine „gute Ergänzung“ zu den populären Darstellungen. Es veranschauliche mit Beispielen aus dem Alltag, teilt Horst mit.
„Frankfurter Rundschau“
Ein Roman, der „auch in der Romantik angesiedelt“ sein könnte, ist laut Rezensent Ulrich Rüdenauer Lars Brandts „Gold und Silber“. Der Autor erzähle die Liebesgeschichte eines erfolglosen Künstlers zu einer liierten Frau in einer mittelgroßen deutschen Stadt in „Ton und Atmosphäre schwebend“. Seine Figuren erscheinen „träumerisch und ungreifbar“, bemerkt Rüdenauer. Brandt versuche, den Übergängen zwischen Fantasie und Realität, „auf die Spur zu kommen“, habe jedoch einen „Hang zu Manierismen und altkluger Weltbetrachtung“, was „enervierend und anrührend zugleich“ sei, schreibt Rüdenauer.
„Neue Zürcher Zeitung“
Die „NZZ“ rezensiert Trish Kellys „The Impact of the WTO“. In dem Buch analysiere die Autorin „detailliert neun Streitschlichtungsfälle“, die sich seit der Gründung der Welthandelsorganisation WTO – im Jahr 1995 – „zu den Themen Umwelt, Gesundheitsstandards und Souveränität“ ergeben haben, schreibt Rezensentin Indira Gurbaxani. Kelly „verdeutlicht in klaren Worten“, dass die Kritik an den Methoden der WTO nicht immer berechtigt sei, sie lege aber zugleich auch Lösungsvorschläge zur Verbesserung der Verfahren vor. Informativ und „lohnenswert“ sei die Lektüre bezüglich des Erkenntniswertes, „dass die Länder ihre Souveränität behalten“ sollen, urteilt Gurbaxani.
Reinhardt K. Sprengers Buch „Gut aufgestellt“ schaffe es, die Verbindung zwischen Manager- und Fußballwelt herzustellen, teilt die „NZZ“ mit. Die „gut geschriebenen Episoden“ aus der Welt des Fußballs können „in beliebiger Reihenfolge“ gelesen werden und stellen insgesamt alles andere als eine Aneinanderreihung von Allgemeinplätzen dar. Sie veranschaulichen vielmehr die Parallelen dieser „zwei unterschiedlichen Lebenswelten“, welche sich bei „näherer Betrachtung“ erstaunlich ähnlich seien.
Der Sammelband „Dienstleistungen – Expansion und Transformation des ,dritten Sektors’“ weise ein „faszinierendes Spektrum von Themen aus sechs Jahrhunderten“ auf, meldet die „NZZ“. Die Beiträge der – zumeist jungen – Historiker erhellen die Gründe für die Jahrhunderte währende „Vernachlässigung der Dienstleistungen“. Zudem helfe die Heterogenität der Aufsätze, die Mechanismen des „schwierig zu fassenden „dritten Sektors“ besser nachvollziehen zu können.
„Süddeutsche Zeitung“
Die „SZ“ bespricht Reinhard Seiß’ Buch „Wer baut Wien?“. Der „Strukturensucher“ Seiß gehe hier der architektonischen Geschichte der österreichischen Hauptstadt auf den Grund, schreibt Rezensent Michael Frank. Anhand von Details und „profunden Daten“ polemisiere der Autor gegen den immer mehr um sich greifenden „Höhenwahn“, der Wien in den vergangenen Jahrzehnten erfasst habe. Man könne das Buch jedoch nicht allein als Abgesang auf die urbanen Zustände der Donau-Metropole ansehen, da Seiß’ „scharfe Urteile“ eher den Willen zur konstruktiven Kritik implizieren, meint Frank.
