BERLIN (BLK) – Die „FAZ“ bespricht Jörg Ahrens’ „Frühembryonale Menschen?“, „Das Leben im Mittelalter“ von Robert Fossier und Eugen Buß’ „Die deutschen Spitzenmanager“. Die „SZ“ rezensiert die Biografien von Johann Christian Müller (1720-1772) und E. M. Cioran. Außerdem in der Presseschau: Winfried Glatzeders Autobiografie und Lutz Seilers „Turksib“.
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“
Die „FAZ“ bespricht die Habilitationsschrift von Jörg Ahrens mit dem Titel „Frühembryonale Menschen? Kulturanthropologische und ethische Effekte der Biowissenschaften“. Der Rezensent Michael Pawlik meint, der Autor wolle sich zwar „einer normativen und politischen Positionierung in den aktuellen Streitfragen enthalten“, schaffe dies aber keineswegs. Seine ablehnende Haltung gegenüber der „protektiven Bioethik“ sei sehr deutlich, findet Pawlik. Die „FAZ“ betont, dass der Bundestag seine Entscheidung zur Stichtagsregelung menschlicher embryonaler Stammzellen nicht auf Ahrens’ Argumenten gründen sollte, da der Autor ihnen selbst nicht traue.
„Das Leben im Mittelalter“ des französischen Agrarhistorikers Robert Fossier wird in der „FAZ“ rezensiert. Der Autor möchte die Behauptung des Menschen in der Fauna, die sich größtenteils vor etwa 11.700 Jahren entwickelt habe, am Beispiel des Mittelalters zeigen, meint der Rezensent Michael Borgolte. Dabei ebne er nicht nur Unterschiede zwischen Mensch, Tier und sonstiger Natur ein, sondern auch die bislang angenommenen Differenzen von niederen und hohen Ständen, die sich seiner Meinung nach näher waren, als bislang geglaubt. Borgolte bezeichnet Fossiers Buch als „Meisterwerk“ und lobt die Leistung, die „Lebenden Bescheidenheit vor den Leistungen anderer“ zu lehren.
Bernd Wagner schreibe über die Armut, „als dichte er fürs Feuilleton“, meint die „FAZ“, die das Buch „Berlin für Arme“ kritisiert. Zusammen mit seiner Tochter Luise habe der Berliner Schriftsteller für fast jeden Ratschlag ein passendes Zitat, er wolle zeigen, dass er nicht zu jenen gehöre, „denen ihr Elend den Geist vernebelt“, meint die „FAZ“. Es liege jedoch eine große Traurigkeit „unter der gutgelaunten Ironie“ des Buches, „die Melancholie eines Schriftstellerlebens“.
Der Gastronomiekritiker der „FAZ“, Jürgen Dollase, habe fast zweihundert Beiträge seiner wöchentlich erscheinenden Kolumne „Geschmackssache“ in einem Buch versammelt, teilt die „FAZ“ mit. Der daraus entstandene Ratgeber sei ideal „für alle Leser, die sich intensiver mit den neuesten Entwicklungen der Kulinarik beschäftigen wollen“. Auch eigne sich das Nachschlagewerk zur „Vor- und Nachbereitung von Restaurantbesuchen“.
Als Einstieg in das „Modefach Sozialphysik“ sei „Warum die Reichen immer reicher werden und Ihr Nachbar so aussieht wie Sie“ von Mark Buchanan durchaus geeignet, meint die „FAZ“. Buchanan liefere eine lange und beeindruckende Liste von gesellschaftlichen Phänomenen, die mit der Sozialphysik zu erklären seien. Ansätze, die beispielsweise die augenscheinliche Irrationalität von Völkermorden auf naturwissenschaftliche Gesetze zurückzuführen versuchen, laufen jedoch Gefahr, in „mathematischen Fatalismus und Determinimus“ abzugleiten, mahnt Rezensent Hanno Beck. Bisweilen käme Buchanans Werk etwas „überzogen“, „zu leichtfüßig und weitschweifig“ daher. Die neue Denkschule überschätze noch „ihre eigenen Möglichkeiten“ – bis sie ihre „wahre Produktivität entfalten“ könne, werde daher noch eine Weile vergehen.
Eugen Buß habe sich in seinem Studienbericht „Die deutschen Spitzenmanager“ auf die „Suche nach der Identitätsstruktur der deutschen Wirtschaftselite“ begeben, meldet die „FAZ“. Dazu habe er Gespräche mit 61 Top-Managern der Nachkriegsgeneration geführt und sei zu „interessanten, nicht aber völlig überraschenden Ergebnissen“ gekommen. Auch wenn die Stichprobenzahl zu gering sei, um als repräsentativ gelten zu können, werfe das Buch einige „Schlaglichter auf eine verkannte Elite“.
Die „FAZ“ rezensiert Winfried Glatzeders Autobiografie „Paul und ich“; der Schauspieler habe diese in Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Manuela Runge verfasst. Das Resultat sei ansehnlich und könne als „ein hübsches Potpourri aus Narration und Redaktion“ bezeichnet werden, findet der Rezensent Bert Rebhandl. In einem unterhaltsamen Plauderton erzähle Glatzeder von seinem schauspielerischen Werdegang, seiner Sozialisierung in der DDR und der 1982 erfolgten Ausreise nach West-Berlin. Insgesamt sei das Buch in einer „angenehmen, nicht übertrieben selbstreflexiven Weise“ geschrieben.
