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Moderne Wahlverwandtschaften

Virginia Woolfs subtile Gesellschaftskomödie aus viktorianischer Zeit

© Die Berliner Literaturkritik, 02.03.10

Von Marco Gerhards

Die Psychobiographie spielt eine große Rolle im Werk von Virginia Woolf. Erst einmal ihre eigene und dann diejenige ihrer Protagonistinnen, die auf selbstverständliche Art und Weise die persönliche integrieren und sublimieren will. Kennen sollte man auch den Hintergrund von Virginia Woolf, die einerseits aus einem klassisch rigiden, viktorianischen Haushalt des späten 19. Jahrhunderts kommt und darüber hinaus aber zusätzlich das Paket mutmaßlicher juveniler Vergewaltigung und Missbrauchs durch ihre Halbbrüder vorzuweisen hat. Kein Wunder also, dass diese moderne Märtyrerin zu ihrer großen schriftstellerischen Zeit (vor dem zweiten Weltkrieg) und abermals in den 1970er Jahren als wieder entdeckte Ikone der Frauenbewegung voran stehen darf.

So nimmt es also nicht Wunder, dass die Bücher Selbstzweck, Selbstschutz und Selbsttherapie sind. Ihre Biographen gehen davon aus, dass dies besonders bei ihrem zweiten Roman überhaupt, dem hier vorliegenden „Nacht und Tag“, geschehen ist. Längst nicht so wie es in ihrem Spätwerk offenkundig wird, zeigt Woolf aber hier dennoch bereits die zarten Früchte ihres schriftstellerischen und eben psychologischen Könnens. Der ironische Witz, der Scharfsinn und die dichten Beschreibungen lassen erkennen, wo die künstlerische Reise einmal hinführen wird.

Zum Inhalt: Katharine Hilbery, wohlerzogene Tochter aus der Londoner Oberschicht, ist standesgemäß verlobt, was bereits die klassische Implikation einschließt, dass es sich um eine langweilige Beziehung handelt, die nach Abenteuer gerade zu schreit. Wie gerufen kommt also der junge faszinierende Rechtsanwalt und soziale Aufsteiger Ralph, der sie obendrein liebt, aber seinerseits von der Frauenrechtlerin Mary verehrt wird. Natürlich, und sonst wäre Virginia Woolf ja auch nicht solch eine Ikone, entscheidet sich Katharine gegen die spießige und beengende Bürgerkonvention ihrer Herkunft und wählt die Romantik und den Zauber der Liebe zu Ralph. Zu allem Überfluss aber kommt auch noch Katharines Cousine Cassandra ins Spiel, die sich in den Verstoßenen, also den eigentlichen Verlobten der Hauptdarstellerin, verliebt. Dass Gewissensnöte, Eifersüchteleinen, gekränkte Eitelkeiten, erotische Spitzen und Verliebte, die zueinander finden, den Hauptgang dieses Literaturmenüs ausmachen, wen wundert es?

Die neue Ausgabe des Fischer-Verlags ist schlicht und ergreifend kompakt - mit zartem Papier und trotz des klaren Schrifttyps irgendwie zerbrechlich, was in erster Linie dem Inhalt und der Energie der Autorin zugeschrieben werden darf. Es wird viel theoretisiert, geredet, gedacht, überlegt und dramatisiert. Das ist nicht immer einfach mitzumachen, wer Ausdauer und Sitzfleisch hat, wird schließlich natürlich reichlich belohnt. Vor allen Dingen psychologisch. Logisch, oder?

 

Literaturangabe:

WOOLF, VIRGINIA: Nacht und Tag. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009. 502 S., 34 €.

Weblink: S. Fischer Verlag

 

 


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