Als eine „Mischung aus poetischen Bildern und rotzfrecher Ironie“ könne man den Roman „Dem Volke dienen“ von Yan Lianke bezeichnen, findet Verena Mayer, Rezensentin der „SZ“. Der chinesische Schriftsteller zeichne „ein realistisches, aber auch subtiles Bild“ seines Protagonisten und der gesellschaftlichen Verhältnisse im heutigen China nach. Als die den Text dominierenden Ebenen seien zum einen das erotische Moment und zum anderen die Ebene der psycho-mentalen Verfassung des „Menschen in der Revolte“ hervorzuheben. Obwohl der Autor in gewisser Weise den Versuch verfolge, mit seiner Geschichte einen Gegendiskurs zu eröffnen, wirke das Buch aber an keiner Stelle „platt gesellschaftskritisch“. Zudem sei es der „großartigen Übertragung“ von Ulrich Kautz zu verdanken, dass die Geschichte „weder in den Kitsch noch in den Kalauer“ abdriftet.
Kristina Maidt-Zinke rezensiert für die „SZ“ Johano Strassers Buch „Bossa Nova“. Obwohl es sich hierbei um einen Provinzroman handele, verzichte der Autor jedoch weitgehend „auf lokale Charakteristika“, was man durchaus „als Kunstmittel werten“ könne. Die Geschichte des Romans sei „in einer verschwommen konturierten Jetztzeit“ – ein für dieses Genre eher untypischer Zeitrahmen – angesiedelt Leider sei die Handlung jedoch lediglich mit einem einzigen Wort zusammenzufassen: „Ereignislosigkeit“. Der Autor habe damit seine mutmaßliche Intention, nämlich das Metaphysische im Banalen sichtbar zu machen, deutlich verfehlt, konstatiert Maidt-Zinke. (mar/mik/wip)
Literaturangaben:
BRANDT, LARS: Gold und Silber. Roman. Hanser Verlag, München 2008. 303 S., 19,90 €.
DRAAISMA, DOUWE: Geist auf Abwegen. Alzheimer, Parkinson und Co. Von den Wegbereitern der Gehirnforschung und ihren Fällen. Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer und Stefan Häring. Eichborn Berlin Verlag, Berlin 2008. 368 S., 19,95 €.
ENEV, DEJAN: Zirkus Bulgarien. Geschichten für eine Zigarettenlänge. Aus dem Bulgarischen übersetzt von Katrin Zemmrich und Norbert Randow. Mit einem Nachwort von Dimitré Dinev. Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, Wien 2008. 220 S., 17,90 €.
FORD, KENNETH W.: Wie klein ist klein? Eine kurze Geschichte der Quanten. Aus dem Amerikanischen von Michael Schmidt. Ullstein Verlag, Berlin 2008. 397 S., 19,90 €.
GILOMEN, HANS-JÖRG / MARGRIT, MÜLLER / TISSOT, LAURENT (Hrsg.): Dienstleistungen – Expansion und Transformation des ,dritten Sektors’. (15. – 20. Jahrhundert). Schweizerische Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 22. Chronos Verlag, Zürich 2007. 412 S., 35,80 €.
KELLY, TRISH: The Impact of the WTO – The Environment, Public Health and Sovereignty. Verlag Edward Elgar, Cheltenham 2007. 220 S., £ 49,95.
KÜBLER, GUNHILD: Noch Wünsche? Kolumnen. Mit einem Nachwort von Jürg Altwegg. Dörlemann Verlag, Zürich 2008. 180 S., 18,90 €.
LESHEM, RON: Wenn es ein Paradies gibt. Roman. Aus dem Hebräischen übersetzt von Markus Lemke. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2008. 352 S., 19,90 €.
LIANKE, YAN: Dem Volke dienen. Roman. Aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz. Ullstein Verlag, Berlin 2007. 206 S., 16,90 €.
NIEMI, MIKAEL: Der Mann, der starb wie ein Lachs. Roman. Aus dem Schwedischen übersetzt von Christel Hildebrand. btb Verlag, München 2008. 352 S., 19,95 €.
SEISS, REINHARD: Wer baut Wien? Verlag Anton Pustet, Salzburg 2007. 215 S., 22 €.
SPRENGER, REINHARDT K.: Gut aufgestellt. Fußballstrategien für Manager. Campus Verlag, Frankfurt am Main, New York 2008. 222 S., 24,90 €.
STRASSER, JOHANO: Bossa Nova. Ein Provinzroman. Pendo Verlag, München 2008. 171 S., 16,90 €.
Presseschau vom 27. März 2008
Andere Stimmen
Leseprobe
Rezensionen im Original
Verlage