In seinem neuen Lyrikband „lindennacht“ versammle Reiner Kunze neben zahlreichen „Totengedichten“ – welche vor allem Schriftstellern und bildenden Künstlern gewidmet seien – und „Spottversen“ auf die Rechtschreibreform auch einige japanische Haikus sowie koreanische Sidchos, teilt die „FAZ“ mit. Der Experimentierfreude des Dichters könne man getrost die Intention, eine „Globalisierungspoetik“ betreiben zu wollen, zugestehen, meint Rezensent Wulf Segebrecht. Das Leitmotiv der Gedichte sei, wie der Titel schon nahe lege, die Linde, an welcher Kunze beispielhaft exerziere, dass „die bloße Widergabe“ von Naturphänomenen seinem „Anspruch auf Autonomie“ nicht gerecht werde.
Lutz Seilers neues Buch „Turksib“ enthalte den poetologischen Text „Die Anrufung“ und die prosaische Geschichte „Turksib“, schreibt die „FAZ“. Im Falle der ersteren handele es sich um einen Entwurf einer Ästhetik der menschlichen Stimme; der Autor entwerfe hier das Sinnbild von der Entfaltung der Stimme und ihres „Echos im Selbst als Weg zur Poesie“. Im Prosatext „Turksib“, der einem ambitionierten, akustischen Spektakel gleichkomme und für welchen Seiler 2007 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten habe, gehe es um eine Fahrt mit der Turkistan-Sibirischen Eisenbahn; glücklicherweise fehle es der Erzählung nicht an „Momenten slapstickhafter Komik“, was sie vor einer möglichen „sprachspielerischen Überanstrengung“ bewahre.
„Süddeutsche Zeitung“
Als ein „Fernrohr ins 18. Jahrhundert“ bezeichnet die „SZ“ den ersten Teil der Autobiographie „Meines Lebens Vorfälle und Neben-Umstände“ des Pfarrers Johann Christian Müller (1720-1772). In zwei Bänden werde das Manuskript des Geistlichen erstmals vollständig veröffentlicht – und zwar in einer „mustergültigen Edition“, meint Rezensent Lothar Müller. Bei seinen Aufzeichnungen und Reflexionen ginge es Johann Christian Müller weniger um den Blick nach Innen, sondern um den genauen Blick auf die Außenwelt. So werde dem Leser unter Anderem das Studentenleben zur Mitte des 18. Jahrhunderts „facettenreich“ vor Augen geführt. Es handle sich um ein „merkwürdiges, faszinierendes Dokument“, das gerade deshalb so interessant sei, weil es den Blick „in eine ferngerückte Welt“ ermögliche.
Bernd Mattheus hat eine Biografie des „professionellen, ichbezüglichen Weltverächters“ Émile M. Cioran (1911-1995) geschrieben, berichtet die „SZ“. Darin konstatiere Mattheus, Cioran habe geschrieben, „um sich an der Welt zu rächen“. Die Biographie spare nicht an Kritik, lasse aber auch immer „Sympathie des Autors für den exzentrischen Rumänen durchscheinen“. Der „einfühlsamen, klugen“ und lesenswerten Biographie hätte es indes nicht geschadet, wenn der Autor ein Interview mit Ciorans Gefährtin Simone Boué hätte arrangieren können, meint Rezensentin Franziska Augstein. (mik/tan/win/wip)
Literaturangaben:
AHRENS, JÖRG: Frühembryonale Menschen? Kulturanthropologische und ethische Effekte der Biowissenschaften. Wilhelm Fink Verlag, München 2008. 443 S., gebunden, 49,90 €.
BUCHANAN, MARK: Warum die Reichen immer reicher werden und Ihr Nachbar so aussieht wie Sie. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2008. 262 S., 24,90 €.
BUSS, EUGEN: Die deutschen Spitzenmanager. R. Oldenbourg Verlag. München / Wien 2007. 256 S., 26,80 €.
DOLLASE, JÜRGEN: F.A.Z.-Geschmackssache. Der neue Gourmet. Tre Torri Verlag, Wiesbaden 2008. 272 S., mit Abbildungen, gebunden, 39,90 €.
FOSSIER, ROBERT: Das Leben im Mittelalter. Aus dem Französischen von Michael Beyer, Enrico Heinemann und Reiner Pfleiderer. Piper Verlag, München 2008. 496 S., gebunden, 22,90 €.
GLATZEDER, WINFRIED: Paul und ich. Autobiographie. Aufbau Verlag, Berlin 2008. 238 S., gebunden, 19,95 €.
KUNZE, REINER: lindennacht. gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. 111 S., gebunden 17,90 €.
MATTHEUS, BERND: Cioran. Portrait eines rasenden Skeptikers. Matthes & Seitz, Berlin 2007. 367 S., 28,90 €.
MÜLLER, JOHANN CHRISTIAN: Meines Lebens Vorfälle und Neben-Umstände. Teil 1: Kindheit und Studienjahre (1720-1746). Herausgegeben von Katrin Löffler und Nadine Sobirai. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2007. 422 S., 29,90 €.
SEILER, LUTZ: Turksib. Zwei Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 48 S., broschiert, 12,80 €.
WAGNER, BERND / WAGNER, LUISE: Berlin für Arme. Ein Stadtführer für Lebenskünstler. Eichborn Verlag, Berlin 2008. 144 S., broschiert, 8,95 €.
Presseschau vom 4. April 2008
Andere Stimmen
Leseproben
Verlage